Sollte Liebe am Arbeitsplatz verboten sein?

McDonald’s entlässt den Chef, weil der sich mit einer Untergebenen einliess. Ist das übertrieben oder nötig?

Man kommt sich am Arbeitsplatz unweigerlich näher. Das ist immer kompliziert, kann unangenehm sein – aber auch schön. Foto: Plainpicture

Man kommt sich am Arbeitsplatz unweigerlich näher. Das ist immer kompliziert, kann unangenehm sein – aber auch schön. Foto: Plainpicture

Andreas Tobler@tobler_andreas
Edgar Schuler@Edgar_Schuler

Ja

Das Büro gleicht einer Datingagentur, so viele Paare lernen sich am Arbeitsplatz kennen. Zugleich werden immer ­wieder problematische Beziehungen publik. Jüngst bei der Swiss Life: Markus Leibundgut, Schweiz-Chef des Lebensversicherers, hat eine Beziehung mit seiner langjährigen Stabschefin, was intern zu heftigen Diskussionen geführt haben soll.

Konfliktpotenzial gibt es bei Job-Beziehungen fast immer. Nicht nur auf der Teppichetage oder bei Hierarchien. Auch unter Gleichgestellten sind sie belastend. Weil mögliche Vermengungen von beruflichen und privaten Interessen thematisiert werden müssen. Und weil Teams oder ganze Firmen ins Wanken kommen können. Nicht nur, wenn die Verliebten Allianzen gegen Kollegen schmieden. Es genügt schon der Verdacht, jemand habe den Job oder ein Privileg der Liebe zu verdanken.

Selbst wenn eine Büroliebe nie stört, bleibt der Verdacht an den Verliebten haften, meist an der Frau. In der Regel ist sie es denn auch, die einen Karriereknick in Kauf nehmen muss, wenn die Beziehung publik wird. So wars bei Swiss Life: Leibundguts Partnerin musste das Unternehmen verlassen.

Gewiss, wir alle sind erwachsene Menschen. Aber wer weiss schon, in welche Gefühlszustände er geraten kann, wenn eine Liebesbeziehung in die Brüche geht. Oder wenn die beiden Verknallten eines Tages keine Lust mehr aufeinander haben, weil sie sich jeden Tag sehen. Im Bett und im Büro, nach Feierabend und in den Ferien.

Deshalb gilt es, allfällige Gefühle zu zähmen (ja, das geht) oder nach einer gleichwertigen Stelle Ausschau zu halten, wenn sich etwas anbahnt. Denn letztlich hat man seinen Job nicht, weil man sich verlieben will, sondern nur, weil man mit einer möglichst sinnvollen Tätigkeit seinen Lebensunterhalt verdienen will. Daher ist ein Beziehungsverbot am Arbeitsplatz sinnvoll – damit die Liebe das bleiben kann, was sie ist: privat.

Andreas Tobler

Nein

Verliebt in die Chefin? Affäre am Arbeitsplatz? Heikel, heikel. Die Gerüchteküche brodelt, das Arbeitsklima leidet, Interessenkonflikte bedrohen den Ruf der Firma, den Geschäftsgang. Man versteht, dass Arbeitgeber alles Interesse daran haben, die firmeninternen Beziehungskisten ihrer Angestellten zu regulieren, anzeigepflichtig zu machen oder gleich ganz zu verbieten.

Kluge Arbeitgeber, allerdings, werden dem logischen Impuls nicht nachgeben. Und kluge Gesetzgeber werden Regeln über den Umgang mit der Liebe am Arbeitsplatz nicht in Paragrafen giessen. Gut gemeint wäre auch da das Gegenteil von gut. Denn erstens geht es den Arbeitgeber nichts an, wo die Liebe bei seinen Angestellten hinfällt. Und dass sie häufig da hinfällt, wo man tagtäglich miteinander zu tun hat, ist ja nicht besonders überraschend.

Zweitens aber und viel wichtiger: Wer neben der Arbeitszeit, den Ferienansprüchen, den Spesen und der privaten Verwendung des Internetzugangs in der Firma auch noch das Liebesleben seiner Angestellten per Arbeitsrecht und Vertragsklauseln reglementiert, kultiviert ein Klima des grundsätzlichen, allumfassenden Misstrauens. Und das ist schlecht fürs Geschäft. Wer seine Angestellten gängelt, braucht sich nicht zu wundern, wenn sie schlecht motiviert sind.

Umgekehrt heisst das aber auch: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, denen der Arbeitgeber Verantwortung zumutet, müssen diese Verantwortung auch wahrnehmen. Sich am Arbeitsplatz zu verlieben, ist voll okay (und lässt sich ja auch nicht ernstlich verhindern). Wenn eine Beziehung am Arbeitsplatz tatsächlich Geschäfts­abläufe beeinträchtigen könnte oder zu Tratsch und Klatsch Anlass gibt, erwarten Vorgesetzte zu Recht, dass sie von den Verliebten darauf angesprochen werden. Und dass man dann gemeinsam Lösungen sucht. Das nennt man dann: Professionalität, im Beruf wie im Privaten.

Edgar Schuler

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