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«Protestieren hat viel mit Lifestyle zu tun»

Morgen Samstag wollen Schweizer in vier Städten gegen die Finanzwelt protestieren – genau wie die Aktivisten in New York. Mit Politik hat das nicht immer etwas zu tun.

Keine Führer, keine Sprecher, und dennoch geht eine Bewegung um die Welt: Ein Teilnehmer von Occupy Auckland in Neuseeland (16. Oktober 2011)
Keine Führer, keine Sprecher, und dennoch geht eine Bewegung um die Welt: Ein Teilnehmer von Occupy Auckland in Neuseeland (16. Oktober 2011)
Keystone
Besetzt: Demonstranten auf dem Times Square. (15. Oktober 2011)
Besetzt: Demonstranten auf dem Times Square. (15. Oktober 2011)
Keystone
«Der Kapitalismus funktioniert nicht», steht auf diesem Plakat. Die Demonstranten haben angekündigt, die Wallstreet für Monate besetzen zu wollen. (28. September 2011)
«Der Kapitalismus funktioniert nicht», steht auf diesem Plakat. Die Demonstranten haben angekündigt, die Wallstreet für Monate besetzen zu wollen. (28. September 2011)
Reuters
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Zürich, Bern, Basel, Genf: Morgen Samstag ist in vier Schweizer Städten Demotag, wie überall auf der Welt. In insgesamt 868 Städten in 78 Ländern wollen Menschen – «Empörte», wie sie genannt werden – auf die Strasse gehen und ihrem Ärger über die Macht des Geldes und gegen soziale Ungerechtigkeit Luft machen. Genau wie die Occupy-Wall-Street-Bewegung es seit dem 17. September in New York tut.

In Zürich soll der Paradeplatz besetzt werden. David Roth, Präsident der mitorganisierenden Juso, rechnet mit 1000 bis 1500 Teilnehmenden. Via Facebook haben sich angeblich rund 1400 Personen für die Protestaktion angemeldet. Die Chancen schätzt die in Lausanne lehrende Politologin Florence Passy jedoch als eher schlecht ein. In der Occupy-Bewegung erkennt sie ein ganzes Bündel an Organisationen ohne klar definierte Forderungen. Diese Netzwerke müssten sich besser organisieren und «ihre Forderungen klar und verständlich formulieren», sagte sie. Auch politische Kontakte seien notwendig – auch wenn die Empörten das Unvermögen der Politiker anprangern. «Wenn sie völlig ausserhalb des Systems bleiben, wird es für sie schwierig, ihre Forderungen durchzusetzen.»

Proteste sind Abenteuer

Die Frage ist, ob es den Protestierenden überhaupt ausschliesslich darum geht. Denn Protestbewegungen sind nicht nur rein politische, sondern auch kulturelle Phänomene. Dies hat unter anderem eine internationale Tagung an der Universität Zürich vor zwei Jahren ergeben. In einem Interview mit dem «Unijournal» der Universität Zürich sagte der Mitorganisator Joachim Scharloth, Professor für Germanistische Sprachwissenschaft, dass man Protestbewegungen in der Soziologie und Politologie als Mittel zur politischen Veränderung angesehen habe. Je nachdem, ob die politischen Ziele durchgesetzt werden konnten, wurden die Proteste als erfolgreich angesehen oder eben nicht.

Protest habe aber auch viel mit Lifestyle zu tun, betonte Scharloth weiter, der derzeit an der Dokkyo-Universität in Tokio lehrt. «Es ist ja nicht allein Unzufriedenheit mit gewissen gesellschaftlichen Zuständen, welche die Leute auf die Strasse treibt, sondern die Möglichkeit, im Rahmen der Bewegung neue soziale Verhaltens- und Kommunikationsweisen zu erproben.» Zudem ist Protestieren auch Aufregung, es läuft etwas, man fühlt sich als Teil von etwas Grossem. Protestieren ist cool. Die 68er erzählen noch heute von den Demos von damals, so als würden sie von abenteuerlichen Ferien schwärmen.

Formieren in der Schweiz harzt

Dass sich die Proteste so rasch auf die ganze Welt ausbreiten konnten, hat hauptsächlich mit den sozialen Medien zu tun. Über Blogs, Foren, Twitter konnten sich die Empörten rasch formieren – inspiriert von den Revolutionen des Arabischen Frühlings. «Das Internet beispielsweise ermöglicht ganz neue, sehr smarte und effiziente Formen von Protest», sagte dazu der Kulturwissenschaftler Joachim Scharloth. Es werde so möglich, mit einigen wenigen symbolischen Handlungen die Aufmerksamkeit von Massenmedien zu erregen und damit Breitenwirksamkeit herzustellen.

Allerdings will die Sache mit den Protesten in der Schweiz noch nicht recht funktionieren. Zumindest virtuell. Die Facebook-Seite Occupy Zürich hat derzeit rund 210 Sympathisanten und die Gruppe Occupy Paradeplatz rund 120 Mitglieder. Im Gegensatz zu Occupy Hamburg mit 1800 Sympathisanten, Occupy Berlin mit 1700, Occupy Köln mit fast 1300 und Occupy Frankfurt mit 4500 Anhängern ist das dennoch eher dürftig, wobei diese Zahlen ebenfalls nicht von einem riesigen Sturm der Entrüstung zeugen. Auch der Protestforscher Roland Roth von der Universität Magdeburg zeigt sich «verhalten» in der Erwartung, dass die Bewegung in Deutschland auf eine allzu grosse Resonanz stösst. In der Schweiz dürfte es womöglich ähnlich sein.

sda/afp/dj

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