Homeschooling wird immer beliebter

Jedes Jahr werden auch im Kanton Bern mehr Schüler zu Hause unterrichtet. Der Trend hängt eng mit Zukunftsangst und modernen Kommunikationsmöglichkeiten zusammen.

Viel draussen unterwegs: Beim Homeschooling mit Mutter Anita Stürmer lernt Kai auch verschiedene Werkzeuge und deren Funktionen kennen.<p class='credit'>(Bild: Raphael Moser)</p>

Viel draussen unterwegs: Beim Homeschooling mit Mutter Anita Stürmer lernt Kai auch verschiedene Werkzeuge und deren Funktionen kennen.

(Bild: Raphael Moser)

Der 10-jährige Kai hat sich ein Matheheft genommen und löst konzentriert Aufgaben. Seine Mutter Anita Stürmer sitzt neben ihm am Küchentisch am Oberbottigenweg in Bern. «Diese Situation kommt ja eigentlich fast nie vor», lacht sie.

Homeschooling, so, wie sie es lebt, bedeutet nicht, dass sie in die Rolle einer Lehrerin schlüpft und Kai pauken lässt. «Wir sind viel draussen unterwegs», erzählt Anita Stürmer. Das Lernen ergebe sich ganz natürlich, zum Beispiel beim Spaziergang im Wald.

Da überlege man etwa gemeinsam, wie eine bestimmte Pflanze heisst oder wie Bäume eigentlich wachsen. Oder Kai hilft den Arbeitern, die gerade Stürmers Haus umbauen, und lernt so verschiedene Werkzeuge und deren Funktionen kennen.

An zwei Vormittagen in der Woche übernimmt Anita Stürmer das Unterrichten, an den übrigen Tagen geht Kai zu befreundeten Familien. So teilen sich die verschiedenen Eltern die Aufgabe.

Ein Schulinspektor überprüft regelmässig, ob die Kinder die erforderlichen Ziele erreicht haben. «Das läuft immer sehr entspannt ab», sagt Anita Stürmer. Die obligatorischen Lerninhalte seien auch ohne stundenlanges Büffeln zu bewältigen.

Kein Boom, aber stetig mehr

Lernen ganz ohne Zwang, mitten aus dem Leben heraus, das klingt zunächst mal vielversprechend. So sehen es auch immer mehr Mütter und Väter. Im Kanton Bern werden dieses Schuljahr 562 Kinder daheim unterrichtet.

Die Anzahl sei in den vergangenen Jahren kontinuierlich leicht gestiegen, heisst es bei der Erziehungsdirektion auf Anfrage. In Bern sind die Regeln liberaler als in vielen anderen Deutschschweizer Kantonen. So ist es keine Voraussetzung, dass die Eltern ein Lehrerdiplom besitzen, sondern sie müssen nur von einer pädagogisch ausgebildeten Person angeleitet werden.

«In der Schule wird einem das Fragen leider allzu oft ausgetrieben.»Anita Stürmer

Es sind vor allem mittelständische Familien, die sich so organisieren: Sie haben die nötige Bildung, und sie können es sich in der Regel leisten, dass ein Elternteil daheim bleibt. Auffallend viele der Berner Homeschooling-Familien stammen zudem aus einem evangelikalen Umfeld.

Das sei aber in der Regel nicht ausschlaggebend, sagt Anita Stürmer, die ihre Familie ebenfalls als christlich bezeichnet. Ihr Mann ist der Berner EVP-Stadtrat Matthias Stürmer. Dennoch liegt die Vermutung nahe, dass Homeschooling für einige Eltern auch eine Gelegenheit ist, ihre Kinder vor unwillkommenen Einflüssen zu bewahren.

Weitere typische Gründe für das Unterrichten zu Hause sind: Misstrauen, ob die öffentliche Schule den Bedürfnissen des eigenen Kindes gerecht werden kann, das Gefühl, die Schüler würden zu wenig auf die Herausforderungen der heutigen Zeit vorbereitet, Angst vor Mobbing und der Wunsch, das eigene Kind eng zu begleiten.

Oft steckt Leiden dahinter

Die Familie Stürmer entschied sich aus einer Notsituation heraus für Homeschooling. Kais älterer Bruder hatte einen sehr schlechten Start in die Schul­laufbahn. Er passte nicht in das Korsett seiner Klasse, stellte etwa dauernd Rückfragen und hielt sich nicht an die Anordnungen der Lehrerin, wie er seine Aufgaben zu erfüllen hat.

«Es ging so weit, dass man uns mit Schulausschluss drohte», sagt Anita Stürmer. Da war für sie klar, dass sie ihre Kinder, sofern sie dies wünschen, zu Hause unterrichten wird.

Nach fünf Jahren Homeschooling hat der Älteste inzwischen von sich aus entschieden, dass er die öffentliche Sekundarschule besuchen will. «Damit er später problemlos ans Gymnasium wechseln kann», erzählt seine Mutter. Schulbeginn war im August.

«Es klappt sehr gut», sagt Anita Stürmer. Das liege vor allem daran, dass ihr ältester Sohn eine bewusste Wahl getroffen habe und bereit sei, sich anzupassen, um sein Ziel zu erreichen.

Ohne Internet ginge es kaum

Leidensgeschichten wie die von Anita Stürmers ältestem Sohn seien der häufigste Grund dafür, dass Eltern ihre Kinder aus der Schule nähmen, sagt Andrea Liniger. Sie hat in Bern den Freilernraum gegründet.

In den Räumen beim Monbijou-Park kommen Homeschooling-Eltern aus der ganzen Schweiz zusammen. Sie tauschen sich aus, lernen neue Lehrmittel kennen, erhalten Tipps für informative Ausflüge und können mit ihren Kindern an Workshops teilnehmen. Diese führen Mütter oder Väter durch, die auf einem bestimmten Gebiet über besonderes Fachwissen verfügen.

Dass Eltern sich heute so leicht vernetzen können, dürfte ein wichtiger Grund für die Zunahme von Homeschooling sein. Ohne das Internet, wo sie von Angeboten wie dem Freilernraum erfahren, wäre die Aufgabe für viele der Mütter und Väter kaum zu bewerkstelligen.

Indem sie sich jederzeit mit anderen Familien treffen und besprechen können, beugen sie auch einem der grösstmöglichen Nachteile der «Schule in der Stube» vor: Die Kinder wachsen nicht sozial isoliert auf, sondern in reger Interaktion.

Gleichzeitig liefert das Internet schnelle Informationen zu jedem Thema: «Wenn ich etwas nicht weiss, schauen wir einfach online nach», sagt Anita Stürmer. Ideen hole sie sich ebenfalls oft im Netz.

Und wenn sie sich auf einem Gebiet gar nicht auskennt, zum Beispiel beim Programmieren, dürfen sich die Kinder auch mal ein Lernvideo anschauen – oder mit Gleichgesinnten chatten.

Das Wichtigste: Neugierde

Aber nicht nur die technologischen Errungenschaften befeuern das Phänomen Homeschooling, sondern auch ein zutiefst modernes Unbehagen. Niemand weiss, welche Fähigkeiten in zwanzig Jahren gefragt sein werden, wenn vielleicht ohnehin Roboter die meisten Arbeiten für uns erledigen werden. Die öffentliche Schule hat bislang keine überzeugenden Antworten auf diese Unsicherheit – weil es keine gibt.

Homeschooler sind überzeugt, dass selbstbestimmtes und interessegeleitetes Lernen auf jeden Fall gute Voraussetzungen für die zukünftige Arbeitswelt bietet. «Ich möchte die Neugierde meiner Kinder fördern, damit sie das Aneignen von neuem Wissen als etwas Positives erleben», sagt Anita Stürmer. «Und sie sollen lernen, andere zu fragen, wenn sie etwas spannend finden. In der Schule wird einem das Fragen leider allzu oft ausgetrieben.»

Berner Zeitung

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