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Chromglänzender Luxus im Gazastreifen

Seit kurzem fahren immer mehr Luxusautos auf den Strassen des verarmten Palästinensergebiets. Grund ist ein kurioser Nebeneffekt der Aufstände in Libyen.

Teure Schmuggelware aus Libyen: Palästinensischer Arbeiter poliert sein neues Auto.
Teure Schmuggelware aus Libyen: Palästinensischer Arbeiter poliert sein neues Auto.
Keystone

Was im Gazastreifen an Autos herumfährt, ist meist alt, verbeult und tausendmal repariert. Neuerdings aber fallen im Strassenbild mehr und mehr Oberklassewagen auf - mit libyschen Nummernschildern. Die chromglänzenden Erscheinungen im abgeriegelten, verarmten Palästinensergebiet sind ein kurioser Nebeneffekt des Aufstands gegen Muammar al-Ghadhafi: Sie werden von libyschen Flüchtlingen in Ägypten verkauft und durch die notorischen Schmugglertunnel in den Gazastreifen geschafft.

Der Ladenbesitzer Sufian Ahmad hat sich zum Kauf eines neuen Kia-Geländewagens für 50'000 Dollar (35'000 Euro) entschlossen. «Ich weiss, 50'000 Dollar ist eine Menge für ein Auto in Gaza. Aber damit erspare ich mir mindestens zwei Jahre lang, in die Werkstatt zu müssen und nach Ersatzteilen zu suchen», erklärt der 36-Jährige. «Das ist ein gutes Geschäft, und mit dem billigen Sprit aus Ägypten komme ich, glaube ich, schon hin.» Auch Benzin wird durch die Tunnels geschmuggelt.

Der Schmuggel blüht, seit Israel und Ägypten 2006 die Grenzen zum Gazastreifen abriegelten und die Warenlieferungen stark einschränkten. Die Blockade, die die militante Hamas schwächen sollte, wurden nach deren Machtübernahme in Gaza im Jahr darauf noch verschärft. Anfangs brachten die Schmuggler hauptsächlich Waffen und kleinere Verbrauchsgüter ins Land. Doch die Branche wuchs und gedieh rasch. Tunnel wurden mit Beleuchtung und Förderbändern ausgestattet und so ausgebaut, dass auf einigen der Dutzenden unterirdischen Schleichwege auch grössere Konterbande wie Vieh, Autos und SUVs eingeführt werden kann.

Teurer Spass

Mohammed Amin, einer der bekanntesten Autohändler in Gaza, hat diese Woche sechs Wagen im Ausstellungsraum stehen: einen aus Israel und fünf aus Libyen. Ein Geländewagen wurde ausweislich der Papiere am 17. April von einem Libyer nach Ägypten eingeführt, zu einer Zeit, als die Kämpfe in Libyen immer schlimmer wurden. Für jeden Wagen habe er an die Hamas-Regierung in Gaza und an die Schmuggler Steuern gezahlt, sagt Amin. Zur Zeit kämen jede Woche Dutzende Fahrzeuge aus Libyen herein. Kunden seien besonders an Hyundai Sonatas, Geländewagen von Kia und Hyundai, an BMWs und Toyotas mit Vierradantrieb der neuesten Baureihen interessiert.

«Jetzt erkundigen sich die Kunden nicht mehr nach Autos, die wir über Israel importiert haben», berichtet der Händler. «Die meisten fragen, ob wir libysche oder ägyptische Wagen haben.» Die Preise beginnen bei 24'000 Dollar (17'000 Euro). Limousinen kosten um 48'000 Dollar (34'000 Euro), Geländewagen bis zu 100'000 Dollar (70'000 Euro).

Das Durchschnittseinkommen einer Familie in Gaza ist umgerechnet gerade mal 175 Euro wert. Doch es gibt eine kleine Kaste wohlhabender Geschäftsleute und die tausenden Beschäftigten internationaler Hilfsorganisationen, die bei den örtlichen Banken Kredit zu Vorzugskonditionen bekommen können.

Not macht legal

Die Nachfrage ist gross. Die 1,5 Millionen Einwohner brauchten etwa 5000 neue Autos, schätzt der Generaldirektor des Verkehrsministeriums von Gaza, Hassan Okascha. Israel hat zwar nach dem umstrittenen Militäreinsatz gegen ein Hilfsschiff voriges Jahr seine Blockade gelockert, lässt Okascha zufolge aber immer noch nur 40 Autos pro Woche durch.

Die Hamas-Regierung sei sich schon bewusst, dass die libyschen Autos eingeschmuggelt werden, räumt er ein. Sie versuche aber sicherzugehen, dass sie nicht gestohlen seien. «Wir unterstützen dieses Phänomen nicht, aber der Markt verlangt es. Und die Belagerung Gazas zwingt uns in der Regierung, so zu verfahren, dass wir nach besten Kräften versuchen sicherzustellen, dass diese Autos legal sind, obwohl sie illegal nach Gaza kommen.»

dapd/mrs

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