Die fliegende Coiffeuse

Die Britin Barbara Harmer durchbrach als erste Concorde-Pilotin die Schallmauer. Davor hatte sie einige Widerstände zu überwinden.

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Tina Huber@tina__huber

Sie wusste genau, dass sie Teil von etwas Besonderem war. «Die Concorde umgibt eine Aura», sagte Barbara Harmer über den schneeweisen Jet mit der markanten spitzen Nase. Auch sie war keine gewöhnliche Frau. Sie wollte das tun, was damals nur Männer taten: Pilotin sein. Nicht irgendeine, sondern für die Concorde, das schnellste, anmutigste, faszinierendste Passagierflugzeug, das die Welt gesehen hat. Morgen vor 50 Jahren, am 2. März 1969, hob der Überschalljet in Toulouse zu seinem Jungfernflug ab, acht Jahre später nahm er den Linienverkehr nach New York auf. Die Fliegerei war zu jener Zeit fest in Männerhand, die Aufgabe der Frauen an Bord der Concorde beschränkte sich darauf, den Passagieren Hummer, Foie gras und Champagner zu servieren.

Ihr Weg ins Cockpit sei ein hartes Stück Arbeit gewesen, sagte Barbara Harmer später. Schon als Teenagerin war sie eigenwillig, verliess mit 15 die Schule, um das Coiffeur-Handwerk zu erlernen. Lange hielt sie es nicht aus. Nach fünf Jahren, damals arbeitete sie in einem Salon am Londoner Flughafen Gatwick, legte sie Kamm und Schere hin, wurde Lotsin und musste dafür den Schulstoff nachholen. Mit 24 sass sie zum ersten Mal in einem Flugzeug, einer Cessna 150, und wollte von da an nichts anderes mehr tun. Sie steckte ihr ganzes Geld in Flugstunden, nahm sogar einen Kredit auf, erlangte 29-jährig die Zulassung zur Berufspilotin. Doch auf sie hatte niemand gewartet: Über 100 Bewerbungen musste Harmer verschicken, bis sie bei einer Provinzairline unterkam.

Havanna-Zigarren inklusive

1988 stiess Harmer zur British Airways, als eine von nur 40 Frauen in einem Team von 2800 Bordangestellten. Die Concorde, betrieben von British Airways und Air France, war da schon längst ein Promi-Jet. Mick Jagger war ebenso häufiger Fluggast wie Michael Jackson, Queen Elizabeth II. zeigte sich an Bord, und Phil Collins konnte dank des Superjets 1985 am Live-Aid-Konzert auf beiden Seiten des Atlantiks auftreten – erst in London, dann in Philadelphia. Für die Strecke von Paris bzw. London nach New York benötigte das Überschallflugzeug dreieinhalb Stunden. «Schneller als die Sonne», lautete ein Werbespruch: nach Sonnenuntergang in Europa abfliegen, in den USA die Dämmerung nochmals erleben. Für 12'000 Dollar, Havanna-Zigarren inklusive.

Barbara Harmer wollte in dieses Universum eintreten. 1992 schaffte sie es in die handverlesene Gruppe von Piloten, die das sechsmonatige Training für die Concorde durchliefen. Ein Jahr später sass Harmer, damals 39-jährig, zum ersten Mal als First Officer im Cockpit der Concorde. Diese gleite so sanft, dass man die Geschwindigkeit nicht spüre, erklärte Harmer einmal ihre Faszination. Sie kenne nichts Vergleichbares in der Welt. «Selbst Piloten halten inne und starren.»

Das «e» im Namen war Chefsache

Die Aérospatiale-BAC Concorde 101/102 entstammt einer Zeit, in der sich die Regierungen im technischen Wettlauf gegenüberstanden. Mit dem Prestigeprojekt wollten Frankreich und Grossbritannien die amerikanische Dominanz in der Flugindustrie brechen. Der französische Präsident Charles de Gaulle höchstpersönlich soll dafür gesorgt haben, dass dem ursprünglichen Namen «Concord» ein e angefügt würde – was wiederum die Briten verstimmte. Doch Eintracht, so die Bedeutung des Namens, verbreitete der Überflieger nicht, seine Gegner waren zahlreich: Denn er war nicht nur glamourös, sondern auch teuer, laut, umweltschädlich. Ein kommerzieller Erfolg wurde die Concorde nie.

Und dann geschah im Juli 2000 die Katastrophe: 113 Menschen starben, als eine Concorde kurz nach dem Start in Paris abstürzte. Seit 2003 ist die einstige «Königin der Lüfte» nur noch im Museum zu bewundern. Barbara Harmer, die 2011 an einer Krebserkrankung starb, blieb bis zum Schluss die einzige Concorde-Linienpilotin. Einer ihrer schönsten Flüge, erinnerte sich Harmer später, sei jener gewesen, als sie 1999 die Fussballmannschaft von Manchester United nach Barcelona zum Finale der Champions League gegen Bayern München flog – Hunderte Briten schwenkten Fahnen, als Harmer die Maschine auf das Rollfeld lenkte. ManU brachte den Pokal nach Hause.

Bilder: 50 Jahre Concorde

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