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Keine Kritik, keine Gefühle, kein Lachen

Fast 30 Jahre lang war Kim Hye-sook in einem nordkoreanischen Gefangenenlager eingesperrt. Was die Überlebende zu berichten hat, übertrifft die schlimmsten Befürchtungen.

Verlor ihre ganze Familie: Kim Hye-sook erzählt in Washington von ihren Erfahrungen im nordkoreanischen Arbeitslager. (20. September 2011)
Verlor ihre ganze Familie: Kim Hye-sook erzählt in Washington von ihren Erfahrungen im nordkoreanischen Arbeitslager. (20. September 2011)
AFP

Zwangsarbeit im Kohlebergwerk, Folter, Umerziehung, öffentliche Hinrichtungen: Die Erzählungen der 51-jährigen Kim Hye-sook bestätigen alle Befürchtungen, die im Zusammenhang mit nordkoreanischen Gefangenenlagern geäussert werden.

28 Jahre lang war sie eine der Inhaftierten des Arbeitslagers Nummer 18, nördlich der Hauptstadt Pyongyang. In einem Gespräch mit «Welt online» schildert die heute 51-Jährige ihr Martyrium und wie sie die Zukunft ihres Herkunftslandes sieht.

Von Pflanzen und Insekten ernährt

Kim Hye-sook war 13 Jahre alt, als sie mit ihren Eltern und ihren Geschwistern in Sippenhaft genommen wurde. Den Grund dafür sollte sie erst bei ihrer Freilassung im Jahr 2001 erfahren: Weil sich ihr Grossvater 1952 während des Koreakriegs in den Süden abgesetzt hatte, musste die ganze Familie büssen. Dies entspricht der Maxime des «ewigen Präsidenten» Kim Il-sung – sein 100. Geburtstag ist am letzten Sonntag mit einer Parade in Pyongyang gefeiert worden –, dass «Klassenfeinde, wer immer sie sind», über drei Generationen ausgerottet werden sollen.

Der Hunger habe den Alltag im Lager dominiert, erzählt Hye-sook gegenüber der «Welt online» weiter: Sie habe sich vor allem von Pflanzen, Blättern und Insekten ernährt, Reis habe sie nie gesehen. Eine einzige Portion Maisbrei habe es pro Tag zu essen gegeben, den Rest hätten sie sich selbst zusammensuchen müssen, hatte Hye-sook bereits in einem früheren Interview mit der britischen Zeitung «The Independent» berichtet. Gleichzeitig seien die Insassen des Gefangenenlagers zu harter Arbeit im Kohlebergwerk oder auf den Feldern gezwungen worden, bis zu 16 Stunden pro Tag.

Sie verlor ihre ganze Familie

Schlimmer als Kälte und Hunger sei allerdings die Brutalität der Wärter gewesen – vor allem die regelmässigen Hinrichtungen, an denen alle Lagerbewohner teilnehmen mussten. «Bereits einen Tag vor den Exekutionen kündigten die Wärter auf grossen Bannern an, was passieren wird», erzählt Hye-sook im Interview mit «The Independent». Die zum Tode Verurteilten wurden dann mit verbundenen Augen gefesselt und mit 30 bis 40 Schüssen umgebracht. Auch an Unterernährung und Erschöpfung hat die 51-Jährige zahlreiche Menschen sterben sehen. Sie selbst habe überlebt, weil sie sich an den Rat ihrer Grossmutter gehalten habe: Keine Kritik, keine Gefühlsregung, kein Lachen.

1990, rund 17 Jahre nachdem Hye-sook ins Gefangenenlager gebracht worden war, heiratete sie einen anderen Lagerinsassen. So konnte sie der schweren Arbeit im Bergwerk entgehen, denn verheiratete Frauen und Mütter wurden davon freigestellt. Während ihrer Haft brachte sie zwei Kinder zur Welt. Sie durfte die beiden zwar mit sich nehmen, als sie 2001 in einer «Geste der Barmherzigkeit» von Kim Jong-il entlassen wurde – die Kinder ertranken aber zwei Jahre später bei einer Flut. Ihren Ehemann musste sie im Lager zurücklassen, er starb wenig später bei einem Grubenunglück. Ihre Mutter war zuvor bei der Essenssuche tödlich verunglückt, ihr Vater in ein anderes Lager verlegt worden, von ihren beiden Geschwistern hat sie nie wieder etwas gehört – sie seien wohl immer noch im Lager 18 inhaftiert, vermutet Hye-sook.

«Die letzten Zuckungen eines untergehenden Regimes»

Bis ihr die endgültige Flucht aus dem Albtraum gelang, sollte es noch Jahre dauern – Jahre, in denen die Nordkoreanerin zunächst in China Unterschlupf fand und in einem koreanischen Restaurant arbeitete. Als ihr Arbeitgeber sie für Einkäufe zurück nach Nordkorea schickte, wurde sie dort wieder aufgegriffen – und ins Arbeitslager zurückgebracht, weil sie das Land ohne Erlaubnis verlassen hatte. Diesmal wurde sie aber unter weniger strengen Bedingungen inhaftiert, weshalb ihr nach kurzer Zeit wieder die Flucht gelang. Sie kehrte nach China zurück, von wo sie über Laos nach Thailand und schliesslich nach Südkorea flüchtete.

Heute leitet Hye-sook dort eine Organisation, die für die Auflösung der nordkoreanischen Straflager kämpft. Laut Berichten von Menschenrechtsaktivisten werden immer noch über 150'000 Menschen gefangen gehalten (siehe Kasten). Nach dem Tod Kim Jong-ils und der Machtübernahme durch seinen Sohn Kim Jong-un sei die Situation noch schlimmer und die Behandlung der Gefangenen noch grausamer geworden, sagt Hye-sook. Sie glaube aber, dass es sich hier um die «letzten Zuckungen eines untergehenden Regimes» handle.

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