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Verwahrlosung wegen Corona?

Was tun Menschen in ihrer Wohnung, wenn ihnen niemand zuschaut? Diese Frage beschäftigt unsere Autorin mehr denn je.

Ende ich so, wenn die soziale Kontrolle wegen der Quarantäne entfällt? Foto: iStock
Ende ich so, wenn die soziale Kontrolle wegen der Quarantäne entfällt? Foto: iStock

Wie viele von Ihnen verbringe ich gerade sehr viel Zeit in meiner Wohnung. In meinem Fall heisst das: viel Zeit alleine, nur mit mir. Ich werde dabei die Frage nicht los, was andere so tun, wenn sie sich unbeobachtet fühlen.

Diese Frage ist relativ neu für mich. Denn über zehn Jahre lang wohnte ich in Wohngemeinschaften, erst mit zwei anderen Personen, dann wurden es immer mehr, drei, vier, sogar sieben, obendrauf noch zwei Katzen. Da war die soziale Kontrolle gross – wer isst wann, wie, was, wie kocht der andere, wie lange duscht die Mitbewohnerin, wer bringt wen über Nacht nach Hause, wer putzt und wie gut, wer geht wann ins Bett, in welchem Pyjama: Nichts entging einem.

Und dann plötzlich allein zu Haus. Ich zog in eine eigene Wohnung. Zu Beginn rutschte mir ab und zu ein «Hallo» raus, wenn ich zur Tür reinkam. Aber da war ja niemand. Also habe ich mir das abgewöhnt. Bei anderen Dingen bin ich mir nicht sicher, ob ich sie jetzt nicht mehr oder erst recht machen soll. Es fehlen die vielen mitschauenden Augen und mithörenden Ohren.

Anarchie nur mit sich selber verliert ihren Reiz.

Soll ich die Decke falten, wenn ich vom Sofa aufstehe und ins Bett gehe? Zimmer- und Küchenschranktüren schletzen, die Haare im Abfluss in der Dusche lassen, Schuhe nicht ausziehen, beim Turnen im Online-Gym die Gesichtszüge entgleisen lassen, unanständig essen, mit den Händen, ohne Besteck, laut rülpsen, in der Nase bohren, Daydrinking alleine, beim Staubsaugen hemmungslos singen, mit sich selber sprechen, lumpige Kleider tragen – überhaupt Kleider tragen, wenn zu Hause, alleine?

Anarchie nur mit sich selbst lässt sich irgendwie schlecht leben, stelle ich fest, sie verliert ihren Reiz. Zudem ist der Mensch ja bekanntlich ein Gewohnheitstier. Gewohnheit schafft Ruhe, hält den Kopf frei, stellt keine blöden Fragen. Warum nicht laut rülpsen, seinen Körper in Kleidung zwängen, Ordnung halten?

Nun aber haben sich die Vorzeichen für all diese Fragen nochmals drastisch geändert. Die soziale Kontrolle, der man unterliegt, sobald man die Wohnung verlässt – etwa, dass man sich spätestens dann anständig anzieht, vielleicht was mit den Haaren macht, vorher die Zähne putzt, sich wäscht –, entfällt weitgehend. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass man Besuch empfängt oder Leute einlädt, ist auf null gesunken. Es winkt die ultimative Freiheit, getarnt als riesige Verwahrlosungsfalle.

Die Geräusche der Nachbarn geben mir das Gefühl, dass sie gleich arbeiten gehen.

Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich mit verfilzten Haaren in Lumpen irgendwo zwischen Krümeln am Boden hocken und – das Leben ohne Beobachtung geniessen? Nein, so soll das nicht werden.

Ich stehe also jeden Tag zeitig auf, höre wie immer meinen Nachbarn duschen und andere die Rollläden hochziehen. Das motiviert mich. Auch wenn ich nicht weiss, was sie sonst noch so machen oder wie sie aussehen, geben sie mir das Gefühl, dass sie gleich arbeiten gehen. Arbeiten. Ohne Gehen vielleicht.

Auch ich mache mich an die Arbeit, aber erst, wenn ich die Küche in Ordnung gebracht und mich umgezogen habe. Vom Pyjama in ... okay, keine Jeans. Aber Trainerhosen oder Leggins. Dazu Finken oder Socken, die gute Laune machen, die ich bestimmt nicht im richtigen Büro tragen würde. Aber diese Freiheit nehme ich mir hier, wo mich ja keiner sieht – und frage mich nun umso mehr, was all die Leute in Zeiten von Corona und Quarantäne den ganzen lieben langen Tag alleine in ihren Wohnungen machen.

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