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Tannenbaum und Hakenkreuz

Die Antwort auf eine Leserfrage zu den Gefahren des Antisemitismus.

Die verbreitete Unbedarftheit der christlichen Umgebung gegenüber der jüdischen Minderheit kann nerven.
Die verbreitete Unbedarftheit der christlichen Umgebung gegenüber der jüdischen Minderheit kann nerven.
Josh Willink (Pexels)

Kann eine auf der Identitätsebene nicht eindeutig zuzuordnende Jüdin in eine Gruppentherapie mit Otto-Normal-BernerInnen? Meine Befürchtung ist, dass man mir sagt, es sei ungesund, wenn meine Kinder ohne Tannenbaum aufwachsen, und dass wir innerhalb von 5 Minuten über Palästina reden, wenn ich mitteile, dass ich Angst habe, dass meine Mädchen in Paris ein Hakenkreuz auf Simone Veils Gesicht sehen.L. K.

Liebe Frau K.

Oy gevalt! «Otto-Normal-Berner-Innen»!! Wollen Sie unbedingt von Anfang an Risches? Weil die Leute dann nämlich gleich denken werden, dass Sie meinen, was Besonderes zu sein. Dabei haben Sie vielleicht nur ein bisschen Schiss vor der Gruppentherapie und davor, sich vor wildfremden Leuten zu entblössen?

Ich kann Sie beruhigen: Der Seelennackigkeitsfaktor in Psychotherapien wird in der Regel weit überschätzt. Eine Gruppentherapie ist keine Mutprobe; Sie dürfen erzählen, was Sie wollen, müssen aber nichts sagen, was Sie nicht möchten.

So viel zum Thema «Keine Angst, tut nicht weh»; nun aber zu den Tannenbäumen und Hakenkreuzen. Ich glaube, Ihre Angst vor antisemitischen Angriffen symbolischer und tätlicher Art (wie sie Alain Finkielkraut von Gelbwesten-Aktivisten erleben musste) wird jeder halbwegs vernünftige und empathische Mensch nachvollziehen können. Nicht zuletzt, wenn man sich wegen seiner Kinder Sorgen macht.

Ja, Leute, man kann ohne Tannenbaum leben.

Ich will die Gefahren des Antisemitismus nicht bagatellisieren; aber eine bernische Gruppentherapie ist einerseits nicht gerade das Milieu, in dem gewalttätiger Antijudaismus blüht, und anderseits durchaus das Medium, in dem man auch die eigene Verletzlichkeit gegenüber gedankenlos und unironisch ausgesprochenen Begriffen wie «abejuden» oder «mauscheln» thematisieren kann.

Was einen natürlich grundsätzlich nerven kann – und damit weg von Bern und der Gruppentherapie –, ist die verbreitete Unbedarftheit der christlichen Umgebung gegenüber der jüdischen Minderheit, ungeachtet der gängigen Beschwörung der Werte des «christlich-jüdischen Abendlandes». Denn so ziemlich alles an dieser Floskel ist gelogen: der Bindestrich, die Reihenfolge der Aufzählung und die Beschränkung des Jüdischen auf das Abendland. Wenn Politiker (z.B. in Deutschland) vom «jüdischen Leben» sprechen, dann klingt das immer so, als wäre die Anwesenheit von Juden ein Erfolg wie die Wiederansiedlung des Luchses. Dagegen kann man wenig tun – ausser beim «othering» des Jüdischen einfach nicht mitmachen. Ja, Leute, man kann ohne Tannenbaum leben. Nicht nur, aber auch zur Weihnachtszeit.

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