Es geht um Stolz, Respekt und Tradition

Ehrendamen werfen sich in Tracht, stehen am Schwingfest stundenlang lächelnd in der Sonne und legen am Ende des Tages vielen Männern einen Kranz aufs Haupt. Warum tun sie das?

«Motiviert sein, das ist das Wichtigste»: Regula Maeder (rechts) und Tanja Brechbühler, Ehrendamen.

«Motiviert sein, das ist das Wichtigste»: Regula Maeder (rechts) und Tanja Brechbühler, Ehrendamen. Bild: Nicole Philipp

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Sie stehen an ihrem freien Tag sehr früh auf, manchmal um 5 Uhr. Sie sitzen 45 Minuten beim Coiffeur. Lassen sich die Hochsteckfrisur machen. Sie schminken sich. Dann ziehen sie die Tracht an, den passenden Schmuck. Auch das dauert, eine halbe Stunde mindestens. Dann fahren sie an ein Schwingfest oder an ein Hornusserfest oder an ein Musikfest.

Dort stehen sie in der prallen Sonne, stundenlang. Sie lächeln immer.Irgendwann legen sie vielen Männern, die sich vor ihnen hinknien, einen Kranz aufs Haupt. Sie verteilen drei Küsschen, vielen Männern. Sie halten immer die rechte Wange zuerst hin, das ist so geregelt. Einmal, nach acht oder zehn oder zwölf Stunden, ist Feierabend.

Essen und Getränke sind offeriert, Coiffeur- und Reisespesen übernimmt der Veranstalter. Andere Entschädigungen finanzieller Natur erhalten sie nicht. Sie lächeln immer. Und sie müssen motiviert sein, sagen sie. Das sei das Wichtigste. Sie sind Ehrendamen. Und sie sind es von Herzen gern. Das sagen alle, die es tun.

Warum eigentlich gibt es keine Ehrenherren?

Warum verbringt eine Frau, die die ganze Woche hart arbeitet, ihr Wochenende freiwillig damit, zu lächeln und Männer zu ehren? Sind Ehrendamen am Ende auch «Kennzeichen eines anhaltenden sexistischen Stereotyps», wie es die französische Politikerin Fa­diha Mehal ausdrückt, die im Frühling die Abschaffung der sogenannten Podiumsmädchen am Final der Radrundfahrt Tour de France in Paris durchgesetzt hat?

Sind sie nicht einfach reine Dekorationsobjekte? Und überhaupt: Warum eigentlich gibt es keine Ehrenherren?

Auf dem Gartensitzplatz eines Bauernhofs im Dorf Grafenried, Einwohnergemeinde Fraubrunnen, gelegen in der Talmulde im östlichen Teil des Rapperswiler Plateaus im Berner Mittelland, gibt es Antworten. Tanja Brechbühler und Regula Maeder sind zwei Frauen, die als Ehrendamen unterwegs sind, seit Jahren.

Was sie sagen, ist nicht so kompliziert, wie man es angesichts der Fragen vielleicht vermuten würde.

Stolz

Es gehe um Stolz, sagen sie. Und um Tradition, natürlich. Über Sexismus oder über die Rolle, die sie spielen, wenn sie als Ehrendamen an einem Schwingfest auftreten, hätten sie sich noch nie Gedanken gemacht.

Es sei schön, sich in der Tracht zu präsentieren, die Stimmung an einem Schwingfest nur grossartig. Mit Politik habe das gar nichts zu tun, mit Patriotismus, ja, vielleicht, ein bisschen.

Regula Maeder, 21 Jahre alt, Landwirtin in Ausbildung, dunkle Augen, dunkle Haare, strahlendes Lächeln, kommt aus Mülchi. Am kommenden Wochenende ist sie am «Bernisch-Kantonalen» in Utzenstorf wieder als Ehrendame im Einsatz. Es sei eine Ehre, die Tracht zu präsentieren, die schon ihre Urgrossmutter präsentiert habe. Man sei auf dem Land, und dort sei das alles einfach so.

Dann überlegt sie, blickt zu Tanja Brechbühler rüber, die mit ihr am Tisch sitzt und Tee mit Minze aus dem Garten trinkt. Sie ist eine gute Freundin. Auch sie ist als Ehrendame unterwegs, seit vielen Jahren. Man spürt, was in den Köpfen der Frauen vorgeht, die sich für die Fotografin der Zeitung extra haben frisieren lassen und die Tracht angezogen haben. Sie sprechen nicht aus, was sie in diesem Moment denken. Aber man kann es in der Luft lesen. Man spricht weiter mit ihnen, fühlt in jedem Satz die bedingungslose Begeisterung, für das, was sie tun.

Und irgendwann stellt man sich die gleichen Fragen.

Ist es etwas Verwerfliches, wenn man stolz darauf ist, wo man herkommt? Wieso muss man sich rechtfertigen, wenn man die Berner Sonntagstracht, die die Urgrossmutter und die Grossmutter und die Mutter getragen hatte, in Ehren weiterträgt?

Was ist falsch daran, wenn einem als junge, moderne Frau Traditionen wichtig sind? Was soll das Problem sein, wenn man kein Problem damit hat, als junge, moderne Frau einem erfolgreichen Sportler die Ehre zu erweisen und dabei gut auszusehen? Und dann, ganz grundsätzlich: Was spricht dagegen, wenn man es gut findet, dass gewisse Dinge so sind, wie sie eben sind, und man sie nicht hinterfragen will?

Ehre

Tanja Brechbühler, ebenfalls 21 Jahre alt, ebenfalls Landwirtin in Ausbildung, blondes Haar, grüne Augen, strahlendes Lächeln, kommt aus Grafenried. Am kommenden Wochenende ist auch sie am «Bernisch-Kantonalen» im Einsatz.

Sie sagt, nie erfahre sie als Frau so viel Respekt von Männern, wie wenn sie in Tracht gekleidet sei. Kein einziges Mal sei einer unanständig gewesen, keine Sprüche, keine Berührungen. Nur Respekt. Für die Männer, sagt sie, und es klingt beinahe wie ein Gedicht, sei es eine Ehre, von einer Ehrendame geehrt zu werden.

Wahrscheinlich stimmt das alles, denkt man. Und wahrscheinlich ist es wirklich etwas grundlegend anderes, ob ein bezahltes Model an einer Radrundfahrt im gesponserten grünen Shirt mit weissen Punkten auf einem mit Logos zugepflasterten Podium die Sieger küsst oder ob eine echte Frau vom Land in echter Tracht sich auf einer Bühne kurz erhebt und den Siegern, wenn sie sich vor ihr hinknien, einen Kranz aufs Haupt legt und dann drei Küsschen verteilt, immer mit der rechten Wange voraus.

Vermutlich gibt es auch deshalb keinen Ehrendamenengpass im Land. Fürs Unspunnenfest 2017 erhielt die Zeitung «Blick», die ein Casting veranstaltete, 200 Bewerbungen für drei Plätze. Für kleinere Anlässe werden die Ehrendamen meist im Umfeld der veranstaltenden Vereine rekrutiert.

Probleme, die freien Stellen zu besetzen, gibt es nie. Der Zusammenhalt unter den Ehrendamen sei stark, sagen Regula Maeder und Tanja Brechbühler, auch das gefalle ihnen an ihrem Hobby. Nach getaner Arbeit gehe man zusammen ans Fest, viele Freundschaften seien so entstanden. Und, klar, Ehrendamen seien in Whatsapp-Gruppen organisiert, in der sie sich untereinander austauschen.

Motivation

Am kommenden Wochenende werden Regula Maeder und Tanja Brechbühler wieder früh aufstehen. Sie werden zu ihrem Stammcoiffeur nach Jegenstorf fahren. Sie werden stillsitzen, die Hochsteckfrisur machen lassen. Sie werden die Tracht anziehen, nach Utzenstorf fahren und dann stundenlang lächeln. Immer lächeln. Irgendwann werden die Schwinger vor ihnen hinknien. Die Ehrendamen werden sehr motiviert sein. Das sei das Wichtigste, sagen sie.


Bernisch-Kantonales Schwingfest: 10. bis 12. August, Utzenstorf. www.bksf2018.ch
(Berner Zeitung)

Erstellt: 08.08.2018, 11:55 Uhr

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