Sie sagt Nein zum Elterntaxi, aber Ja zum GPS-Tracker

Jessica Westman doktorierte zu Schulwegen. Weshalb das Chauffieren dumm macht und wer seine Kinder zur Schule fährt.

«Elterntaxis machen Kinder träge»: Dr. Jessica Westman.

«Elterntaxis machen Kinder träge»: Dr. Jessica Westman.

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Sie raten von Elterntaxis ab. Wieso?
Die Kinder fühlen sich müde und träge, wenn sie mit dem Auto zur Schule gefahren werden. Die Autofahrt scheint eine beruhigende Wirkung zu haben. Ein Fussmarsch oder eine Fahrt im Schulbus hingegen machen die Kinder wach – und laut meinen Untersuchungen auch glücklicher.

Warum glücklicher?
Die selbstständigen Reisen der Kinder tragen dazu bei, ihre Umgebung zu erforschen, was sich positiv auf das Wohlbefinden und die Verhaltensentwicklung auswirkt. Sie entwickeln ausserdem Verkehrsbewusstsein, räumliches Vorstellungsvermögen und Umweltbewusstsein.

Ist ein 5- bis 10-minütiger Spaziergang wirklich so relevant? Kinder interagieren ja während des ganzen Tages.
Ja, Kinder, die auf dem Schulweg soziale Interaktion betreiben, schnitten bei einem kognitiven Test, den wir durchführten, besser ab als diejenigen, die während der Fahrt passiv waren – was bei Autoreisen oft der Fall ist. Diese Kinder fühlten sich auch lernbegieriger, als sie zur Schule kamen. Auf dem Weg zur Schule – nicht nur körperlich, sondern auch geistig – aktiv zu sein, scheint von Vorteil zu sein.

«Der Schulweg bietet Chancen zur Selbstständigkeit.»

Was ist der Unterschied zur sozialen Interaktion auf dem Pausenplatz?
Soziale Interaktion, wo immer sie auftritt, ist stets zu begrüssen. Der Schulweg bietet aber, anders als der Pausenplatz, Chancen zu mehr Selbstständigkeit. Ausserdem wird das Bewusstsein für Gefahrensituationen im Verkehr geschärft.

Was ist die kritische Distanz, die ein 5-jähriges Kind zu Fuss bewältigen kann?
Was die kritische Distanz ist, kann ich nicht sagen. Es geht vielmehr darum, wie sicher die Strassen sind. Aber Fünfjährige sollten natürlich immer von einem Erwachsenen begleitet werden – am besten aber zu Fuss oder mit dem Fahrrad. Gestalten Sie den Schulweg aktiv – mit Spielen oder Liedern –, damit Ihr Kind sich bei der Ankunft positiv und wach fühlt.

Bilder: Die Elterntaxis kommen


In den Siebzigern wurde niemand zur Schule gefahren. Warum und wann hat sich das geändert?
Je nach Land und Gegend hat die freie Schulwahl dazu beigetragen. Als Folge davon sind die Eltern besorgt über den Verkehr um die Schulen herum und nehmen deshalb das Auto – was zur unsicheren Umgebung beiträgt, die sie zu vermeiden versuchen. Ein klassischer Teufelskreis. Die grössere Arbeitsbelastung und das durchgetaktete Leben spielt auch eine Rolle. Dank des Elterntaxis können morgens alle ein paar willkommene Minuten länger schlafen.

Umfrage

Wie häufig fahren Sie Ihre Kinder mit dem Auto zur Schule?






Welche Eltern fahren ihre Kinder zur Schule?
Untersuchungen zeigen, dass Eltern mit höherem Einkommen ihre Kinder häufiger in die Schule fahren als Eltern mit niedrigerem Einkommen.

Was sind die Gründe: Angst vor Verkehrsunfällen oder von Entführungen?
In den USA sind dies die beiden Hauptgründe, die viele Eltern angeben. In den mitteleuropäischen und nordischen Ländern wiederum behaupten Eltern, dass sie sich nicht so sehr um diese Faktoren sorgen. Hier sind es eher praktische Gründe für die Autowahl. Eltern fahren mit dem Auto zur Arbeit und nehmen ihre Kinder bis zur Schule mit. Sie glauben, sie tun ihren Kindern so einen Gefallen. Im Unterschied zu Japan: Dort gehen die meisten Kinder zusammen mit Freunden zur Schule.

«Die Autofahrkultur scheint sich zu verbreiten.»


In der Schweiz sind es oft Expat-Eltern, die ihre Kinder zur Schule fahren. Der Trend scheint aber auf Schweizer Eltern abzufärben.
Wenn wir uns daran gewöhnen, das Auto immer zu benutzen, um Kinder zur Schule zu bringen, ist diese Gewohnheit schwer zu brechen, selbst wenn wir in ein anderes Land oder eine andere Stadt ziehen, wo dies nicht die Norm ist. Leider halten wir oft an unseren alten Methoden fest. Und der Rückgang von aktivem und selbstständigem Reisen ist ein allgemeines Problem in den Ländern der entwickelten Welt. Die Autofahrkultur scheint sich zu verbreiten.

Was ist mit GPS-Ortungsgeräten? Könnten sie den Eltern helfen, ihre Kinder alleine in die Schule gehen zu lassen?
Das ist ein sehr interessantes Thema, und ich habe viel darüber nachgedacht. Ja, ich denke, das könnte der Fall sein. Vor allem, wenn Kinder die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen. Eltern könnten so überwachen, ob das Kind den Zug/Bus wechselt oder am Zielort ankommt. Allerdings haben fast alle Kinder heutzutage Mobiltelefone, aber wir fahren sie trotzdem und behaupten, es sei, weil wir uns unsicher fühlen, wenn wir sie alleine reisen lassen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.04.2018, 12:39 Uhr

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