Triskaidekaphobie oder der Verzicht auf die 13

Januarloch-Kalender

Weniger ist mehr – auch von den Dingen, die wir fürchten. Wer die Zahl 13 auslässt, wird vom Unglück verschont. So einfach ist das! Wirklich?

Eine Hausnummer 13 sucht man an der Strasse, an welcher die Autorin wohnt, vergebens.

Eine Hausnummer 13 sucht man an der Strasse, an welcher die Autorin wohnt, vergebens.

(Bild: iStock)

Tina Uhlmann

Gibt es in Ihrer Strasse auch keine Hausnummer 13? Ich zum Beispiel wohne in der Nummer 15, mein Haus liegt zwischen der Nummer 11 und der Nummer 17. Das fiel mir erst auf, als eines Tages jemand bei mir klingelte und nach der Hausnummer 13 fragte. Gemeinsam suchten wir sie – nichts. Ein Haus mit dieser Nummer existiert am Waffenweg im Berner Breitenrain-Quartier nicht. Es stellte sich dann heraus, dass die Person, die ihre Bekannten im Haus Nummer 13 suchte, das eigene Gekritzel auf ihrem Zettel nicht mehr lesen konnte; die 3 der 13 war eine schludrige 8. Im Haus Nummer 18 wurden wir fündig.

Der Vorfall hat mich noch eine Weile beschäftigt. Schliesslich leben wir im 21. Jahrhundert und Aberglauben existiert höchstens noch als Hobby, fleissig geschürt von der Esoterik-Industrie. Mein Quartier entstand Anfang 20. Jahrhundert, vielleicht war man da halt noch abergläubischer, dachte ich mir. Doch weit gefehlt. Wie auf Anfrage beim Hauseigentümerverband zu erfahren war, ist es bis heute für viele Menschen ein Problem, in einem Haus mit der Nummer 13 zu wohnen.

2015 zum Beispiel gab es im Aargauer Dorf Uerkheim im Zuge einer Neunummerierung Schwierigkeiten mit fünf von 20 Hausparteien, die fortan in einer Nummer 13 hätten wohnen müssen. Aus Furcht vor dem Unglück lehnten sie dies ab. Das Problem wurde auf zwei verschiedene Arten gelöst: Entweder es gab ein Haus Nummer 15a und ein Haus Nummer 15b oder der betreffenden Liegenschaft wurde die Nummer einer leeren Parzelle vergeben.

Wo bleibt das Unglück?

Nur: Was passiert mit dem Unglück, das ja nicht einfach weg sein kann, wenn statt der Nummer 13 eine andere über der Haustür prangt? Diese Frage trieb mich wochenlang um. Ich ertappte mich gar dabei, im Kopf die wenigen, aber gravierenden Unglücksfälle zusammenzuklauben, die sich in den Jahren ereignet hatte, seit ich im Haus Nummer 15 wohne – das ja eigentlich die Nummer 13 wäre.

Glücklicherweise hat mir mein Verstand bald eingeflüstert, dass das Leben nirgendwo ganz ohne Unglück abläuft, auch in der Nummer 15 nicht. Die Frage aber bleibt: Kann man etwas verhindern, indem man seine Existenz negiert? Viele versuchen es.

Dass in Hochhäusern kein 13. Stock existiert und in Hotels oft kein Zimmer 13, haben Sie vielleicht auch schon festgestellt. Doch wenn Sie im Londoner Hotel «Savoy» ein Dinner für 13 buchen, werden Sie mit einem das Unglück neutralisierenden 14. Gast rechnen müssen – nämlich mit Kaspar the Cat, «einer etwa einen Meter grossen Katzenstatue, die schon so etabliert ist, dass sie sogar ihre eigene Visitenkarte hat», wie der Internet-Hoteldienst Trivago schreibt.

Weniger ist mehr? Nun, man kann das drohende Unglück nicht nur auslassen, sondern den Schutz davor auch zum Marketing-Gag ausbauen. In unserer Wirtschaft ist ja bekanntlich nur mehr wirklich mehr.

Psychopharmaka und Krankschreibungen

In der Medizin wird die Angst vor der Zahl 13 «Triskaidekaphobie» genannt und in schweren Fällen mit Psychopharmaka behandelt – ebenso wie die Unterform «Paraskavedekatriaphobie», welche die Angst vor Freitag, dem 13. bezeichnet. «Gleich drei- bis fünfmal so viele Arbeitnehmer wie im Monatsdurchschnitt sind an einem Freitag, den 13. krankgeschrieben», meldete das deutsche Magazin «Der Spiegel» in einem Artikel von 2009; dies hatte eine Auswertung von Krankmeldungen der Jahre 2006 bis 2008 der Kaufmännischen Krankenkasse ergeben.

Und eine Studie der Zürich Versicherung stellte fest, «dass an Freitagen, die auf den 13. eines Monats fallen, signifikant weniger Schadensfälle verzeichnet werden als an allen anderen Freitagen im Jahr». Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste!

Sie sehen: Die Kraft der Zahl 13 ist ungebrochen. In vorchristlicher Zeit war sie eine heilige Zahl, da es im Mond-Kalender vieler alter Völker in regelmässigen Abständen einen 13. Monat gab, der mit zahlreichen religiösen Ritualen verbunden war. Diese fielen im zwölfmonatigen christlichen Kalender weg und wurden als heidnisch, des Teufels verboten. Judas, der Verräter, war der dreizehnte Jünger am Tisch von Jesus – wie das ausging, wissen Sie. Doch es ist lange her. Deshalb beschlossen die Chefs des internationalen Rennsports ausgerechnet im Jahr 2013, künftig auch Startnummern 13 an ihre Formel-1-Fahrer zu vergeben – was man bis dahin unterlassen hatte.

Buchstaben statt Zahlen

Wie wollen Sie es in Zukunft halten mit der Nummer 13? Ich für mich habe beschlossen, dass es mir weiterhin wohl sein soll im Haus Nummer 15, das eigentlich die Nummer 13 ist. Als Buchstabenmensch bedeuten mir Zahlen ohnehin nicht besonders viel. Und ja, das wäre doch eine Idee: Statt durchnummerieren könnte man die Häusern durchbuchstabieren. Da wir nur über 26 Schriftzeichen verfügen, müsste man diese natürlich auch kombinieren – und da wären wir bei den Wörtern, den Namen, welche die Häuser früher hatten. Lassen wir doch nicht nur die 13 weg, sondern die Zahlen überhaupt – weniger Zahlen, mehr Phantasie.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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