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Das war Spitze

In Zürich wird Mitte September das grösste Spitzengeschäft der Schweiz schliessen. Die neue Miete ist für die Geschwister de Giacomi nicht mehr bezahlbar. Der Ausverkauf hat begonnen.

«Wir haben vergessen, die Jahre zu zählen.»: Die Geschwister Romeo und Irma de Giacomi in ihrem Spitzenreich an der Börsenstrasse.
«Wir haben vergessen, die Jahre zu zählen.»: Die Geschwister Romeo und Irma de Giacomi in ihrem Spitzenreich an der Börsenstrasse.
Sophie Stieger

Wenn Irma und Romeo de Giacomi hinter dem Korpus ihres Ladens stehen, sehen sie aus wie in Öl gemalt. Gedämpftes Licht fällt durch die Schaufenster ins Innere, die Möblierung ist unverändert wie vor 90 Jahren, sogar die Zapfen sind noch sichtbar, durch die das Gas vor der Elektrifizierung in die Lampen strömte. In diesem filmreifen Dekor schlummern Schätze und Kostbarkeiten. Aber nicht mehr lange. Der Laden an der Börsenstrasse gegenüber der Nationalbank in Zürich wird bald verschwunden sein. In den Schaufenstern hängt bereits ein Schild, auf dem in grossen roten Lettern verkündet wird: «Kaufen Sie noch, was es später nicht mehr gibt.»

Irma und Romeo de Giacomi sind kein Ehepaar, sondern Geschwister. Sie gehen auch nicht freiwillig in Rente, sondern hätten gerne noch einige Jahre weitergearbeitet. «Die neue Miete wäre für uns aber nicht mehr bezahlbar gewesen», sagt Irma de Giacomi. Dass sie überhaupt so lange an diesem Ort haben bleiben können, führt sie auf die Zuverlässigkeit ihrer Mutter zurück. Selbst in schwierigen Jahren habe sie die Miete pünktlich bezahlt, auch wenn sie sich das Geld vom Essen abgespart habe. Die Mutter starb 1961. Das Alter ist bei den Geschwistern de Giacomi eine relative Grösse. Sie geben vor, ihr eigenes nicht zu kennen: «Wir haben vergessen, die Jahre zu zählen.»

Tischdecke für die Königin

Das Geschäft wirkt wie aus einer andern Zeit. Früher gab es allein in Zürich noch sechs Fachgeschäfte für Spitzen. Heute ist das «Spitzenhaus» einzigartig in der Schweiz. Nirgends findet man ein solch grosses und breites Sortiment. Die Auswahl ist enorm. Da liegen in und auf Vitrinen Zehntausende Spitzendecken, Vorhänge, Schals, Tischläufer, einfach alles, was jemals in Sachen Klöppelarbeiten, Gobelins, Häkelspitzen, Nadelspitzen und Frivolités hergestellt worden ist.

Wer soll das noch kaufen? Wer braucht das noch? «Unsere Kunden kommen aus der ganzen Welt», sagt Romeo de Giacomi voller Stolz. Vermögende Leute aus dem Nahen Osten bestellen fünf Meter lange, reich bestickte Tischdecken; junge Schweizer Frauen interessieren sich für Abendtäschchen aus Gobelin; Japaner kaufen folkloristische Seidenblusen; Amerikaner stehen auf Kindertrachten. Als Renner bezeichnet de Giacomi die Taschentücher, bestickt mit Schmetterlingen, Enzian, Kühen, ganzen Alpaufzügen, mit Monogramm, als Brauttaschentuch oder Poschetli. Und er erzählt die Geschichte einer Opernsängerin aus New York, die jedes Jahr extra hierher komme, nur um neue St. Galler Spitzentaschentücher zu kaufen, mit denen sie sich während ihrer Konzerte die Schweissperlen von der Stirn tupft. Mutter de Giacomi übernahm das Geschäft in den 20er-Jahren von Seiden-Grieder, als dieser in sein neues Haus am Paradeplatz zog. Damals, als die Nationalbank noch nicht vor der Aussicht stand, hatte das Gebäude an der Börsenstrasse freie Sicht auf den See. Diese Sicht erlebte Irma de Giacomi zwar nicht mehr, dafür kannte sie das Spitzenhaus umso besser. Sie ist darin aufgewachsen, genauso wie der Bruder und zwei weitere Geschwister. Sie war dabei, als die Mutter die Haute Volée bediente, als ein Schweizer Gesandter für die Hochzeit von Königin Elisabeth II. eine Tischdecke kaufte.

Spitzen haben Zukunft

Für Irma de Giacomi stand deshalb schon früh fest, was sie werden wollte. Die Lehre absolvierte sie bei ihrer Mutter. Von 625 Lehrlingen schloss sie als Zweitbeste ab. «Schreiben Sie das aber bitte nicht: Ich wusste so viel über Spitzen, dass die Expertin überrascht war, was es alles gibt.» Dieses Wissen gibt die Fachfrau immer noch weiter. Wer deshalb das Spitzenhaus betritt, darf es nicht eilig haben. So schnell kommt kein Kunde wieder heraus.

Das viele Stehen, das zu diesem Beruf gehört, bereitet den Geschwistern keine Schwierigkeiten. Mühe haben sie dagegen mit dem langen Sitzen. «Zum Glück sind wir dauernd beschäftigt», sagt Irma de Giacomi. Sie kann sich gar nicht vorstellen, dass demnächst alles anders wird. Zu sehr hängt sie an den Trouvaillen. «Am liebsten würde ich das Inventar einer jungen Frau übergeben.» Denn sie ist überzeugt, dass Spitzen Zukunft haben. Inzwischen arbeiten die beiden weiter, als würde das Ladengeschäft gar nie schliessen. Wer ihre Nachfolge antritt, kann auch die Besitzerin Swiss Life noch nicht sagen.

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