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Liebe Ma, auf einmal sah ich dich anders

Unsere Autorin Salome Müller schreibt einen Brief an ihre Mutter. Über den Tod ihres Vaters. Und wie sie sich selber fand.

Wenn ich darüber nachdenke, was es heisst, eine Frau zu sein, muss ich auch darüber nachdenken, was es für dich hiess, eine Frau zu sein. Symbolbild: Getty Images

Wenn ich darüber nachdenke, was es heisst, eine Frau zu sein, muss ich auch darüber nachdenken, was es für dich hiess, eine Frau zu sein. Symbolbild: Getty Images

Salome Müller@SalomeMller

Ich sitze im Zug und betrachte die Felder, die Strassen, Vorortshäuser, Bahnübergänge. Sie ziehen an mir vorbei wie eine Erzählung von dir im Zeitraffer. Ich sehe die Umgebung mit deinem Blick. Ich halte meinen Kopf schief wie du. Ich erinnere mich an die Geschichten, die du mir erzählt hast. An diesem Bahnübergang in Glarus – du und deine Geschwister, ihr wart noch klein – fehlten damals Barrieren. Einmal riss eure Mutter euch in letzter Sekunde zurück, gerade noch bevor der Zug vorbeidonnerte. In jener Strasse in Netstal gab es Dutzende kleine Läden, sie sind verschwunden. Und da, auf diesem Feld bei Niederurnen, liess sich einmal ein Fischreiher nieder. Du hast mit dem Finger an die Fensterscheibe getippt und auf ihn gedeutet.Ich sitze im Zug und betrachte die Felder, die Strassen, Vorortshäuser, Bahnübergänge. Es sind andere, nicht jene aus deiner Kindheit. Und doch sind es immer dieselben. Ich erkenne sie überall. Eine Verwandtschaft zwischen ihnen bleibt. Eine, wie sie gegeben ist zwischen dir und mir, zwischen Mutter und Tochter.

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