Cum Sex

Ein Paar sitzt in einem edlen Restaurant.

«Komm, mein Goldschatz, jetzt bestelle ich uns einen schönen Bordeaux.»

«Komm, mein Goldschatz, jetzt bestelle ich uns einen schönen Bordeaux.»

(Bild: Bruce Mars (Pexels))

Laura de Weck@tagesanzeiger

Mann: Mein Schatz.
Frau: Was?
Mann: Ich muss mit dir reden.
Frau: Dann rede lauter, ich versteh dich kaum.
Mann: Es geht um dieses Cum-Ex.
Frau: Um Sex?
Mann: Cum-Ex.
Frau: Mit deiner Ex?
Mann: Nein, Cum-Ex, Gesetzeslücke, Steuergeschäfte und so!
Frau: Ach, Cum-Ex!
Mann: Psst!
Frau: Was ist?
Mann: Nichts.
Frau: Warum flüstern wir dann?
Mann: Hast du es mitbekommen?
Frau: Natürlich, das war überall. Da zahlt man einen Haufen Steuern für die Gesellschaft, und dann wird es von ein paar Kriminellen geklaut.
Mann: Das sind keine Kriminellen.
Frau: Salmonellen?
Mann: Wir sind keine Kriminellen!
Frau: Wir?
Mann:
Frau: Ich habe dich wieder falsch verstanden, oder?
Mann: Darüber versuch ich doch die ganze Zeit mit dir reden. Ich will, dass du Bescheid weisst, bevor die Staatsanwaltschaft bei uns auftaucht ...
Frau: Du warst bei diesen Geschäften dabei?
Mann: Cum-Ex ist nicht verboten.
Frau: Aber auch nicht erlaubt.
Mann: Erlaubt ist, was nicht verboten ist.
Frau: Aber du hast das Gesetz missbraucht.
Mann: Aber nicht gebrochen.
Frau: Warum flüsterst du dann?
Mann: Ich ...
Frau: Es ist doch völlig logisch, dass es nicht erlaubt ist, sich Steuern zurückzahlen zu lassen, die man nie bezahlt hat.
Mann: Es ist komplizierter.
Frau: Das ist nicht kompliziert. Die Steuer ist ja per Definition etwas, das für das Gemeinwesen da ist und nicht für wenige Reiche.
Mann: Was ist denn los? Du hast dich doch über das neue Haus und das Auto gefreut!
Frau: Oh Gott! Wenn unsere Freunde, die Familie, die Nachbarn erfahren, dass wir unser neues Haus mit ihren Steuergeldern gekauft haben, drehen die uns den Hals um.
Mann: Nein, Steuerhinterziehung ist gesellschaftlich total akzeptiert.
Frau: Du hast unsere Steuern aber nicht hinterzogen, sondern die von anderen geklaut.
Mann: Die Menschen haben dafür Verständnis, glaub mir. Das Bankgeheimnis wird mit allen Mitteln verteidigt. Der Nationalrat will Banken erlauben, ausländische Bussen von den inländischen Steuern abzuziehen. Das Volk befürwortet die Observierung von Sozialversicherungsbetrügern, aber ein Gesetz zur Überwachung der Steuerbetrüger würden sie haushoch ablehnen. Wir Cum-Exler werden von allen Seiten geschützt. Von der Regierung, von der Gesellschaft. Wir sind safe, es kann uns nichts passieren.
Frau: Aber warum kommt dann die Staatsanwaltschaft, wenn der Staat uns schützt?
Mann: Das macht der Staat nur pro forma. Und wir haben sowieso die besten Juristen.
Frau: Nudisten?
Mann: Juristen! Versteh doch. Nicht ich, sondern der Staat nimmt den Leuten ihr gut verdientes Geld weg! Sieh doch, was mit den Steuern passiert. Kriminelle Asylanten werden beherbergt, riesige Summen werden an zwielichtige Heilpädagogen verschleudert. Das Steuergeld ist bei uns beiden viel besser aufgehoben, mein Goldhase, als in irgendeinem nutzlosen Gemeindehaus. Komm, mein Goldschatz, jetzt bestelle ich uns einen schönen Bordeaux.
Frau: Porno?
Mann: Bordeaux!
Frau: Dann sprich endlich normal!
Mann: Goldschatz, wir beruhigen uns jetzt, geniessen das Roastbeef und dann unseren Opern-Abend. Alles wird gut.
Frau: Aber, die Oper und das Roastbeef-Rind? Werden die nicht auch mit Steuergeld subventioniert?

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