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Sind alle Chefs nur «Würstli»?

Warum moralischer Klassenkampf meist als ein hilflos bleibendes, brummelndes Ressentiment endet.

Ellenlange Diskussionen im Familien- und Bekanntenkreis über überforderte und inkompetente Chefs, Politiker und sogenannte «Entscheidungsträger» münden oft in der vernichtenden Erkenntnis: «Es sind halt Würstli.» Warum ist das so? P. W.

Lieber Herr W.

Zunächst ein wenig historischer Schulfunk: Im Übergang von der Feudal- zur bürgerlichen Gesellschaft versuchte das Bürgertum, sich gegenüber dem Adel nicht nur durch wirtschaftliche Macht, sondern auch durch die Behauptung moralischer Überlegenheit zu positionieren. «Emilia Galotti», Lessings «bürgerliches Trauerspiel», handelt von bürgerlicher Tugendhaftigkeit, die feudaler Dekadenz zum Opfer fällt. Nach einem analogen Schema schien sich zunächst auch das Drama zwischen Dominique Strauss-Kahn und dem New Yorker Zimmermädchen zu entfalten, das ihn wegen Vergewaltigung angezeigt hatte. Nur dass es sich hier um einen Konflikt nicht zwischen feudaler, sondern grossbürgerlicher Sexualgier und nicht wehrloser bürgerlicher, sondern proletarischer Unschuld zu handeln schien – bis DSKs Anwälte den Spiess umdrehtenund den mächtigen Mann als hilfloses Opfer der Erpressung durch ein berechnendes Luder aus der Unterschicht darstellten.

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