Was treibt Daniele Ganser an?

Verschwörungstheoretiker haben Konjunktur. Einer davon ist Daniele Ganser. Blick in einen besonderen Werdegang.

In ihren Echokammern beklagen sie sich über bösartige und unfaire Angriffe: Daniele Ganser. Bild: pd

In ihren Echokammern beklagen sie sich über bösartige und unfaire Angriffe: Daniele Ganser. Bild: pd

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Es ist jeweils ein Highlight seiner Präsentation. An der Stirnseite des Auditoriums blendet er eine schematische Darstellung des World Trade Center ein. Mit dem Cursor deutet er auf die drei gut sichtbaren Türme, die mit WTC1, WTC2 und WTC7 bezeichnet sind. «Und wir Historiker haben die Kniffelaufgabe: drei Türme, zwei Flugzeuge. Feuer oder Sprengung – ich kann das für Sie nicht auflösen», erklärt er achselzuckend. Und dann kommt sein allgemeiner Appell: «Prüfen Sie, prüfen Sie, glauben Sie nicht blind.»

Daniele Ganser hat sich in die grosse Zahl von Wortmeldungen eingereiht, welche die offiziellen Ergebnisse zu 9/11 infrage stellen. Es ist vor allem dieses eine Thema, mit dem er durch volle Vortragssäle tingelt. Ausserdem kommuniziert er mit seiner riesigen Gemeinde permanent im Internet, publiziert Analysen und erzielt mit seinen Büchern Bestsellerauflagen. Und so ist er vor allem dank 9/11 – der seit Jahren global am weitesten verbreiteten Verschwörungstheorie – im gesamten deutschsprachigen Raum zu einem Star der Szene avanciert.

Raffiniertes Vorgehen

Sein raffiniertes Vorgehen legt er bereits in den wenigen oben zitierten Sätzen offen. Erstens bezeichnet er sich immer als «Historiker» mit Doktortitel, um damit seine wissenschaftliche Kompetenz zu unterstreichen. Dabei ist er mit seinen Kenntnissen als Doktor der Geschichte in keiner Weise qualifiziert, die «Kniffelaufgabe» – Sprengung oder Feuer beim WTC7 – zu lösen. Dazu wäre ein völlig anderes Fachwissen notwendig. Mit seiner Ausbildung wäre er bestenfalls in der Lage, die angeblich mysteriösen politischen Hintergründe der Attentate aufzudecken, nicht aber die technischen.

In der Präsentation der «Kniffelaufgabe» erwähnt er jeweils, dass zwei gleichwertige Möglichkeiten vorliegen, die er zwar hinterfragt, zu denen er aber nicht konkret Stellung nehmen möchte. Er stelle eben nur Fragen, lässt er seine Zuschauer wissen. Und dann fordert er sie auf, sich zu informieren und sich dann für eine der beiden Varianten zu entscheiden – das heisst entweder für die offizielle oder für die von ihm detailliert dargestellte konspirative Version. Gleichzeitig lässt seine Präsentation von 9/11 jedoch keine Zweifel daran, dass er die offizielle Erklärung des Einsturzes von WTC7 für unglaubwürdig hält.

In der Einleitung zu seinem aktuellen Buch erläutert Ganser seine Mission gleich selbst.

Daniele Ganser lehnt den pejorativ benutzten Begriff «Verschwörungstheoretiker» für seine Person vehement ab. Der sei in seinem Fall schlicht diffamierend, erklärt er. Mit dieser Bezeichnung werde er von seinen Gegnern und Neidern in eine Schublade gesteckt, in die er nicht gehöre. Dieses Schubladendenken wird von ihm als «Framing» bezeichnet. Negative Berichterstattung über seine Person und seine Arbeit sei ein solches Framing. Mit diesem Ansatz werde er zu Unrecht in den «VT-Frame» (Verschwörungstheoretiker-Frame) gesteckt, beklagt er sich. Er sei Wissenschaftler. Punkt.

Hinter allem steckt die CIA

In der Einleitung zu seinem aktuellen Buch «Illegale Kriege» erläutert Ganser seine Mission gleich selbst. Sein Vater sei gebürtiger Deutscher, der in der Schweiz lebte und 1943 vom deutschen Generalkonsul in Zürich zum Wehrdienst einberufen wurde. «Mein Vater war damals 21 Jahre jung und wollte nicht an Hitlers Krieg teilnehmen. Diese Entscheidung meines Vaters gegen den Krieg hat mich als Sohn und Historiker bewegt», schreibt er. So teilte sein Vater dem deutschen Generalkonsul schriftlich mit: «Ich kann es heute noch nicht verstehen, dass unser hochchristliches Deutschland jedes Verantwortungsgefühl vor Gott verloren haben sollte.»

Der selbst ernannte «Friedensforscher» hat sich mit Bezug auf seinen Vater und dessen damalige Entscheidung zur Nichtteilnahme am Zweiten Weltkrieg in seinen Kampf gestürzt. Dies erläuterte er in einem Interview im Internetportal «NachDenkSeiten» so: «Friedensforscher und auch Friedensaktivisten, die sich aktiv gegen Gewalt und Kriegspropaganda aussprachen, wurden immer wieder angegriffen. Hans und Sophie Scholl von der Friedensbewegung Weisse Rose wurden enthauptet … Jemand, der auch in der Friedensforschung aktiv ist, hat mir kürzlich gesagt: ‹Weisst du, sie können uns gar nicht mehr alle umbringen, wir sind zu viele.›»

Schon während seiner Tätigkeit bei Avenir Suisse präsentierte sich Ganser seinen Kollegen mit Verschwörungstheorien – weshalb man ihn bald entliess. Für Ganser ist der amerikanische Geheimdienst CIA die kongeniale Nachfolgeorganisation der Gestapo. Deshalb wähnt er sich heute, gleich wie die damaligen heldenhaften Gegner des Naziregimes, im Epizentrum eines Krieges zur Verteidigung der Menschlichkeit, in dem er als opferbereiter Märtyrer – gleich wie die Geschwister Scholl – sein Leben einzusetzen bereit ist.

In Basel besuchte Daniele Ganser die Rudolf Steiner Schule und tauchte dort in die Welt der Anthroposophie ein.

Geboren 1972 in Lugano, fand Daniele Ganser bereits in jungen Jahren sein Feindbild, gegen das er seinen bedingungslosen Widerstand zu leisten bereit ist: Er identifizierte die Nato und die dieses Militärbündnis dominierenden USA als «das Böse» schlechthin. In Basel besuchte Daniele Ganser die Rudolf Steiner Schule und tauchte dort in die Welt der Anthroposophie ein, eine Weltanschauung, die auf spirituelle, esoterische und übersinnliche Elemente aufbaut. Nach dem Gymnasium nahm er das Studium an der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel auf. Er schrieb eine Lizenziatsarbeit über die Kubakrise und widmete sich dort in ausführlicher Form der Rolle der USA. Auch bei seiner Dissertation, die er 2001 bei Professor Georg Kreis einreichte, blieb er bei seinem grossen Thema. Diesmal beschrieb er die italienische Geheimoperation Gladio, bei der er die Nato als Drahtzieherin enttarnte.

Seine Doktorarbeit wurde zuerst auf Englisch, dann in sieben weiteren Sprachen und schliesslich auch auf Deutsch veröffentlicht – aktuell liegt bereits die 13. Auflage auf Deutsch vor. In ihr schildert Ganser die in Italien zwischen 1960 und 1980 politisch motivierten Terroranschläge, die von einem Netzwerk von Neofaschisten unter dem Namen Gladio ausgeführt wurden. Durch gezielte Irreführungen machte man dafür aber linksextreme Terroristen verantwortlich, vor allem die damals sehr aktiven Roten Brigaden. Involviert waren bei Gladio italienische Beamte, die mit dem amerikanischen Geheimdienst und der Nato in Verbindung standen, schreibt Ganser. Dies wurde 1990 in einem italienischen Untersuchungsbericht festgehalten. Die Ergebnisse wurden später jedoch mehrfach infrage gestellt.

Ein zentrales Beweisstück für Daniele Gansers Hauptthese der Nato-Beteiligung an diesen «Operationen unter falscher Flagge» war ein Dokument: das «United States Army Field Manual 30-31B», auch bekannt als «Westmoreland Field Manual», weil es angeblich von General William Westmoreland unterschrieben war. Dieses wurde jedoch vom Aussenministerium der USA und einer Untersuchungskommission des US-Repräsentantenhauses als sowjetische Fälschung bezeichnet. Dies habe ein KGB-Überläufer bereits bei einer Kongressanhörung 1982 bestätigt. Ganser hingegen erwähnt als Beleg für die Echtheit des Dokuments unter anderem Äusserungen von Licio Gelli, dem Ex-Chef der italienischen P2-Geheimloge, die im Zentrum des grössten Skandals der italienischen Nachkriegsgeschichte stand. Gelli hat gegenüber einem Reporter der BBC tatsächlich erklärt: «Die CIA gab mir das Dokument.» Philip H. J. Davies vom Brunel Centre for Intelligence and Security Studies ist der Überzeugung, dass Gansers Buch «durchsetzt ist von erfundenen Verschwörungen, übertriebenen Beschreibungen des Ausmasses und der Wirkung von geheimen Aktionen, einem fehlenden Verständnis des Managements und der Koordination von Operationen innerhalb und zwischen nationalen Regierungen und … einem beinahe vollständigen Versagen, Aktionen und Entscheidungen in einen richtigen historischen Kontext zu stellen».

Intelligent, aber …

Ganser trat 2001 eine Stelle bei der Denkfabrik Avenir Suisse an. Zwei Jahre später trennte man sich von ihm, weil er bei seinen Vorgesetzten mit Verschwörungstheorien Aufsehen erregte und weil man das Prestige und die Glaubwürdigkeit des Thinktanks nicht schädigen wollte. Anschliessend war er kurzzeitig an der ETH Zürich tätig. Sein damaliger Chef Kurt Spillmann, Professor für Sicherheitspolitik und Konfliktforschung, bezeichnet Ganser zwar als intelligenten Mitarbeiter, «aber ich konnte nicht akzeptieren, dass jemand, der wissenschaftlich in meinem Institut arbeitete, solch unsinnige Verschwörungstheorien verbreitet». Über Gansers spätere Aktivitäten urteilt er hart: «Für mich ist er ein Verführer und Geschäftemacher, der mit seinen Vorträgen Säle füllt. Mit seriöser Forschung hat dies nichts zu tun.» Die Entlassung von der ETH sei aufgrund einer direkten Intervention der amerikanischen Botschafterin in Bern erfolgt, erklärte Ganser sein Scheitern im akademischen Bereich, ohne dafür Beweise liefern zu können.

Sein Doktorvater Georg Kreis ist aufgrund von Gansers beruflichem Werdegang zunehmend besorgt.

2006 veröffentlichte Ganser im «Tages-Anzeiger» einen Artikel zu den Anschlägen vom 11. September 2001, mit dem er sich beim seit Jahren meistdiskutierten Thema der Verschwörungstheoretiker einbrachte. «Die Version der Bush-Administration blind zu übernehmen, würde den grundlegenden Prinzipien der Wahrheitssuche widersprechen», lieferte er als Erklärung. «Wir brauchen eine offene, sachliche, wissenschaftliche Debatte über alle offenen Fragen zu 9/11.» Mit diesen Aktivitäten entfernte sich Ganser von der akademischen Welt. Dennoch verfolgte er weiter das Ziel einer wissenschaftlichen Karriere. Doch 2010 wurde seine Habilitationsschrift zum Thema Peak Oil zurückgewiesen – von einem Professorenkollegium, dem auch Professor Georg Kreis, sein Doktorvater und akademischer Mentor, angehörte; offenbar genügte sie den Kriterien für eine Habilitation nicht. Die Arbeit wurde gemäss Aussagen von Fachpersonen als eine weitgehend populärwissenschaftliche Darstellung beurteilt, die sich zudem auf eine Verschwörungstheorie stützte, die vollständig diskreditiert ist. Seine abgelehnte Habilitation veröffentlichte Ganser 2013 unter dem Titel «Europa im Erdölrausch: Die Folgen einer gefährlichen Abhängigkeit».

Sein Doktorvater Georg Kreis ist aufgrund von Gansers beruflichem Werdegang zunehmend besorgt, und dies nicht nur wegen dessen Faszination für die alternativen Thesen zu 9/11: «Er wirkte auf mich von der Idee besessen, Geheimaktivitäten aufdecken zu müssen, und nutzt wenig geklärte Vorkommnisse wie das Attentat auf ‹Charlie Hebdo›, um suggestiv bestimmte Vermutungen in die Welt zu setzen, und dafür hat er offenbar einen einfachen Schlüssel: die CIA», ist Kreis’ kritisches Fazit. Dass er das Vorwort zur deutschen Ausgabe von Gansers Dissertation geschrieben hat, scheint Professor Kreis extrem peinlich zu sein. «Zu meiner Rechtfertigung muss ich sagen, dass bei der Abnahme der Dissertation das Werk an sich und nicht die weitere Entwicklung des Doktoranden und die zu Beginn weit weniger offensichtliche Neigung massgebend war», erklärt er.

Die Ablehnung seiner Habilitation, hinter der Ganser vor allem politische Gründe vermutete, erschütterte ihn. Von da an entfernte er sich weitgehend aus der akademischen Welt und gründete in Basel das von ihm benannte Siper (Swiss Institute for Peace and Energy Research AG), eine Aktiengesellschaft, die sich praktisch allein mit der Vermarktung seiner Vorträge, Bücher und Interviews beschäftigt. Seit 2012 hat Ganser einen Lehrauftrag an der Universität St. Gallen, wo er jeweils im Herbstsemester als Teil der Vorlesung «Geschichte und Zukunft von Energiesystemen» als letztes verbliebenes akademisches Feigenblatt über erneuerbare Energien – aber nicht über sein Hauptthema 9/11 – referieren darf. Diese periphere Tätigkeit führt er auf seiner Homepage auf, um sich so seine wissenschaftliche Glaubwürdigkeit zu sichern.

Die Russen waren rechtens

In seiner abgelehnten Habilitationsarbeit widmete sich Ganser der These von Peak Oil, gemäss der die Förderung von Öl in naher Zukunft einen Höhepunkt erreichen werde, um danach stark abzufallen, was zu gewaltigen politischen Verwerfungen in Form von Ressourcenkriegen führen müsse. Doch die Ereignisse – unter anderem gewaltige neue Ölfunde, zusätzliche Fördermethoden und das Aufkommen der erneuerbaren Energien – widerlegten und diskreditierten diesen verschwörungstheoretischen Ansatz.

Daniele Gansers neues Buch «Illegale Kriege» liefert bereits im Untertitel die Antwort auf die Frage nach dem Bösen in der Welt. Er lautet: «Wie die NATO-Länder die UNO sabotieren.» Um Gansers aktuelle Argumentation als Verschwörungstheoretiker richtig verstehen zu können, muss man auf die wichtigsten Thesen in diesem Buch eingehen. Der von ihm gewählte Ansatz ist erschreckend eindimensional: Kriege, die mit der Zustimmung der UNO geführt werden, seien legal, erklärt er, alle anderen hingegen illegal.

Angefangen von der Intervention der USA beim Sturz der Regierung Mossadegh in Iran im Jahr 1953 über ähnliche Einmischungen in Guatemala, Kuba und Nicaragua bis zu den Kriegen in Vietnam, Irak und Syrien dokumentiert er dies mit vielen, zum Teil aber auch fragwürdigen Quellen aus «Alternativmedien». So beschreibt er die für ihn ausnahmslos verabscheuungswürdigen Handlungen der USA und ihrer Nato-Partner. Seine These wackelt, etwa wenn er die Besetzung von Ungarn durch sowjetische Truppen im Jahr 1956 beschreibt. Noch akrobatischer werden seine Argumente bei der Besetzung der Krim durch Russland im Jahr 2014. «Da die russischen Soldaten nicht über ein Mandat des UNO-Sicherheitsrats verfügten, war die militärische Intervention der Krim illegal. Dieser illegalen russischen Intervention war jedoch ein illegaler amerikanischer Putsch in Kiew vorausgegangen, für den auch kein Mandat des UNO-Sicherheitsrats vorlag.»

Noch fragwürdiger wird Gansers Position im Syrien-Krieg.

Damit kann er die USA als Verursacher und damit als Hauptschuldigen bezeichnen. Auf diese Weise übernimmt Ganser – wie immer – die russische These der Vorgänge rund um den Maidan in Kiew. Und deshalb kommt er zu folgendem Schluss: «Auf der Basis der verfügbaren Daten bin ich der Ansicht, dass die Abspaltung der Krim als Sezession bezeichnet werden muss und dass der Begriff Annexion falsch ist und nur dazu dient, die Spannungen mit Russland zu schüren.» Mit dieser unbelegten Behauptung und der gleichzeitigen Exkulpation Putins verabschiedet er sich aus dem Kreis seriöser Historiker. Die internationale Gemeinschaft hat die Annexion der Krim durch Russland im Rahmen der UNO-Vollversammlung als eine besonders krasse Verletzung des Völkerrechts bezeichnet.

Noch fragwürdiger wird Gansers Position im Syrien-Krieg. «Weil die reguläre Regierung von Syrien die russischen Kampfflieger eingeladen hatte, lag kein Bruch der UNO-Charta vor.» In Vorträgen bestätigt er diese «Forschungsresultate», dass die Russen «auf Gesuch der gewählten syrischen Regierung» eingegriffen haben, und dies «ist gemäss Völkerrecht legitim». Den Einsatz russischer Bomber gegen die syrischen Städte rechtfertigt er mit dem Hinweis, dass die Amerikaner zuerst Bomben auf Syrien geworfen hätten, ohne darauf hinzuweisen, dass dies nicht gegen Assad, sondern allein im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) geschah und damit kein direktes Eingreifen in den syrischen Bürgerkrieg war, wie es umgekehrt die Russen handhaben.

Deshalb fällt bei Ganser folgerichtig auch unter den Tisch, dass nach den grossen Giftgasangriffen im Jahr 2013 nicht das Eingreifen, sondern das Nichtangreifen der Amerikaner für den weiteren Kriegsverlauf entscheidend war. Obama hatte einen Giftgasangriff als das Überschreiten einer «roten Linie» bezeichnet, war dann aber zurückgezuckt und reagierte, anders als die Russen, nicht wie angedroht militärisch. Bei der Frage der Urheberschaft des wiederholten Einsatzes von Giftgas gegen die syrische Zivilbevölkerung lässt Ganser nur jene Argumente gelten, die eine Schuld Assads bestreiten und diese Verbrechen der Opposition zuschreiben. Dies macht er entgegen den Beweisen, die bei der UNO bereits 2013 vorgebracht wurden.

«Friedensforscher» Ganser demaskiert sich als Propagandist Moskaus.

Damit stimmt er in den Chor vieler Verschwörungsplattformen aus mehreren Ländern ein, auf denen diese These vertreten wird. Wie immer lässt Ganser auch bei diesem Thema seine übliche Analogieschluss-Leier mit denselben Beispielen erklingen – vom Golf von Tonkin bis zum Irakkrieg –, um der Nato die Schuld zuzuschieben. Im September 2017 machten UN-Ermittler in ihrem Bericht Assad auch für die Giftgasangriffe im April 2017 in der Ortschaft Chan Schaichun verantwortlich, bei denen über 80 Menschen durch Sarin getötet wurden. «Das stellt ein Kriegsverbrechen dar», urteilt die Kommission. Es handle sich um «wahllose Angriffe auf Gegenden mit Zivilbevölkerung».

Und damit demaskiert sich der «Friedensforscher» Ganser als Propagandist Moskaus. Seine Definition der «illegalen Kriege» erweist sich beim Syrien-Krieg in besonders krasser Weise als untauglich. Eine Regierung, die die eigene Bevölkerung massakriert, Hunderttausende von Mitbürgern tötet, Millionen vertreibt und selbst vor dem Einsatz von Giftgas nicht zurückschreckt, führt gemäss Gansers Diktion also einen «legalen Krieg», wenn entsprechende Resolutionen im Sicherheitsrat von einem Mitglied und Hauptakteur mit Vetos verhindert werden – was in diesem Fall mehrfach geschehen ist. Noch grotesker wird diese Analyse, wenn dieses ständige Mitglied des Sicherheitsrats auf «Einladung» des Diktators direkt militärisch in diesen Konflikt eingreift, wie Ganser erklärt.«Prüfen Sie, prüfen Sie, glauben Sie nicht blind», ruft Ganser den Zuhörern seiner Vorträge immer wieder zu, denen er die Version seiner Geschichten jeweils in einem fulminanten, mit vielen Pointen, Anekdoten, Bilddokumenten und Daten angereicherten Potpourri präsentiert.

Die 9/11-Fixierung

Mit seinem geschichtlichen Abriss der «illegalen Kriege», der «Operationen unter falscher Flagge» und der weiteren sinistren Aktivitäten der Nato und der USA legt Ganser die Grundlage für seine langjährige Beschäftigung mit den Hintergründen der Attentate von 9/11. Dabei unterschlägt Ganser einen gewichtigen Unterschied zu den in seinem Buch aufgeführten «illegalen» Kriegen. Er kann sich bei seinen Darstellungen früherer Ereignisse auf einen Fundus öffentlicher Informationen stützen, wobei er sich zur Steigerung der Dramatik zusätzlich auch auf fragwürdige Quellen bezieht.

Ganz anders präsentiert sich die Ausgangslage bei 9/11. Zwar lassen die dazu publizierten Untersuchungsberichte einige Fragen offen, auf die sich die Kritiker vor allem berufen. Aber es gibt nicht einen einzigen Beweis einer Verschwörung durch die USA, kein einziges Mail, keine einzige glaubwürdige Aussage einer Person, die an dieser angeblichen Verschwörung beteiligt gewesen sein will. Wegen der Komplexität, die eine inneramerikanische Planung und Ausführung der Anschläge von 9/11 verlangt hätte, müsste es sich um eine Verschwörung riesigen Ausmasses gehandelt haben.

Andere Meinungen sind in der Welt der Verschwörungstheorien nicht erwünscht.

Die Erfahrungen der letzten Jahre mit Wikileaks, den Enthüllungen von Edward Snowden und den permanenten Hackerangriffen von staatlichen und nicht staatlichen Stellen in vielen Bereichen belegen, dass es heute kaum mehr möglich wäre, Geheimnisse dieser Bedeutung auf längere Zeit zu bewahren, bei denen eine Vielzahl von Personen involviert sein müsste. Dies hindert allerdings die Gemeinde der Verschwörungstheoretiker nicht daran, sich seit Jahren auf diesen einen Braten zu stürzen. Und natürlich ist Daniele Ganser ganz vorne mit dabei. Für Verschwörungstheoretiker ist die angebliche Beteiligung der US-Regierung bei 9/11 der durch nichts zu übertreffende Beweis für die Arglist der Imperialisten, die zur Durchsetzung ihrer Ziele nicht nur unzählige Menschen in anderen Ländern ermorden, sondern nicht einmal davor zurückschrecken, Tausende eigener Bürger zu opfern. Wenn diese These weltweit glaubwürdig vertreten werden kann, dann ist das ganz grosse Ziel, nämlich die Verteufelung und Verdammung Amerikas, auf viel eindrücklichere Weise gelungen, als es mit jedem anderen denkbaren Beweis möglich wäre. Und deshalb sind die antiamerikanischen Verschwörungstheoretiker fixiert auf 9/11 – und werden es noch sehr lange bleiben. Wer das infrage stellt, wird verunglimpft.

Auf Social Media bezeichnete Ganser meinen Hinweis in der Sendung «Arena», dass der Fall 9/11 aufgrund langjähriger wissenschaftlicher Untersuchungen definitiv gelöst sei, als «Frechheit». Und als ich ihn per Mail um ein Interview bat, um viele der erwähnten Punkte zu klären, sagte er mit der lapidaren Begründung ab, dass ich darüber «nach der ‹Arena› sicher nicht überrascht» sei.

Andere Meinungen oder gar kritische Fragen sind in der Welt der Verschwörungstheoretiker eben grundsätzlich nicht erwünscht. So richtig wohl fühlen sich diese Leute nur in endlosen Monologen vor ihrer Gemeinde oder im Austausch mit Gleichgesinnten. In ihren Echokammern beklagen sie sich über die bösartigen und unfairen Angriffe von Menschen, die mit Blindheit geschlagen sind und aus politischer Kurzsichtigkeit oder schlichter Dummheit die evidente Wahrheit nicht erkennen wollen. Solche Attacken auf ihre Tätigkeit sind für Verschwörungstheoretiker aber von grösster Wichtigkeit, denn schlimmer als alle Ablehnung ist für sie, von der Öffentlichkeit nicht beachtet zu werden. Nur wenn man sich gegen Feinde zu verteidigen hat, kann man sich vor der eigenen Gemeinde in der Märtyrerpose präsentieren. Nur so lässt sich in idealer Weise die eigene Community zusammenschweissen. Und dies tun sie in ihrer wuchernden Subkultur im Internet, in ihren Büchern und Veranstaltungen mit grossem Erfolg.

Roger Schawinski ist Journalist und Medienunternehmer. Dieser Text ist ein Auszug aus Schawinskis Buch «Verschwörung! Die fanatische Jagd nach dem Bösen in der Welt» (NZZ Libro), das ab 11. April erhältlich ist. (Das Magazin)

Erstellt: 12.04.2018, 08:47 Uhr

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