Warum wir uns für den Partner schämen

Je näher uns ein Mensch steht, umso peinlicher ist er uns manchmal. Warum das vor allem etwas über uns aussagt, erklärt ein Psychologe.

War dieser blöde Witz vor all unseren Freunden wirklich nötig?

War dieser blöde Witz vor all unseren Freunden wirklich nötig? Bild: iStock

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Wer kennt nicht das Gefühl, wenn der Partner auf der Party seinen Ausdruckstanz zelebriert oder endlos Witze erzählt, über die keiner lacht. Dabei erzählt Fremdscham mehr über einen selbst als über den Partner, sagt Frieder Paulus, Juniorprofessor für Methoden sozialer Neurowissenschaften. Der 37-jährige erforscht seit 2008 mit den Wissenschaftlern Sören Krach und Laura Müller-Pinzler von der Universität Lübeck das Phänomen des Fremdschämens.

Herr Paulus, reden wir über Liebe. Warum schämen sich Menschen für ihren Partner?
Aus denselben Gründen, aus denen sie sich für ihr eigenes Verhalten schämen - weil es nicht den persönlichen Vorstellungen entspricht. Jeder Mensch wächst mit Werten und Normen auf und bemüht sich, diesen gerecht zu werden.

Wenn man zu zweit ist, ärgert man sich eher, wenn der andere das Messer abschleckt. Wie wird aus Ärger Fremdscham?
Jede Art von Peinlichkeit braucht Öffentlichkeit, etwa ein Restaurant. Es müssen andere dabei sein, die das beobachten - und manchmal reicht schon die Vorstellung. Widersetzt sich der Partner bestimmten Normen, fragt man sich, was das Umfeld jetzt über ihn denkt und ob er womöglich abgewertet wird.

Aus Mitgefühl - oder weil man fürchtet, selbst abgewertet zu werden?
Beides. Einerseits sind wir in der Lage, uns in andere hineinzuversetzen, etwa, wenn sich jemand Kaffee über den Schoss kippt. Dann fühlen wir mit der Person. Andererseits fürchten wir, dass das Verhalten des anderen auf uns zurückfällt. Man teilt eine gemeinsame Geschichte, der andere gehört zum Selbstbild - ähnlich wie Eltern und Geschwister. Wenn die sich daneben benehmen, empfindet man das heftiger als bei Bekannten oder Fremden.

Dennoch leben Dschungelcamp und ähnliche Sendungen von der Fremdscham. Inwiefern unterscheidet sich das Gefühl beim Anblick unbekannter Selbstdarsteller von dem, wenn der Partner sich peinlich benimmt?
Bei solchen TV-Formaten ist die Blossstellung gewollt, die Personen werden aus ihrem Kontext gerissen und verstossen gegen Konventionen. Man kann sich in Unbekannte nicht so gut hineinversetzen, aber es reicht, um sich vorzustellen, wie peinlich es einem selbst wäre. Der Unterschied ist: Nichts, was diese Leute tun, fällt auf einen selbst zurück.

«Was von den meisten als peinlich empfunden wird: wenn Privates ungewollt öffentlich gemacht wird.»Frieder Paulus, Psychologe

Man hört immer wieder, dass sich Frauen besonders häufig für ihren Partner schämen. Stimmt das?
Das wissen wir nicht, und diese Annahme würde alle ausschliessen, die in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung leben. Was wir aber aus den Forschungen wissen: Menschen, die sich besonders gut in andere hineinversetzen können und bemüht sind, sich in andere hineinzufühlen, berichten, dass sie sich häufiger fremdschämen.

Welche Situationen werden als besonders peinlich empfunden?
Das ist unterschiedlich - je nachdem, mit welchen Wertvorstellungen man sozialisiert wurde, in welchem Umfeld man sich bewegt und in welcher Situation man sich befindet. Auch hat sich das Verständnis, was als angemessenes Verhalten gilt, im Laufe der Jahrzehnte verändert. Hätte in den Fünfzigerjahren ein Mann seiner Frau die Tür nicht aufgehalten, hätte er sich zum Gespött gemacht. Heute würde das - je nachdem, wo man sich gerade aufhält - gar nicht auffallen. Was von den meisten als peinlich empfunden wird: wenn Privates ungewollt öffentlich gemacht wird.

Mindestens ebenso gefürchtet: Wenn sich der Partner auf der Tanzfläche zum Horst macht ...
Selbst da kommt es darauf an, in welchem Umfeld man sich bewegt. Und wie stark sich bei einer Gruppe Berufliches und Privates überschneidet. Dann könnte es sein, dass Verhaltensweisen oder ein spezieller Humor plötzlich vor einer Öffentlichkeit präsentiert werden, die davon eigentlich nichts mitbekommen sollte.

Was ist mit miesen Witzen, Rassismus oder sexistischen Bemerkungen - geht das nicht zu weit?
Hier unterscheiden wir drei Kategorien: Jemand tut unabsichtlich etwas, von dem er sofort weiss, dass es peinlich ist - etwa stolpern. In dem Fall ist das Gefühl der Fremdscham nicht so stark, weil der andere selbst signalisiert, dass es ihm unangenehm ist. Schwieriger wird es, wenn einer absichtlich solche Verhaltensweisen an den Tag legt, wie es manchmal bei Pubertierenden zu beobachten ist, zum Beispiel, wenn sie ihren Namen rülpsen.

Ok, das ist wirklich peinlich, vermutlich ist dann Alkohol im Spiel. Was ist die dritte Kategorie?
Wenn solche Entgleisungen unbewusst erfolgen. Wenn sie immer noch einen Witz erzählt, obwohl niemand mehr lacht. Wenn er geschmacklose Bemerkungen macht und in seiner Sichtweise gefangen ist. Auch hier wird Privates öffentlich gemacht: das Selbstbild, das man von sich kommuniziert und wie man von anderen gesehen werden will. Dieses Bild wird durch das Verhalten des Partners beschädigt, und damit die soziale Integrität. Die anderen fragen sich womöglich: Was hat der oder die bloss für einen Partner? Da ist die Fremdscham am stärksten. Und die Angst, dass das auf einen zurückfällt.

«Darüber reden hilft eigentlich immer. Es ist wichtig, zu erklären, warum das für einen von beiden peinlich war.»Frieder Paulus, Psychologe

Ist diese Angst berechtigt?
Häufig ist es so, dass den anderen gar nichts am Partner aufgefallen ist. Die freuen sich einfach, dass er da ist. Wenn man sich ständig fragt, wie er ankommt und wahrgenommen wird, sagt das auch etwas über einen selbst aus und nicht nur über den Partner. Alles, was uns stellvertretend peinlich ist, ist auch in uns selbst verankert.

Wie kommt es zu dieser Wahrnehmungsschere?
Wir sollten bedenken, dass Normen auch innerhalb einer Beziehung nicht immer gleich ausgeprägt sind - etwa die Vorstellung, wie ordentlich, sportlich oder tolerant man sein sollte. Sei es, weil man unterschiedlich erzogen wurde. Sei es, weil man sich als Person in einem bestimmten Alter oder einer Lebensphase verändert. Oder aber, weil sich durch einen Jobwechsel der soziale Kontext für einen von beiden ändert. Womöglich hat der Partner die Veränderung noch gar nicht verinnerlicht. Dann empfindet man ihn plötzlich als peinlich, obwohl er sich verhält wie immer.

Wie geht man damit am besten um?
Darüber reden hilft eigentlich immer. Es ist wichtig, zu erklären, warum das für einen von beiden peinlich war. Weil man damit auch das eigene Wesen erklärt.

Wird die Fremdscham mit der Zeit weniger, wenn man länger zusammen ist oder älter wird?
Nur, wenn es einem weniger bedeutet, was andere über einen denken. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Kann sein, dass man nicht mehr so oft in die Öffentlichkeit geht, oder dass man einen Freundeskreis hat, bei dem die Normen klar und für jeden gültig sind.

Normalerweise würde ich Sie an dieser Stelle fragen, was Sie durch Ihre Forschung über die Liebe gelernt haben. Dürfte ich stattdessen erfahren, was Ihre schlimmste Fremdscham-Erfahrung war?
Ich würde lieber eine Anekdote von einem Teilnehmer einer unserer ersten Studien anbringen. Das peinlichste, das er jemals erlebt habe, sei ein Familienfest gewesen, auf dem seine Tanten die Gebisse getauscht hätten, erzählte er.

Oh je. Offenbar ist es manchen im Alter also doch egal, was andere von einem denken.
Womöglich war ihnen das zuvor auch schon egal. Und sie hatten nur nicht die Gelegenheit, solche Dinge mit ihren Gebissen anzustellen.

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 14.09.2018, 09:10 Uhr

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Foto: privat.

Frieder Paulus erforscht an der Universität Lübeck mit den Wissenschaftlern Sören Krach und Laura Müller-Pinzler das Phänomen des Fremdschämens.

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