«Ich wünsche mir…»

Januarloch-Kalender

Es ist das beste Kartenspiel der Welt – und so ziemlich jeder hat es im Schrank. Ein Loblied auf das Uno.

Und wem würgen wir heute die «Nimm 4»-Karte rein?

Und wem würgen wir heute die «Nimm 4»-Karte rein?

(Bild: Martin Burkhalter)

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Man neigt dazu, die Vergangenheit zu verklären. Zum Glück haben es gewisse Dinge trotzdem ins digitale Zeitalter geschafft. Plattenspieler etwa oder analoge Kameras. Nicht nur, weil sie von einer bestimmten, zeitlosen Qualität sind, sondern auch, weil sie uns in unsere Kindheit zurückversetzen, unschuldige, sorglose Gefühle wachrufen und uns einen Moment lang verjüngen.

Das Tolle ist: So ein Jungbrunnen ist nicht fern. Jeder hat bei sich zu Hause einen Schrank, wo dieser Schatz verborgen liegt: Gesellschafts-, Brett- oder Kartenspiele. Jetzt im Januar, da das eigene Portemonnaie wieder aus Schafsleder zu bestehen scheint und einem bei jedem Öffnen «Leeer» entgegenblökt, ist der richtige Moment, die Truhe zu öffnen.

Der Erfinder war Friseur

Mein persönlicher Diamant unter den Preziosen ist jenes Kartenspiel mit der markanten schwarzen Rückseite und dem weiss schattierten roten Schriftzug Uno. Es ist das beste Kartenspiel der Welt. Dafür gibt es mehrere Gründe. Dazu aber später.

Erfunden hat es Ende der 1960er-Jahre ein Friseur namens Merle Robbins aus Cincinnati. Offenbar war zwischen ihm und seinem Sohn ein Streit über die Regeln von Crazy Eight entfacht, einer amerikanischen Version von Tschou Sepp. So hat Merle Robbins kurzerhand ein eigenes Spiel entwickelt. Er hat die Grundregeln vereinfacht und ein paar Karten dazuerfunden.

Nachdem das Spiel innerhalb der Familie zum Renner geworden war, investierten die Robbins 8000 Dollar, um die ersten 5000 Exemplare herzustellen. Merle Robbins verkaufte das Kartenspiel in seinem Coiffeurladen. So lange, bis ein gewisser Robert Tezak, von Beruf Bestatter, ein verregnetes Erntedankfest-Wochenende lang durchspielte und so begeistert war, dass er Merle Robbins die Rechte an Uno für 50'000 Dollar plus Lizenzgebühren von 10 Cent pro Spiel abkaufte. In Büros hinter seinem Bestattungsunternehmen begann er Uno landesweit zu vermarkten und gründete die Firma International Games. Inc. 1992 wurde Tezaks Firma Teil der Mattel-Firmenfamilie.

150 Millionen Sets

Uno ist neben Monopoly und den klassischen Jass- oder Pokerkarten heute das meistverkaufte Gesellschaftsspiel der Welt. Auf einschlägigen Internetseiten kursieren Zahlen von bis zu 150 Millionen verkauften Exemplaren seit der Entwicklung. Es soll heute in achtzig Ländern erhältlich sein. Uno vereint also quasi die Nationen, ähnlich wie die gleichnamige internationale Organisation. Der Name hat aber nichts damit zu tun. Uno steht ganz einfach nur für die Zahl Eins in Spanisch oder Italienisch.

Monopoly ist zu kapitalistisch, Eile mit Weile zu langweilig und Jass zu kompliziert. Uno aber ist so simpel wie unterhaltsam, so aufregend wie therapeutisch, so lustig wie bösartig, ein idealer Mix dafür, auch innerhalb der eigenen vier Wände gärende Spannungen zumindest kurzfristig zu entschärfen. Gibt es etwas Wohltuenderes, als einem Bruder, einer Schwester, einer Mutter eine «Nimm 4»-Karte reinzuwürgen?

Auch wenn das Spiel erst ab dem siebten Lebensjahr freigegeben ist, kann Uno eigentlich in jedem Alter gespielt werden. Regeln und Schwierigkeitsgrad sind frei variierbar. Das Spiel kann mit jeder erdenklichen Gemeinheit ergänzt werden. Ich kenne etwa fünf verschiedene, teils ziemlich aufreibende, auch schweisstreibende Spielweisen. Im Internet finden sich zwei Dutzend.

Aber nicht nur das Spiel an sich entfaltet seine Wirkung, sondern auch die Aufmachung. Die Zahlen mit den markanten schwarzen Schatten, die kantigen Formen und die kräftigen Farben erzählen zumindest für mich von einer etwas optimistischeren Zeit. Das futuristische Design erinnert mich immer an meine eigene Kindheit, als in der Kultur und im Mainstream noch von der Zukunft geträumt wurde und Filme wie «Star Wars» und «Zurück in die Zukunft» am Fernseher liefen.

Und weil der Hersteller Mattel nicht stehen geblieben ist, gibt es heute etliche neue Versionen des Kartenspiels, mit Motiven aus Filmen, Zeichentrickfiguren, Videospielen und Literatur. Von Hello Kitty über Harry Potter zu Minecraft. So hat jede Generation wieder ihr eigenes Uno und später greifbare Erinnerungen.

Berner Zeitung

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