Falsche Feindinnen

Frustrierte Männer bekämpfen den Feminismus. Dabei hätten sie den gleichen Gegner.

Beat Metzler@tagesanzeiger

Der Autor Michel Houellebecq beschrieb sie als einer der ersten: erotisch unterversorgte Männer in erotisch überversorgten Gesellschaften. Sie sind die Verlierer der sexuellen Befreiung auf dem freien Markt der Körper. Es gibt kaum eine Nachfrage nach ihnen – zu klein sind sie, zu schmächtig, zu unsicher, zu arm.

Heute treffen sich solche Männer auf Internetforen. Einige nennen sich Incels (von «involuntary celibate», unfreiwillig zölibatär), rechtfertigen Gewalt gegen Frauen und propagieren eine einfache Lösung für ihr Problem: zurück zur Monogamiepflicht, eine Frau pro Mann. So kriegt jeder seine Bettgenossin.

Lieber erzwungenen Sex als gar keinen, das ist eine traurige Vorstellung von Glück. Zudem verharrt diese Lösung gerade in jenem Denkmuster, das Incels zu Verlierern macht. Es ist das patriarchale Weltbild, das muskulöse, autoritäre Typen zur idealen Form von Männlichkeit verklärt; das ein Pärchen als seltsam erscheinen lässt, bei dem die Frau den Mann um einen Kopf überragt. Statt dieses Weltbild zu hinterfragen, verewigen es Incels zur biologische Tatsache und versuchen, sich darin ihr Randplätzlein einzurichten.

Vision einer sexuell egalitären Gesellschaft

Es gäbe eine andere Möglichkeit, die sexuelle Frustration zu überwinden: sich für eine Welt einzusetzen, in der alle Menschen als begehrenswert gelten können, egal wie sie aussehen. Dieser Kampf wird so ähnlich bereits geführt, durch den modernen Feminismus. Dieser möchte Identitätsnormen aufknacken, indem er geschmähte Formen der Körperlichkeit – Fülligkeit etwa – als schön feiert.

In «Elementarteilchen» (1998) entwirft Michel Houellebecq die Vision einer sexuell egalitären Gesellschaft. Dank genetischen Eingriffen sehen die Menschen der Zukunft alle gleich aus. Das verschafft allen die gleichen Chancen im Paarungswettbewerb. Der Einsatz für völlige Gleichberechtigung strebt einen ähnlichen Zustand an, einfach mit politischen statt biotechnologischen Mitteln. Jede(r) soll so sein dürfen, wie sie/es/er ist, ohne dafür abgewertet zu werden. Statt Frauen anzufeinden, sollten sich Incels dem Sturm auf die patriarchale Männlichkeit anschliessen.

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