Sehnsucht nach Empörung

«Uns're Oma ist 'ne alte Umweltsau!», hat der WDR singen lassen – und sich dann entschuldigt. Die Aufregung wäre aber nicht halb so gross, steckte in ihr nicht doch ein reales Thema.

Ein Lied, gesungen von Kindern, das einen Sturm auslöste. Symbolbild/Reuters

Ein Lied, gesungen von Kindern, das einen Sturm auslöste. Symbolbild/Reuters

«Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad» – das ist ein bewährter Kracher für fröhliche Abende am Lagerfeuer, wo heisere Stimmen die Taten einer ungewöhnlichen Grossmutter besingen, gipfelnd in der Strophe: «Meine Oma hat ‹nen Bandwurm, der gibt Pfötchen.» Nun haben beim Westdeutschen Rundfunk beheimatete Künstler das Lied umgedichtet und vom Kinderchor des Senders vortragen lassen (wir berichteten). Besagte Grossmutter fährt dort mit dem SUV zwei Opis über den Haufen, brät Billigfleisch und freut sich auf die nächste Kreuzfahrt; als Refrain trällern die Kindlein: «Uns're Oma ist 'ne alte Umweltsau!» Man tritt den Satirikern des öffentlich-rechtlichen Senders nicht zu nahe, wenn man ihnen Zeltlager-Niveau bescheinigt.

Nur: Warum dann diese unglaubliche Aufregung? Warum die zehntausendfache Empörung, warum ein erschrockener WDR-Intendant, der sich vom Krankenbett seines 92-jährigen Vaters aus entschuldigt? Man kann das mit dem Bedürfnis nach ein bisschen Empörung in allzu friedvoller Zeit erklären; damit, dass eine gut vernetzte Szene nur darauf wartet, dem angeblich linksgrünversifften WDR eins auszuwischen, oder damit, dass solche kleinen Geschichten, die fürs Grosse stehen sollen, in den sozialen Netzen besonders ansteckend wirken. Die Aufregung über Oma, die vermeintliche Umweltsau, wäre aber nicht halb so gross, steckte in ihr nicht doch ein reales Thema.

Die Auseinandersetzung darüber, was angesichts der Erderwärmung zu tun sei, wird ja tatsächlich auch als Generationenkonflikt ausgetragen. Wobei der Konflikt weniger die Grosseltern betrifft, die das Geschenkpapier bügelten und wiederverwendeten und im Sommer an der Adria campten. Der Graben verläuft zwischen Babyboomer-Eltern und «Fridays for Future»-Kindern. Er gipfelt im tausendfach gezischten «How dare you» überm Weihnachtsbraten und im Streit übers nächste Ferienziel. Er geht um Lebensleistungen und darum, diese infrage zu stellen, darum, was gutes und richtiges Leben ausmacht – und oft auch nur um die Deutungshoheit am Küchentisch.

Das Oma-Lied hat ins Schwarze getroffen – aber anders als geplant

Auf beiden Seiten hat die Empfindlichkeit zugenommen und die Neigung zum Klischee. Da ist das Zerrbild vom weissen Mann jenseits der 50, der Auto wie Steak dick mag und die Zukunft der Jungen kaputtmacht. Auf der anderen Seite steht der übermoralische Teenager, der sich mit dem Auto zur Schule fahren lässt und die Weltreise nach dem Schulabschluss plant. Wie alle Klischees sind sie wahr, gibt es ignorante 50-Jährige und 18-Jährige, deren Engagement sich darauf beschränkt, energiefressende Streamingdienste cooler zu finden als SUVs. Wie alle Klischees sind sie aber nicht die Wirklichkeit: Die Umweltbewegung ist ein Kind der Babyboomer – und die Lautstärke, mit der viele Ältere ihren Lebensstil verteidigen, übertönt vor allem ihr schlechtes Gewissen.

Mit Klischees lassen sich Stimmungen erzeugen. «Warum reden uns die Grosseltern da eigentlich immer noch rein? Die sind doch eh bald nicht mehr dabei», twitterte Fridays for Future Germany – und meinte Weihnachtsfest wie Klimakrise. Bild machte ein ganz grosses Ding daraus, und die jeweiligen Lager konnten sich am jeweiligen Feuer versammeln. Das Oma-Lied hat ins Schwarze getroffen – wenn auch anders als geplant.

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