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Jetzt sorgt Spider-Man für Sicherheit im Flugzeug

Anschnallen, bitte! Warum Safety-Videos von Fluggesellschaften neuerdings wie Netflix-Filme aussehen.

Immer mehr Airlines peppen ihre Sicherheitsvideos auf – wie United mit dem Spider-Man.
Immer mehr Airlines peppen ihre Sicherheitsvideos auf – wie United mit dem Spider-Man.

Wer in diesen Tagen mit United Airlines fliegt, reist mit Hyperantrieb. Bevor es losgeht, erklärt ein Stormtrooper, man möge im Notfall bitte sein Handgepäck zurücklassen. Wenn der Captain dann den Gashebel nach vorne schiebt, verschmieren die Sterne am Himmel zu Streifen – wie beim legendären Millennium-Falken aus «Krieg der Sterne».

Zumindest erzählt diese Geschichte das Video, das seit Ende Oktober an Bord jedes internationalen United-Flugs läuft. Es ist einerseits eine Sicherheitsbelehrung, enthält also Hinweise wie «bitte für Start und Landung den Tisch hochklappen». Aber gleichzeitig ist es gespickt mit Gags für «Star Wars»-Fans, die gerade auf den neuen Kinofilm warten. Den Sommer über hatte die Airline schon einen anderen Stargast in ihrem Safety-Video: Es war kein Geringerer als Spider-Man.

Das Aufblasen der spröden Sicherheitsfilmchen zum Mini-Blockbuster ist ein neuer Trend in der Luftfahrt. Er zieht sich durch die gesamte Branche. Wo bisher billig animierte Figuren brav ihre Sauerstoffmaske über Mund und Nase zogen (erst sich selbst und dann dem Kind im Nebensitz!), werden jetzt überall Superstars aufwendig und ironisch in Szene gesetzt.

Bei Air New Zealand erklären die «Men in Black», wie man das Handgepäck vor dem Vordersitz verstauen muss. Darsteller sind die Spieler der neuseeländischen Rugby-Nationalmannschaft, die «All Blacks». Bei Qatar Airways zeigt Lionel Messi im Barcelona-Trikot, wo die Notausstiege liegen. Teamkollege Gerard Piqué sitzt währenddessen als Freistossmauer im Strafraum – vorbildlich in einen Economy-Sessel geschnallt.

Bei British Airways halfen zuletzt Mr. Bean und Gordon Ramsay aus, bei Virgin Australia der Rennfahrer Jamie Whincup, bei Korean Air die K-Pop-Band SuperM. Ein durchaus netter Effekt: Wer zurzeit irgendwo auf der Welt ein Flugzeug besteigt, bekommt mit grosser Wahrscheinlichkeit ein kleines «Wer ist wer» der jeweiligen Nationalprominenz serviert. Gelegentlich ist das sogar richtig witzig. Meistens immerhin «witzig».

Zugegeben: Leicht ist die Aufgabe nicht. Die Sicherheitsanweisung musste schon immer eine Art dreifachen Spagat schaffen. Einerseits soll sie Hinweise geben, die im Notfall lebenswichtig sein können, andererseits keine Panik schüren. Dabei soll sie die Gäste aber möglichst auch nicht in den Schlaf leiern.

Als Erster nahm Richard Branson die Herausforderung an. Seine Spass-Airline Virgin America zeigte 2013 ein fünfminütiges Musikvideo, in dem die Unterweisung gesungen, gerappt und getanzt wurde – produziert von Starregisseur Jon Chu aus Hollywood. Das Video wurde zum viralen Hit und mit Werbe-Awards überschüttet.

Als Nächste zog Air New Zealand nach. Das Unternehmen veröffentlichte ein ziemlich aufwendiges Video im Stil von «Herr der Ringe», in dem unter anderem der Zauberer Gandalf auf einem Flugdrachen die «Brace, Brace, Safety»-Position demonstriert und die von oben herabfallende Sauerstoffmaske einem Ork das Leben rettet. Sogar Elijah Wood und Regisseur Peter Jackson treten darin auf. Ein riesiger Spass.

Damit war eine neue Messlatte gesetzt. Denn neben der Sicherheitsunterweisung brachte die Airline in diesem Filmchen mit spektakulären Landschaftsaufnahmen Neuseelands auch noch implizite Standortwerbung unter. Bis heute präsentiert die Airline jährlich neue Sicherheitsvideos. Auf Vielfliegerblogs werden sie oft abgefeiert wie Fortsetzungen gehypter Netflix-Serien.

Seither lässt sich beobachten, wie überall auf der Welt Airlines ihre Sicherheitsvideos zu Imagefilmchen für ihr Land aufmotzen: Icelandair zeigt im Flieger eine Art kernigen Outdoorwerbespot mit einsamen Wasserfällen und Nordlichtern, die den Weg zum nächsten Notausgang weisen. Bei Air France dagegen setzt man auf Klischees der Fünfzigerjahre: Weibliche Models stöckeln über Laufstege zur Notrutsche und französeln mit Zigarettenspitze in der Hand, dass das Rauchen verboten sei und der Sitzgurt «die Taille betont».

Mehr für Youtube als fürs Flugzeug

Es bleibt die Frage, was das alles bringen soll. Bei United Airlines erklärt Lally Meck, die Chefin für Inflight-Entertainment, man wolle mit «Spider-Man» und «Star Wars» «die Aufmerksamkeit für Sicherheit erhöhen». Denn, und jetzt kommt ein erwartbarer Satz von einer Flugmanagerin: «Die Sicherheit an Bord ist uns am wichtigsten.»

Aber dahinter steckt noch mehr. Die Branche ist unter Druck. Zwar wird, trotz Fridays for Future, immer noch jedes Jahr mehr als im Vorjahr geflogen – aber eine Pleitewelle hat etliche Airlines aus dem Markt gebracht. Allein dieses Jahr haben neben Thomas Cook sechs europäische Airlines den Betrieb eingestellt. Profitiert haben vor allem Discounter wie Ryanair.

Deshalb glaubt etwa die Berliner Reisejournalistin Friederike Hintze, die die Website The Frequent Traveller betreibt, dass die Blockbuster-Videos Zeichen einer aggressiveren Marketingstrategie sind: «Gerade Airlines, die nicht auf Billigpreise setzen, wollen nahbar und humorvoll wirken, um Kunden an sich zu binden.» Deshalb seien die Videos in Wahrheit auch weniger für den Gebrauch an Bord gedacht, sondern eher für die virale Verbreitung auf Youtube.

«Wir empfinden das für uns als weniger passend.»

Lufthansa-Sprecher

Bei alldem bleibt ein auffälliger weisser Fleck: Airlines im deutschsprachigen Raum. Wer hier nach cineastisch halbwegs anspruchsvollem Material sucht, stösst auf einen alten Clip von Condor, in dem Schauspieler in Winnetou- und Elvis-Kostümen im Flieger sitzen. Von Eurowings findet man auf Youtube einen klamaukigen Sicherheitsspot mit Christoph Maria Herbst als nörgelndem Fluggast Jochen. Der sei allerdings nie an Bord gezeigt worden, erklärt eine Sprecherin auf Anfrage.

Auch das Sicherheitsvideo der Swiss ist im klassischen Stil gehalten. «Oberste Priorität hat für uns die Vermittlung der Inhalte, in diesem Fall die Sicherheitsanweisungen an Bord», heisst es bei der Medienstelle. Derzeit sei diesbezüglich kein Richtungswechsel geplant. Die Lufthansa hält sich ebenfalls aus der Sache raus: «Wir empfinden das für uns als weniger passend», sagt man dort. Witzige Sicherheitsvideos seien eher was für Ferienflieger. Angesichts vieler Geschäftsreisender habe man nicht vor, sich «vom nüchternen Ton zu verabschieden». Ein anderer Grund, den deutsche Airlines für ihre Zurückhaltung nennen, lässt sich allerdings entkräften. An den Regeln liegt es nicht. Laut der geltenden EU-Vorschrift muss die Sicherheitsunterweisung lediglich so gestaltet sein, dass sie «die Anwendung der im Notfall geltenden Verfahren erleichtert». Dass ein Stormtrooper dies verhindert, ist eher nicht zu befürchten.

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