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«Heiraten ist kompliziert»

Christine Meyer und Michael Kummer sind behindert und seit sechs Jahren ein Paar. Ein Gespräch über die Liebe, Sex und Kinder.

«Er ist ein Schöner.» Liebevoll umarmt Christine Meyer ihren Freund Michael Kummer. Foto: Urs Jaudas
«Er ist ein Schöner.» Liebevoll umarmt Christine Meyer ihren Freund Michael Kummer. Foto: Urs Jaudas

Michael: Ich habe ihr immer gesagt, dass sie mich nehmen soll. Christine: Michi. (lacht)Michael: Aber zuerst hat sie es nicht geschnallt. Christine: Michi. Michael: Also doch, eigentlich wollte sie mich schon immer . . . Liebe auf den ersten Blick. Christine: Ja, Liebe auf den ersten Blick.

Sie drückt ihm die Hand, 33 Jahre alt ist sie kürzlich geworden, Christine Meyer, die kleine Frau mit dem Kurzhaarschnitt. Sie fährt gern Ski, am liebsten in Zermatt und ohne Pause, sie fotografiert, sie malt und vor allem: Sie schwimmt. An den Special Olympics Switzerland in Bern hat sie diesen Sommer die Bronzemedaille über 25 Meter Brust gewonnen.

Michael Kummer ist 27, ein paar Jahre jünger als seine Freundin, aber das mache ja nichts, sagt er. Er arbeitet genau wie sie in der Stiftung Silea in Thun, einer geschützten Werkstatt, Abteilung Produktion für Industrie und Gewerbe. Christine hat das Downsyndrom, Michael Dystrophia mytonica, eine genetisch ­bedingte Muskelkrankheit, die ihn auch geistig leicht beeinträchtigt. Seit sechs Jahren sind die beiden ein Paar.

Michael mag die Oesch’s die Dritten und die Rolling Stones, obwohl die ja auf Englisch singen und schon alte Säcke sind, wie er sagt. Er selbst ist ebenfalls Teil einer Band, spielt Gitarre und Schlagzeug, seit 15 Jahren nimmt er schon Unterricht. Christine mag Oesch’s die Dritten nicht – dafür Hansi Hinterseer. Auf ihrem Bett liegt ein Kissen mit einem Bild des Schlagerstars.

Christine: Ich schlafe auf Hansi. Aber nur wenn Michi nicht bei mir ist. Michael: Das ist gut.Christine: Michi hat Hansi nicht so gern. Deshalb verstaue ich das Kissen ­jeweils im Schrank, wenn er kommt.

Heute liegt das Kissen von Hansi Hinterseer auf Christines Bett, extra für den Besuch. Die 33-Jährige bewohnt ein Studio im Haus ihrer Schwester in Uttigen bei Thun, und auch die Eltern im Nachbarhaus sind nah, wenn Christine etwas braucht. Das kommt nicht häufig vor.

Die junge Frau hat die heilpädago­gische Schule absolviert, dann eine zweijährige IV-Hauswirtschaftsanlehre. Heute lebt sie weitgehend selbstständig, sie kauft ein, sie putzt, sie kocht, manchmal für die Eltern, oft für Michael, der sich «ab und zu» von seiner Freundin ­bedienen lässt, wie er sagt. «Ich koche immer, und ich wasche immer ab», sagt Christine. Beide lachen.

Das Paar verbringt fast jedes Wochenende zusammen, meist kommt Michael, der noch bei seinen Eltern wohnt, am Donnerstagabend nach Uttigen. Dann steht Schwimmen auf dem Programm, am Freitag der Ausgang mit Freunden. Unter der Woche telefoniert das Paar ­jeden Abend, es ist immer viel los.

Christine: Um halb sieben stehe ich auf. Ich füttere meine zwei Hasen, mache Frühstück. Wenn Michael bei mir ist, helfe ich ihm die Kleider anziehen. Um zwanzig nach sieben laufe ich los zum Bahnhof. Michael: Es sind nur fünf Minuten.Christine: Mit Michael bin ich lang­samer.Michael: Einmal bin ich mitten auf der Strasse ausgerutscht. Ich war so wütend. Auf alles. Warum ist mir das passiert?

Beim Gehen hilft Christine Michael, beim Geld ist es umgekehrt. Sie hat zwar ein ­eigenes Lohnkonto, über das sie verfügen kann. Drei Franken pro Stunde verdient sie. Michael bekommt zwei Franken, sie arbeite zackiger, sagen beide. Doch das Zählen von Münzen fällt ihr schwer. Michael hingegen kann rechnen und schreiben und lesen, er hat während neun Jahren eine Kleinklasse besucht und wechselte dann in die Stiftung Silea.

Christine: Mit kleinem Geld habe ich Mühe. Da hilft mir Michi. Michael: Schatz, jetzt musst du bremsen. Ich hatte auch Mühe, mit Geld umzugehen. Aber ich habe es geübt.Christine: Er hilft mir auch mit den Spinnen. Ich hasse Spinnen.Michael: Einmal hatten wir deswegen Streit. Ich konnte nicht ­schlafen. Aber Christine hat mich dann umarmt.Christine: Ich habe ihm ein Müntschi gegeben.

Als die beiden sich vor sechs Jahren in der Silea zum ersten Mal trafen, mochten sie sich sofort. Doch das Zusammenkommen brauchte Zeit und Nerven: Michael hatte eine Freundin, Christine einen Freund und einen weiteren Verehrer.

Michael: Ich habe gedacht, Christine wäre ein guter Schatz für mich. Christine: Ich hatte drei zur Auswahl. Michael: Ich habe nicht gedacht, dass ich so eine hübsche Freundin bekomme. Ich habe gedacht, ouu, ich muss halt die andere nehmen. Christine: Er ist ein Schöner. (Pause) Es stimmt hier. (Sie klopft sich mit der Hand aufs Herz.)Michael: Zum Glück willst du mich. Sonst hätte ich die anderen zusammengeschlagen. Christine: Ouu, Michi! Das musst du nicht erzählen.

Diesen Winter, so der Plan, wollen sich die beiden verloben. Seit drei Jahren ­tragen sie Freundschaftsringe, sie mit, er ohne Brillant. Auch zur Verlobung will er seiner Freundin einen Ring ­kaufen und Blumen dazu, sich dann schön anziehen und zu Hause auf sie warten. In den Fernsehserien machten sie das auch so, sagt er.

Wollen die beiden irgendwann hei­raten?

Michael: Heiraten weiss ich noch nicht.Christine: Ja, doch, aber es ist kom­pliziert.Michael: Warum ist es kompliziert? (Pause) Ja, stimmt, dann wären wir immer zusammen. Ich habe viele Gitarren, das wäre mir zu viel.

Bei den Kindern wissen sie schon jetzt: Sie wollen keine. Christine nahm während Jahren die Pille, kürzlich hat sie auf ein Hormonpflaster umgestellt.

Michael: Wir müssen ja arbeiten. Wir haben keine Zeit.Christine: Ich spiele mit meiner Nichte Adrina, ich finde sie herzig. Wir gehen spazieren. Und wir baden zusammen.Michael: Sonst müsste Christine ja ihre Stelle aufgeben. Sie verdient mehr als ich.Christine: Ich will keine Kinder. Es wäre zu kompliziert.Michael: Sonst grännen sie noch. Ich wäre überfordert.

Dass es wichtig ist, zu verhüten, wissen beide – und betonen es mehrfach im ­Gespräch. Christines Mutter Heidi Meyer, die beim Gespräch dabei ist, bestätigt, wie zuverlässig ihre Tochter sei, übrigens auch in anderen Dingen. Nach einer Magen-Darm-Grippe habe sie sie kürzlich gebeten, ihre Handtücher zu wechseln. Das sei längst erledigt, gab die Tochter zur Antwort.

Früher waren Kinder durchaus ein Thema für Christine. Drei wollte sie, dazu einen Camper, wie sie es von ihrer eigenen Familie her gekannt habe, erzählt die Mutter. Mit der Geburt ihrer Nichte, die mittlerweile zehn Monate alt ist, habe Christine jedoch gemerkt, wie viel Verantwortung man mit einem Kind übernehmen müsse. Sie hüte die Kleine gern, gebe sie aber auch gern wieder ab.

Und wie wichtig ist dem Paar die ­Sexualität?

Michael: Ja, also . . . es ist schon wichtig.Christine: Es ist schön.Michael: Beim ersten Mal zusammen schlafen . . . also im Bett schlafen . . . also zusammen schlafen, war ich sehr nervös. Meine Kollegen haben dann gesagt: «Michi, ganz ruhig.» Es ging alles gut. Heute bin ich nicht mehr nervös.Christine: Nein.Michael: Sie darf die Pille nicht vergessen. Jetzt hat sie das Pflaster.

An der Wand neben Christines Bett hängt eine Zeichnung, die ein Kollege vom Liebespaar gemalt hat. Es sitzt eng beieinander, umarmt sich, wie die beiden es auch im Gespräch immer wieder tun. Im Sommer sind sie, wie jedes Jahr, ins Ferienlager ins italienische Follonica gereist. Sie haben die Sonne genossen, das Meer, die Disco am Abend – und sich. Natürlich ­haben sie auch mit anderen geredet, er mit Frauen, sie mit Männern – doch mehr nicht, betonen beide.

Michael: Ich habe dir schon gesagt, dass ich nichts mache mit diesen Frauen. Christine: Was du kannst, kann ich auch. Backe ist okay.Michael: Ja, okay. Aber auf den Mund küssen – nur wir zwei.

Nach zwei Wochen gings wieder heim.

Michael: Dann habe ich gesagt: «Muss ich wirklich wieder zurück in die kalte Schweiz!»Christine: Michi!Michael: Ist doch wahr, Schatz.

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