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Social Distancing kann Ihre Gesundheit gefährden

Im Kampf gegen Corona gilt Social Distancing als erfolgversprechend. Das ist ein Irrglaube – falls man den Aufruf allzu wörtlich nimmt.

Distanz halten, aber nicht die soziale Distanz: Ein leeres Strassencafé in Chur. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)
Distanz halten, aber nicht die soziale Distanz: Ein leeres Strassencafé in Chur. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Die Corona-Epidemie müsste uns wuppen lassen. Sie wissen nicht, was damit gemeint ist? Das ist nicht weiter verwunderlich, ist wuppen doch ein klassisches Modewort. Die zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine Zeit lang besonders häufig gebraucht werden – häufig aber auch bald wieder verschwinden. Dabei müsste wuppen das Gebot der Stunde sein. Wuppen bedeutet, dass man sich um etwas kümmern und das damit verbundene Problem lösen müsste.

Derzeit angesagt ist eine andere Wortschöpfung, das aus dem englischen Sprachraum geliehene Social Distancing. Staatlich verordnet, wissenschaftlich belegt, sollen wir Distanz zu unseren Mitmenschen halten. Zwei Meter mindestens, am besten ist der körperliche Kontakt ganz zu vermeiden, um sich nicht anzustecken. Doch der Begriff leitet in die Irre. Es geht nicht darum, sozialen Abstand zu unseren Mitmenschen zu halten, obwohl dies Social Distancing verlangt – nimmt man den Ausdruck wörtlich.

Das Gegenteil ist der Fall. Wenn wir schon in die Isolation geschickt werden, ist es zentral, die sozialen Kontakte aufrechtzuerhalten und zu pflegen. Der zwischenmenschliche Austausch ist für Menschen so wichtig wie für Pflanzen das Licht. Ohne gehen beide jämmerlich ein. Es muss ja nicht immer die Umarmung, der eng umschlungene Tanz oder der innige Händedruck sein, welche uns Nähe und Wärme geben. Klassische Formen der Kommunikation – wie häufiger mit der betagten Mutter per Telefon einen Schwatz halten – dürfen ruhig wieder aufleben. Die verordnete Ruhe für eine Karte oder einen Brief zu nutzen, ist auch nicht verboten.

Eine konsistente Wortwahl trägt viel dazu bei, dass die Bevölkerung die Anweisungen befolgt und nicht in Angst und Schrecken verfällt.

Und für einmal können die sozialen Medien uns den Dienst erweisen, den ihr Name eigentlich vorgibt, nämlich die Menschen untereinander in einen sozialen Kontakt treten zu lassen. Vermehrt tauchen selbst auf Facebook nebst herzigen Tierbildchen und angeberischen Ferienposts wohltuende Aufmunterungen, Durchhalteparolen oder lustige Aufklärungsvideos für Kinder auf.

Also: Wir sollen uns nicht sozial voneinander distanzieren, sondern körperlich. Physical Distancing müsste es korrekt heissen. Alles nur Wortklauberei? Nein: Der Bund versucht ja auch, nicht von Notlage oder Notstand zu sprechen, sondern von einer ausserordentlichen Lage. Dies ganz bewusst, denn die beiden ersten Begriffe suggerieren ein Land kurz vor dem Kollaps, kaum mehr regierbar – ausser mit Notrecht. Der vom Bundesrat gewählte Begriff für die Lage ist nicht zufällig: Damit signalisieren die Verantwortlichen Ruhe und Besonnenheit.

Wie schwierig es ist, sich bei der Wortwahl zu disziplinieren, zeigte sich an der jüngsten Corona-Pressekonferenz des Bundesrats in Bern. Daniel Koch vom Bundesamt für Gesundheit sprach doch von Notrecht. Eine konsistente Wortwahl trägt viel dazu bei, dass die Bevölkerung die Anweisungen befolgt und nicht in Angst und Schrecken verfällt.

Es war ein Fehler, dass die Schweizer Behörden den in anderen Ländern grassierenden Begriff Social Distancing übernahmen. Das ist kaum mehr zu korrigieren. Dafür hat sich Wort schon zu sehr verbreitet. Was also tun? Vielleicht so: Lasst uns jetzt sofort die Corona-Krise wuppen und hoffen, dass es sich beim Social Distancing um ein verschrobenes Modewort handelt, das schon bald wieder verschwindet.

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