«Ist es noch okay, überhaupt Kinder zu haben?»

Alexandria Ocasio-Cortez sagt, was ihre Generation beschäftigt. Daten von einer Million Europäern zeigen derweil, wann Eltern glücklicher sind als Kinderlose.

Alexandria Ocasio-Cortez sprach gegenüber ihren 2,5 Millionen Instagram-Followern die Frage an, welche die junge Generation beschäftigt: Ist es angesichts von Klimawandel und Finanzsorgen überhaupt noch okay, Kinder zu kriegen? Video: Instagram/Ocasio2018
Andreas Frei@andreasfrei

In den USA bewegt derzeit die Frage die Gemüter, ob die nächste Generation überhaupt noch Kinder haben will. Die Diskussion angestossen hat die Neupolitikerin Alexandria Ocasio-Cortez, die seit Januar für die Demokraten im Repräsentantenhaus sitzt. Der Shootingstar hat kurz nach ihrer Ankunft in Washington mit ihrem Green New Deal für Aufsehen gesorgt – in Anbetracht des Klimawandels will sie eine grüne Revolution auslösen.

Auf Instagram erklärte sie, dass das Leben der nächsten Generationen sehr schwer werde, und das führe die Jungen heute zu einer legitimen Frage: Ist es noch okay, überhaupt Kinder zu haben? Ocasio-Cortez streamte ihre Gedanken live ins Internet, während sie gerade am Kochen war, und teilte dabei eine Sorge, die in ihrer Altersgruppe viele Menschen bewege. Es sei nicht nur eine finanzielle Frage, ob man sich Kinder überhaupt noch leisten könne, wenn man nach dem Studium Zehntausende Dollar Schulden habe. Es sei auch eine grundlegende moralische Frage.

Aber selbst wenn man keine eigenen Kinder wolle, habe es immer noch viele davon in der Welt, sagte die Demokratin. Die heutige Generation habe eine moralische Verpflichtung, ihnen eine bessere Welt zu überlassen.

In ihrem Live-Video erhielt Ocasio-Cortez umgehend Reaktionen der jungen Generation, welche die Sorgen bestätigten und zeigten, dass die Frage, ob sie noch Kinder haben sollen und in welcher Welt sie diese dereinst grossziehen würden, ihre Anhänger tatsächlich beschäftigten.

Fox News in Rage

Auf der rechten Seite haben Ocasio-Cortez’ Gedanken hingegen zu regelrechten Wutausbrüchen geführt. Bei Fox News äusserten sich praktisch sämtliche bekannten Köpfe zu ihrer Aussage und redeten sich in Rage. Die Kongressabgeordnete wolle keine Kinder, Flugzeuge und Kühe mehr, wurde ihr vorgeworfen. Sie glaube nicht an Familien und die Flagge. Neuerdings schreibe also die Regierung vor, ob man noch Kinder haben dürfe, enervierte sich eine Moderatorin, das sei wie im kommunistischen China. Ein Kollege nahm den Faden auf und sprach bereits von einer «Kein-Kind-Politik», welche extrem autoritär und verstörend sei. Ocasio-Cortez wurde zudem als Faschistin beschimpft, welche die Zivilisation auslöschen wolle.

Es gibt aber auch gelassenere Stimmen, welche die Aussagen der Demokratin nicht grundlegend verdrehen, sondern die Sorgen ihrer Generation aufzunehmen versuchen. So schreibt beispielsweise der «Boston Herald», dass die Kinder heute durchs Band bessere Chancen hätten als in Ocasio-Cortez’ Geburtsjahr 1989. Die Gesundheitsvorsorge ist besser, mehr Menschen haben Zugang zu Bildung, die Armut hat sich stark reduziert, die Lebenserwartung ist höher als je zuvor. Noch nie habe es eine Generation so gut gehabt wie jene von Ocasio-Cortez. Natürlich werde es in Zukunft auch Probleme geben, aber die habe es seit jeher gegeben. Es gebe also eher Grund für Optimismus.

Sinkende Geburtenrate in den USA

Dass sich immer mehr Amerikaner die Frage nach Kindern tatsächlich stellen, zeigt sich in den aktuellsten Geburtenstatistiken. 2017 wurden im Schnitt pro 1 Frau 1,76 Kinder geboren. Um die Bevölkerung zu erhalten, bräuchte es mindestens 2 Kinder pro Frau; dieser Wert wurde in den USA bereits 2011 unterschritten und sinkt seither. In der Schweiz sank die Geburtenrate schon in den 70er-Jahren unter 2 und ist seit dem Tiefpunkt von 1,38 (2001) wieder leicht steigend auf zuletzt 1,54.

Nicht erstaunt über die sinkende Geburtenrate in den USA und die Tatsache, dass sich immer mehr Leute die Frage stellen, ob sie überhaupt noch Kinder haben sollen, sind die beiden Wissenschafter Blanchflower und Clark. An der Cambridge University in Massachusetts haben die beiden 35 Eurobarometer-Umfragen der Jahre 2009 bis 2018 zusammengefasst und darin über eine Million Datensätze analysiert. Sie haben dabei herausgefiltert, wie Kinder das Glück ihrer Eltern beeinflussen und ob es kinderlosen Paaren besser geht. In ihrem Arbeitspapier «Children, Unhappiness and Family Finances: Evidence from One Million Europeans» haben die beiden Forscher als entscheidende Faktoren die Finanzlage der Eltern, den Wohlstand im Land, die soziale Unterstützung, das Alter sowie den Zivilstand der Eltern identifiziert.

Mehr Glück ohne Finanzsorgen

Gemäss Blanchflower und Clark haben finanzielle Engpässe negativen Einfluss auf das Glücksbefinden der Eltern, auch dann, wenn das Geld schon vor Ankunft des Nachwuchses knapp war. Wenn Kinder aber keine wirtschaftlichen Einschränkungen zur Folge haben, dann werden deren Eltern eher glücklicher sein als kinderlose Paare, schreiben die Autoren.

Gerade in wohlhabenden Ländern tragen Kinder dazu bei, dass Eltern sich glücklicher fühlen als kinderlose Paare, weil hier auch die finanzielle Unterstützung des Staats den Eltern dabei helfen kann, genügend Geld zur Verfügung zu haben. Auch können verschiedene Angebote unter Umständen helfen, dass beide Elternteile arbeiten können und somit genügend Einkommen erzielen. Gutbetuchte können aber auch in ärmeren Ländern vergleichsweise glücklich ihren Nachwuchs grossziehen, sagen Blanchflower und Clark: Haben sie keinerlei finanzielle Schwierigkeiten, ist ihr Glück auch dort grösser als jenes der Kinderlosen.

Weniger Glück mit fremden Kindern

Ein wichtiger Faktor für das Glücksgefühl ist auch das Alter der Kinder – und der Eltern. Paare mit bis zu 10-jährigen Kindern fühlen sich gemäss der Untersuchung glücklicher, mit Teenagern von 10 bis 14 Jahren schwindet das Glück hingegen. Während das Eltern kaum überraschen dürfte, zeigen die Eurobarometer-Daten zudem, dass auch das Alter der Eltern eine Rolle spielt. Zwischen 20 und 29 Jahren sind kinderlose Paare glücklicher als ihre Kollegen mit Nachwuchs. Ab 40 Jahren dreht sich der Spiess, Eltern sind dann glücklicher als Kinderlose.

Das gilt aber vor allem für Paare. Diese sind signifikant glücklicher als Alleinerziehende, Geschiedene oder Verwitwete, ob mit oder ohne Kinder. Aber auch Patchwork-Familien schneiden gemäss den Eurobarometer-Daten schlecht ab: Fremde Kinder machen deren Stiefeltern demnach weniger glücklich als der eigene Nachwuchs.

Die Wissenschafter fassen zusammen, dass ältere, finanziell abgesicherte Eltern in wohlhabenden Ländern das höchste Glück mit Kindern erreichen und dabei auch kinderlose Paare übertreffen.

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