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Von der Angst, gleich zu sein wie die anderen

Ist es spiessig, ein Abo im Schauspielhaus zu haben? Was sind die Abonnenten für Typen? Oberlehrer? Studiosus-Reisende? Ich habe selbst ein Abo und möchte mir gerne den Spiegel vorhalten (lassen). M. S.

Spiessig? Leben wir denn nicht längst in einer postspiessigen Ära? Wer wollte, könnte und dürfte aufgrund welcher Legitimation urteilen, was spiessig sei und was nicht? Ab wann wird das Hippe wieder spiessig und das Spiessige irgendwann hip? Ist nicht die spiessigste aller Sorgen diejenige, ob man spiessig ist? Und davon einmal abgesehen: Was soll an einem/Ihrem SchauspielhausAbo eigentlich so schlimm sein? Die Stücke, die Sie auf diese Weise zu sehen bekommen? Oder vor allem die anderen Abonnenten? Vermutlich gibt es ja tatsächlich so etwas wie einen besonderen Sozialtypus des Schauspielhaus-Abonnenten. Es wäre eher ein Wunder, wäre es anders. Was aber spricht eigentlich gegen Lehrer für Deutsch und Geschichte (oder auch für Mathematik und Biologie), welche sich hinsichtlich der laufenden Theaterproduktionen mit dem praktischen Mittel eines Abos auf dem Laufenden halten wollen? Und gegen Studienreisende, deren Neugier sich nicht nur auf die Kunstschätze der Lombardei oder die Pflanzenwelt der Südägäis beschränkt, sondern auch auf das aktuelle Theaterschaffen bezieht? Woher kommt Ihr Unbehagen (abzulesen an der Wortwahl «Oberlehrer»), möglicherweise ebenfalls zu diesen Kategorien zu gehören, also Teil einer recht homogenen Gemeinschaft zu sein?

Ich glaube (und damit folgt der verallgemeinernde Teil meiner Antwort), es ist ein Unbehagen am Ähnlichsein. Ein Gefühl, das selten thematisiert wird, weil die einschlägigen Diskurse über unser Verhältnis zu anderen stets nur auf die Furcht vor dem Anderen als «Fremdem» fokussieren. Aber es gibt eben auch diese andere Angst: die Furcht vor dem Gleichen. Thomas Hobbes, der Staatsphilosoph des Bürgerkriegs aller gegen alle, hat genau diesen Aspekt in den Mittelpunkt seiner Anthropologie gerückt: das schwierige Verhältnis der Menschen zueinander, das gerade nicht aus ihrer jeweiligen Andersartigkeit, sondern aus der Gleichartigkeit ihrer Wünsche und Ansprüche entsteht. Es scheint mir, als ob die ewigen und oftmals enervierenden Distinktions-Debatten in Geschmacks-, Mode- und sonstigen kulturellen Fragen nicht zuletzt im Dienste der Beschwichtigung unserer Angst vor dem Gleichen stehen. In ihnen versichern wir uns, dass die Anderen anders sind – und wir auch. Ein frommer Wunsch, in dem sich dann alle wieder ziemlich gleichen. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

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