Da sehe ich rot

Ich wurde am Rotlicht von einem Velofahrer beschimpft, weil ich mit meinem Velo wartete. Wo bleibt die Solidarität?

Radeln ohne Rücksicht auf Verluste, auch in den eigenen Reihen. Alles andere als locker lässig.

Radeln ohne Rücksicht auf Verluste, auch in den eigenen Reihen. Alles andere als locker lässig.

(Bild: Reto Oeschger/Tamedia)

Aleksandra Hiltmann@thisisAleksa

Gestern wurde ich blöd angemacht. Ich sass auf dem Velo und wartete, vor mir die Ampel. Sie stand auf rot. Hinter mir ein junger Velofahrer. Er machte dieses schnalzende Geräusch, wenn man sich aufregt. Tzzzz. Dann fuhr er an mir vorbei. Über rot.

Ich habe das so satt. Ich habe es satt, dass es cool ist, ohne Helm, ohne Licht und ohne Anstand Velo zu fahren, am besten aber trotzdem freihändig und Hauptsache gut angezogen, mit so einem langen Schlüsselbändel um den Hals, der seinem Besitzer bei der nächsten Vollbremsung (vorausgesetzt es ist nicht zu uncool, mit funktionierenden Bremsen zu fahren) um die Ohren fliegt.

Ich konnte in diesem Moment gerade nichts Gescheiteres als «He, Kolleg!» zurückgeben. Auf dem restlichen Nachhauseweg steigerte sich meine Wut folglich weiter. Ich erinnerte mich an all die morgendlichen Velofahrten zur Arbeit, über viel befahrene Strassen im Morgenverkehr, grosse Kreuzungen, auf denen sich Autos, Töffs, Trams, Busse, Trottinetts und Fussgänger kreuzen. Nicht selten beobachtete ich Beinahekollisionen oder musste, obwohl korrekt geradelt, ausweichen oder bremsen, weil sich andere Leute auf Velos zu lässig fürs Rotlicht waren.

«Spart eure Schnalzgeräusche und euer Augenverdrehen auf für Autofahrer.»

Wieso tut ihr das? Ist euch langweilig? Oder ist der Drang zur Coolness tatsächlich so gross, dass ihr in Kauf nehmt, dass andere dadurch zu Schaden kommen, sogar jene von euresgleichen?

Ja, «Spiesserin» denken sich einige jetzt bestimmt. Ganz im Ernst, nein. Cool sein kann man im Club, dort kann man auch nicht tanzen, weil tanzen angeblich uncool aussehen soll. Man kann Ökotragtaschen und nachhaltige Rucksäcke tragen, die Hosen hochradeln, damit die weissen Socken zu sehen sind. Aber fahrt anständig Velo und hört auf, andere zu beschimpfen, die das schon tun. Das ist hochgradig unsolidarisch. Wir sind doch schon eine Minderheit, die sich auf dünnen Metallrahmen gegen grosse, wuchtige Vierräder behaupten muss. Wir sollten zusammen das beste Bild von uns abgeben, damit niemand über uns flucht: «Ach, wieder diese Velofahrer!» Spart eure Schnalzgeräusche und euer Augenverdrehen auf für Autofahrer, die euch auf dem Velostreifen keinen Platz lassen, aber bitte nicht für mich, die auch auf einem Velo fährt.

Sowieso, Moden ändern sich ja. Modisch ist immer das, was zuerst seltsam erscheint. Also seid die ersten beim neuen Trend. Spiessig ist das neue Cool. Warten am Rotlicht wird lässig.

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