Die Alten als Avantgarde

Alle wollen alt werden, aber niemand will in einer alten Gesellschaft leben. Dieser Widerspruch lässt sich aufheben.

Das Leben vertändeln, gelassen, hilfsbereit, genügsam – das kann ein Vorbild für alle sein. Foto: Urs Jaudas

Das Leben vertändeln, gelassen, hilfsbereit, genügsam – das kann ein Vorbild für alle sein. Foto: Urs Jaudas

Beat Metzler@tagesanzeiger

Was tun wir nicht alles, um alt zu werden: gesund essen, joggen, die Haut cremen, nicht rauchen, wenig Alkohol trinken, präventiv zum Arzt gehen. Trotzdem fürchten wir uns vor einer Gesellschaft, in der es viele alte Menschen gibt. Gemäss einer Umfrage in Deutschland sehen zwei Drittel die «Überalterung» als Problem.

Weil die Menschen im Westen schon ziemlich gut geworden sind im Altern, steuern wir direkt in Richtung «Gesellschaft der Greise». Ab 2023 werden in der Schweiz mehr über 65-Jährige leben als Menschen, die jünger sind als 20. Dies hat das Bundesamt für Statistik kürzlich mitgeteilt. Und diese Entwicklung verstärkt sich. Schon 2030 sollen 2,17 Millionen Senioren 1,88 Millionen Jungen gegenüber­stehen. Weltweit wird die Generation über 65 in zehn Jahren erstmals mehr als eine Milliarde zählen.

Die graue Zukunft wird gern schwarz dargestellt: In «überalterten» Ländern beziehen mehr Menschen Rente, gleichzeitig zahlen weniger ein. Dies dämpfe das Wirtschaftswachstum, heisst es, beschneide die Innovationskraft, führe zu Verteilkämpfen. Dabei würden die Jungen unterliegen, weil die stimmfreudigen Alten an der Urne dominieren. Befürchtet wird eine Oligarchie der Runzligen, in der die Jungen ausgeblutet werden, bis das System kollabiert.

Pioniere des Nichtmüssens

Die häufigsten Lösungsansätze, um der «Demografiefalle» zu entfliehen, lauten: mehr Kinder machen, mehr Einwanderer anlocken, mehr Jahre arbeiten (bis 70, zum Beispiel). Nur so lasse sich der Wachstumsmotor am Laufen halten. Gern wird auch die viele Freiwilligenarbeit erwähnt, die die Alten leisten. Sprich: So ­unproduktiv sind sie gar nicht.

Manche Altersforscher dagegen sehen das kollektive Älterwerden als Vorteil. Durch die fortschreitende Automatisierung gehe den hoch entwickelten Ländern in den nächsten Jahrzehnten die Arbeit aus. Viele Aufgaben würden Roboter übernehmen. Da könne man froh sein um die vielen Pensionierten, die den Arbeitsmarkt entlasten. Vielmehr gehe es darum, die Automatisierungsgewinne fair zu verteilen.

Denkt man diese Logik weiter, werden irgendwann sehr viele Menschen wie Rentnerinnen leben. Nicht nur die Alten. Weil es zu wenig Jobs gibt. Damit würden die Alten zur Avantgarde, zu Pionieren des Nichtmüssens.

Vorbilder für die Post-Wachstumswelt

Allerdings überzeugen sie bisher nicht wirklich in dieser Rolle. Heute gilt die Pension als Zeit des Nachholens: Das, was wir während des bisherigen Lebens wegen Job und Familie verpasst haben, können wir jetzt alles auf einmal tun. Ewiges Weekend. Das bedeutet: viel reisen, viel erleben, viel konsumieren (solange Geld da ist). Von aussen wirkt das anstrengend.

Man könnte den Ruhestand auch wörtlicher angehen. Als Phase, in der man nichts mehr zu liefern braucht, sondern sich jenem Bummeln hingibt, von dem wir träumen, wenn wir Stress haben. Das Leben vertändeln, frei von Bucket-List-Zwängen, gelassen zu sich selber, hilfsbereit gegenüber anderen.

Man könnte den Ruhestand auch wörtlicher angehen. Als Phase, in der man nichts mehr zu liefern braucht.

Eine erstarkende politische Bewegung glaubt, dass sich die Menschheit lösen muss aus ihrer Abhängigkeit vom Dauerwachstum. Gelinge das nicht, kollabiere die Erde. Die künftigen Alten mit ihrer entspannten Genügsamkeit könnten als Vorbilder dienen für das Leben in einer durchautomatisierten Post-Wachstumswelt.

Das alles klingt schwer utopisch. Aber es wäre klug, wenn wir angenehmere Vorstellungen von einer alten Gesellschaft entwerfen würden. Sonst lohnt sich all der Sport gar nicht.

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