Sind Juden ein Sonderfall?

Die Antwort auf eine Frage zum Thema Religionszugehörigkeit.

Der Antisemitismus ist eine besondere Form des Menschenhasses. Foto: Keystone

Der Antisemitismus ist eine besondere Form des Menschenhasses. Foto: Keystone

Peter Schneider@PSPresseschau

Wenn ich meinem nicht jüdischen Mann gegenüber Befürchtungen hinsichtlich des zunehmenden ­Judenhasses äussere, artet das ­Gespräch oft in einen Disput aus, der mit den Aussagen endet: Nicht nur die Juden seien Opfer gewesen. Weshalb diese nicht nur bei ­meinem Gatten häufig zu beobachtende Reaktion bzw. Verallgemeinerung? Zum einen wollte ich (aus persönlicher Betroffenheit) ja ­einfach nur über die Juden reden (was die anderen Gräueltaten nicht schmälern soll). Zum anderen habe ich doch immer wieder das Gefühl, dass die Juden ein Sonderfall sind. Sie sind fast überall und immer in der Minderheit, und der Antisemitismus scheint schlicht nicht auszumerzen zu sein. S. L.

Liebe Frau L.

Wollen wir zuerst den inner­familiären Teil Ihrer Frage abhandeln? Wenn Sie als Jüdin nur andere Ängste haben als er, fühlt er sich Ihnen vielleicht entfremdet und möchte wieder eine Gemeinsamkeit auf einer allgemeinen Ebene herstellen. Er beansprucht sozusagen Shylocks Argument «Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht?» auf eine eigene, ungeschickte Weise. Sie können ihn damit trösten, dass er immerhin dank des Rückkehrgesetzes jederzeit mit Ihnen nach Israel auswandern darf und die israelische Staatsbürgerschaft erhält, und ihm anbieten, im Gegenzug könne er seinen What­aboutismus mal bleiben lassen.

Nachdem wir dieses Problem also gelöst hätten, wollen wir zum allgemeineren Teil Ihrer Frage kommen. Ich glaube wie Sie, dass der Antisemitismus tatsächlich eine sehr besondere Form des Menschenhasses darstellt. Antisemiten sind auch dort zwanghaft mit der Lösung des Judenproblems beschäftigt, wo es kaum Juden noch Probleme, geschweige denn Judenprobleme gibt. Juden sind wahlweise eine Mischung aus einflussreichen Milliardären und Kommunisten, vaterlandslose Leute mit pathologischer Israel-Loyalität, für andere schächtende Tier- oder beschneidungswütige Knabenquäler, Frauen unterdrückende Fundamentalisten, Araber hassende Rassisten und für manche Verbündete im antiislamischen Abwehrkampf. Oder aber sie sind «Menschen jüdischen Glaubens», selbst wenn sie ungläubig sind, oder noch besser: «jüdisches Leben», was sie zu einem wichtigen Teil des Ökosystems macht.

Womit ich nicht sagen will, dass ich Philosemitismus für die Kehrseite des Antisemitismus halte. Sondern nur, dass einen die üblichen Debatten um Juden und Antisemitismus so furchtbar müde und hilflos machen, weil sie nichts fruchten, sondern immer nur dieselben Textbausteine reproduzieren. Sie sind wie Guido-Knopp-Dokus in Endlosschlaufe.

Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt