Hilfs-Sheriffs auf zwei Rädern

In den USA wehren sich Velofahrer mit Pranger-Websites gegen Autos, die Velowege versperren. 

San Francisco ist ein Zentrum der digitalen Gesellschaft und alternativer Lebensmodelle. Foto: Alamy

San Francisco ist ein Zentrum der digitalen Gesellschaft und alternativer Lebensmodelle. Foto: Alamy

Beat Metzler@tagesanzeiger

Manche Velofahrer erlauben sich vieles: Sie treten durch bei Rot, fahren Fussgängerslalom auf dem Trottoir. Aber nicht die Wildesten kämen je auf die Idee, ihr Velo mitten auf einer Strasse zu parkieren. Das Umgekehrte hingegen passiert ziemlich oft. Einige Automobilisten scheinen kein Problem damit zu haben, ihr Gefährt auf einer Velospur abzustellen. Die Bestätigung dafür sieht man fast täglich.

In San Francisco schlagen die Velofahrer zurück – mit einer neu entwickelten App (wie sich das im Zentrum der Digitalisierung gehört). Auf «Safe Lanes» können Velofahrer Autos melden, die Velospuren versperren. Das Foto samt unverpixelter Autonummer und genauem Ort wird hochgeladen auf eine Online-Stadtkarte. Diese ist öffentlich einsehbar. Bei jedem Autofahrer wird zusätzlich angezeigt, wie oft er schon danebenparkiert hat. Ausserdem verschickt die App automatisch eine Beschwerde an die Polizei. In San Francisco sind dieses Jahr schon fast 6800 Meldungen zusammengekommen.

Problem des Datenschutzes

Mit «Safe Lanes» wollen die Entwickler gefährliche Situationen rasch zum Verschwinden bringen. Und sie wollen Autofahrer davon abschrecken, mit ihrem Auto Velospuren zu blockieren. Wer damit rechnen muss, sein Vergehen öffentlich blossgestellt zu sehen, sucht sich lieber einen regulären Parkplatz. Diese Prävention per Pranger gibt es seit Jahrhunderten. Das Internet hat die Sache deutlich erleichtert.

Problematisch wird die private Überwachung, wenn die Daten in einer zentralen Datenbank landen – wie bei «Safe Lanes».

In den USA existieren zahlreiche Apps, welche die Überwachung der eigenen Nachbarschaft fördern. Auf Kommunikationsplattformen können sich Nachbarn Fotos von Menschen zuschicken, die sie für verdächtig halten. Und in belebten Strassen einer Stadt rechnet man sowieso damit, irgendwann jemandem vor die Handylinse zu laufen. Gefilmt zu werden, gehört heute dazu im öffentlichen Raum.

Richtig problematisch wird diese private Überwachung, wenn die Daten in einer zentralen Datenbank landen – wie bei «Safe Lanes». Dort bleiben die Vergehen für lange Zeit auffind- und abrufbar. Würde sich eine Mehrheit der Verkehrsteilnehmer an solchen Aktionen beteiligen, entstünde ein fast perfekter Überwachungsapparat – ohne Hilfe des Staats. Dank gewissenhaftem Self-Policing bliebe keine falsche Bewegung unbemerkt.

Schweizer wollen nicht "täderle"

In der Schweiz ist man bisher deutlich zurückhaltender im gegenseitigen «Vertäderle». Internetsites wie «Safe Lanes» werden durch das Datenschutzgesetz verhindert. Ungefragt Fotos zu machen und sie im Internet zu veröffentlichen, gilt in der Schweiz als schwere Persönlichkeitsverletzung.

Es gebe immer wieder Privatpersonen, die Pranger betrieben, heisst es beim Eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten (Edöb). Derzeit sei aber kein Schweizer Pranger bekannt, der Verkehrsteilnehmende erfasse. Illegal gemachte Bilder taugen zudem nur bedingt als Beweismittel. Ihre Verwendung durch die Behörden lasse sich nur bei schweren Delikten oder Unfällen rechtfertigen. Eine «Hilfs-Sheriff-Mentalität» gelte es zu vermeiden.

Niemand wünscht sich Strassen voller Hilfs-Sheriffs. Und trotzdem lässt sich der Impuls hinter «Safe Lanes» nachvollziehen. Autos, welche die Velospur unterbrechen, erzwingen ein abruptes Ausweichen auf die Autofahrbahn. Das kann rasch lebensbedrohlich werden. Es gäbe ein einfaches Mittel, um den Drang, Hilfs-Sheriff zu spielen, abzustellen: abgetrennte Velospuren, unparkierbar.

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