Der Tanz ums eigene Ego

Wir nehmen uns selber wahnsinnig wichtig und nutzen Empörung oft nur, um das eigene Image aufzupolieren – anstatt in der Welt tatsächlich etwas zu verändern.

Letzte Woche forderte Tina Huber: «Alle mal entspannen, bitte!» Die einfachsten Dinge scheinen der Autorin mittlerweile so bedeutungsschwanger, dass jede Handlung zum Statement wird: Wer Gäste einlade, müsse nicht nur eine fleischlose Variante, sondern auch eine für Laktoseintolerante und Knoblauchallergiker zubereiten. Wer Souvenirs im Urlaub kaufe, riskiere einen Spiessrutenlauf: Macht sich nicht der kulturellen Aneignung schuldig, wer im Ethnolook des Ferienorts heimkehrt?

Und was ist mit dem Edelweisshemd für den Sprössling: Ein simples Kleidungsstück oder ein politisches Bekenntnis? Umzingelt von Gendersternchen und Ampelsystemen auf Lebensmitteln kann die Diagnose offenbar nur lauten: Hier ist ein «moralisches Wettrüsten» im Gange, das das Leben unnötig verkompliziert.

Um sinnvoll Gesellschaftskritik betreiben zu können, wäre vor allem Genauigkeit gefragt.

Ich sehe in solchen Debatten allerdings etwas anderes am Werk, nämlich das, was der Medienwissenschaftler Bernard Pörksen als «Pauschalismus» bezeichnet: Alles wird in einen Topf geworfen, um sich über den Brei wahlweise lustig zu machen oder diesen als absurd zurückzuweisen. Dabei wäre, um sinnvoll Gesellschaftskritik betreiben zu können, vor allem eines gefragt: nämlich Genauigkeit.

Was haben Lebensmittelunverträglichkeiten, Edelweisshemden, Ampelsysteme auf Lebensmitteln und Gendersternchen miteinander zu tun? Wenig bis nichts. Dass Kleidungsstücke auch Statements sind, ist ein alter Hut – ja, oft sogar ihr eigentliches Ziel. Auf Allergien Rücksicht zu nehmen, scheint mir zur Tugend der Gastfreundschaft zu gehören. Wer seine Freunde für allzu wählerisch hält, sollte sie nicht bekochen. Sprache wiederum transportiert selbstredend Normen.

Ob das Gendersternchen unserem Bemühen um eine geschlechtergerechte Gesellschaft zuträglich ist, kann gern diskutiert werden – es über einen Leisten mit Edelweisshemden und dem Kauf von Avocados zu schlagen, bringt uns nicht weiter. Ampelsysteme auf Lebensmitteln wiederum sollen zur gesunden Ernährung anhalten. Man mag solchen Paternalismus mit guten Gründen kritisch sehen – mit Moral hat gesundes Essen wenig zu tun.

Vermehrte Rücksichtnahme aufeinander scheint mir ein Fortschritt zu sein

Abgesehen vom Pauschalismus, der viele Debatten über das vermeintliche «moralische Wettrüsten» durchzieht, störe ich mich an einem zweiten Punkt: Oft wird suggeriert, die Bitte um Rücksichtnahme oder die kritische Rückfrage seien bereits eine grobe Attacke, und deren Folge mit Sicherheit ein rechtliches Verbot. Selten ist etwas davon der Fall. Wenn es nicht mehr erlaubt ist, für eigene Bedürfnisse einzustehen oder Kritik anzubringen, wo bleibt dann Raum für Diskussionen, von denen eine demokratische Gesellschaft lebt?

Vermehrte Rücksichtnahme aufeinander scheint mir kein zivilisatorischer Rückschritt, sondern ein Fortschritt zu sein. Statt dies anzuerkennen und Meinungsverschiedenheiten auszuhalten, werden jene, die ihre moralischen Grundsätze hochhalten, als überempfindlich diskreditiert. Wer sich seiner Position sicher ist, reagiert auf Kritik nicht verschnupft, sondern gelassen.

Etwas fällt allerdings tatsächlich auf: Die gerümpfte Nase, das Bekenntnis zu Werten kommen umso lieber zum Einsatz, als das eigene Image aufpoliert werden kann. Lobt man den neuen Pulli der Kollegin, folgt ungefragt die Auskunft, er sei «Fair Trade». Fragt man nach dem Kuchenrezept, erhält man die Information, dass das Gebäck vegan sei, als ginge es darum, das eigene Leben mit einem moralischen Gütesiegel zu versehen.

Das eigene Image aufpolieren

«Empörung ist negativer Narzissmus», sagte die französische Psychoanalytikerin Julia Kristeva einmal in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», eine «Haltung, die zum Dogmatismus verleitet». Ich meine, hier steckt das wahre Problem mit dem Moralismus: dass wir die Empörung oft nur nutzen, um das eigene Image aufzupolieren, anstatt tatsächlich in der Welt da draussen anzupacken. So kreisen wir um uns, wie Tina Huber zu Recht schreibt, und nehmen uns selber wahnsinnig wichtig. Der Sache der Moral ist der Tanz ums eigene Ego aber fremd.

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