Das Ende der Krawatte

Dem Manager steht eine Kränkung bevor. Was ihn vom Arbeiter unterscheidet, droht aus der Mode zu fallen.

Wenigstens kann der Mann ihre Länge selber wählen. Auslage mit Krawatten in Bellagio, Italien. Foto: Getty Images

Wenigstens kann der Mann ihre Länge selber wählen. Auslage mit Krawatten in Bellagio, Italien. Foto: Getty Images

Jean-Martin Büttner@Jemab

Sigmund Freud erkannte das Offensichtliche zuerst: «Die herabhängende und vom Weib nicht getragene Krawatte ist ein deutlich männliches Symbol», schrieb er in den «Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse», die er 1917/18 hielt. Die herabhängende Krawatte ist sogar ein überdeterminiertes männliches Symbol. Einerseits wegen ihrer Form, dann aber auch wegen ihrer Konsistenz. Denn der herabhängende Status der Krawatte ist ein Zustand, der am Original des Mannes ebenfalls gelegentlich vorkommt, auch wenn dieser nicht gerne daran erinnert wird. Immerhin darf der Mann bei der Krawatte die Länge selber bestimmen.

Eine Krawatte, schrieb präzis der britische «Mirror», sei «das traditionelle Zeichen von Autorität und Macht und zugleich die einfachste Art, sich bei Gelegenheit angemessen zu kleiden». Die römischen Soldaten waren die Ersten, die sich etwas Krawattenartiges um den Hals schlauften. Die moderne Krawatte stammt aus dem Dreissigjährigen Krieg und war Bestandteil der Uniform kroatischer Söldner. Trotz ihrer Geschichte gerät die moderne Krawatte offenbar in Gefahr. «Droht das Ende der Krawatte?», fragt die «Frankfurter Allgemeine» in einem längeren Artikel ihres Wirtschaftsbunds.

Die Sorge hat ihre Berechtigung. Es mehren sich Anzeichen, die auf eine Abschaffung des Krawattenzwangs hindeuten. Bei der Naspa zum Beispiel, einer der grössten Sparkassen in Deutschland, gilt künftig als Normalfall, ohne Krawatte ins Büro zu gehen. Mit seinem Entscheid, notiert die FAZ, folge das Unternehmen einem Trend.

Der Trend weitet sich in der Finanzwelt aus. Dem männlichen Bürgertum droht eine Kränkung. Als die Frankfurter Sparkasse im vergangenen März ihre Geschäftszahlen bekannt gab, trug erstmals kein einziges Vorstandsmitglied eine Krawatte. Auch Goldman Sachs, die US-amerikanische Investmentbank, hat den Dresscode abgeschafft. Andere Institute und Chefs ziehen nach.

Kalifornien machts vor

Der Trend kommt, wie so oft, aus den Vereinigten Staaten. Und zwar aus Kalifornien, von einer noch jungen Branche. Denn bei Computerunternehmen und Softwarefirmen gilt das Krawattentragen als bieder, Old Economy. Das hat schon Steve Jobs vorgemacht mit seinen Rollkragenpullovern; er war ein Bastard, der Leute im Lift feuerte, wenn ihm etwas an ihnen nicht gefiel. Aber er tat es ohne Krawatte. Mark Zuckerberg tut es ihm modisch gleich; auch er ist weniger locker, als er sich kleidet.

Dass die Tage der Krawatte gezählt sind, behaupten Zeitungen übrigens seit langem. «Das Ende der Krawatte», titelte die «Frankfurter Allgemeine» schon vor vier Jahren und ohne Fragezeichen. Der «Spiegel» tat es noch früher. In der angelsächsischen Presse fällt die Krawatte seit Jahren von den Managerhälsen. Und auch die Modemagazine grämen sich.

Was sich damit sonst noch ändert, ist eine andere Frage. Ein junger Künstler hat sie bereits beantwortet, das war Anfang der Siebzigerjahre. «Zwar laufen jetzt bürgerliche Typen mit langen Haaren und coolen Kleidern herum, aber davon abgesehen hat sich überhaupt nichts geändert. Dieselben Leute haben die Kontrolle und die Macht.»

Der Künstler hiess John Lennon. Bei ihm trugen die neuen Coolen lange Haare. Heute tragen sie keine Krawatte. Ausbeutung im Freizeittenü.

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