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Welche Generation darfs denn sein?

Jede Gruppe, die mehr als drei Personen umfasst, wird heute als Generation bezeichnet. Es lebe die Waschküchensoziologie.

Kaum ein Tag vergeht, an dem keine neue Generation ausgerufen wird. Während die einen wie «Generation Internet», «Generation Porno» oder «Generation Freitags-Tasche» selbsterklärend sind, bedürfen andere wie «Generation Gold» (die alternden Babyboomers) oder «Generation Vogelnest» (Einzelkinder des kommunistischen Kapitalismus in China) eines Minimums an Erklärung.

Ob in verständlichem oder rätselhaftem Zusammenhang, das Wort «Generation» erfreut sich seit einiger Zeit immer grösserer Beliebtheit. Die genannten Beispiele sind nur ein Bruchteil der Auswahl an Titeln, die in den letzten sechs Monaten über Reportagen, Berichten und Analysen in deutschsprachigen Printmedien zu lesen waren.

Stilistische Tendenzen, beliebte Phrasen und Modewörter gehören zu einer lebendigen Sprache. Bestens in Erinnerung sind jene Zeiten, als in jeder Zeitung mindestens einmal mit «dem Wolf getanzt» wurde, sich ein «Wunder von XY» offenbarte oder jemand etwas «nicht immer, aber immer öfter» konnte.

Aktuell: Viel Pathos

Zurzeit scheint sprachlich Prunk und Pomp angesagt zu sein. Es werden unzählige - überwiegend lokal bekannte - Jahrhunderttalente entdeckt, beinahe täglich findet «ein historisches Ereignis» statt, Frauen jenseits der 50 werden mit «Grandes Dames» betitelt (etwa die Grande Dame du Gugelhopf) und jede Gruppe, die mehr als drei Personen mit demselben Interesse umfasst, wird als Generation bezeichnet.

Der Trend, Bewegungen und Gruppen zu klassifizieren, ist keineswegs neu. Solche Bezeichnungen hat es schon immer gegeben. In Deutschland sprach man von der Vor-, der Kriegs-, und später, in den 50er-Jahren, von der Nachkriegsgeneration. Ende der 60er-Jahre revoltierte die Jugend und ging als 68er-Generation in die Geschichte ein.

Seit den 80er-Jahren verändert sich der Umgang mit dem Begriff «Generation» stetig. Damals tauchten die ersten geläufigen Akronyme wie Yuppies und, etwas später, DINKs auf. Beide Idiome bezogen sich auf den Lebensstil der Protagonisten. Diese galten als Hedonisten, die sich hemmungslos dem Konsum hingeben und sich über ein gesteigertes Markenbewusstsein definierten. Aus den Yuppies kristallisierte sich später die Generation Golf heraus. Der Autor Florian Illies war der Erste, der im deutschen Sprachraum den Begriff Generation so deutlich mit einem bewusst gewählten Lebensstil zusammenbrachte. Seither taucht der Begriff «Generation» immer häufiger in solchen soziologischen Zusammenhängen auf.

Generation Swing, Beat und X

Ursprünglich bezeichnet das Wort die Menschen, die innerhalb einer gewissen Zeitspanne geboren waren. In Deutschland gab es die Vorkriegs-, die Kriegs- und die Nachkriegsgeneration. Mit der jeweiligen Definition ging ein homogenes Lebensgefühl einher - zur Nachkriegsgeneration gehörte etwa der obligate Sonntagsausflug im Opel und die Zufriedenheit der Frauen mit ihrem Hausfrauendasein sowie deren Freude an den neuen technischen Hilfsmitteln (Staubsauger, Waschmaschinen und Co.).

Die Soziologen benennen ebenfalls Gruppen mit einem gemeinsam erlebten Ereignis als Generation. Ein frühes Beispiel dafür ist die «Swing-Generation», die sich in den dreissiger Jahre mit Jazz und beschwingtem Tanzstil gegen die aufkommenden Nazi-Diktatur in Deutschland auflehnte. Oder die amerikanische «Beat-Generation». Zu den «Must-Haves» ihrer Probanden gehörte nicht nur das Lesen der Werke Kerouacs und Ginsbergs, sondern auch das Tragen enger schwarzer Kleidung, die Zigarette in der Hand und der sehnsuchtsvoller Blick in eine (bessere) Ferne.

Coupland: Der Grand-Seigneur der «Generation»

Einen wichtigen Platz in der Geschichte der identitätsstiftenden Generationen nimmt das Buch «Generation X» des kanadischen Autors Douglas Coupland ein. Das 1991 erschienene Werk beschreibt das Lebensgefühl der Menschen, die zwischen 1965 und 1975 geboren wurden. Sie kennzeichnen sich durch eine kollektive Desillusionierung, die durch die Wirtschaftskrise der 80er Jahre ausgelöst wurde sowie durch ihre Weigerung - ganz im Gegensatz zu den Yuppies - am Konsumrausch teilzunehmen.

Seit dem Erscheinen des Buches im Jahr 1991 wird das Schlagwort «Generation» inflationär gebraucht. Diese Benennungseuphorie spiegelt einen gesellschaftlichen Trend: Homogene Kulturen haben ausgedient - heute zelebriert man den Unterschied. Wir sind, was wir denken, was uns bewegt, was uns widerfährt, wen wir wählen, was wir essen, trinken und anziehen -und dies jeweils gnadenlos ultimativ.

Soziologie als Jekami

Diese Freude am Schubladisieren wirkt zuweilen ein bisschen gar beliebig. Dafür lädt sie ein, das eigene Umfeld einzuteilen, Soziologie als Freizeitbeschäftigung zu betreiben. Anregungen sind genug vorhanden: Da wäre zum Beispiel Carl, der jeden Samstag kreuz und quer durch die Stadt rast, immer auf der Suche nach dem besten Produkt. In seiner Küche stehen 20 verschiedene Olivenöle, die er nicht einfach so kredenzt, sondern stets zusammen mit ausführlichen Vorlesungen über Provenienzen und Qualität. Typisch «Generation Olivenöl»! Oder Sabine, «Generation Bono», die mit schwarzer Sonnenbrille auf der Nase der Welt die Unterschiede zwischen Gut und Bös erklärt. In der Kantine belegt die «Generation Latte Macchiato» stundenlang die Kaffeemaschine und im Tram beansprucht die «Generation Fit-über-Mittag» mit ihren prallgefüllten Sporttaschen doppelt so viel Platz.

Die nächste Generation steht bereits in den Startlöchern: Der «Generation Obama» (politisch weniger korrekte Jugendliche, die sich mit Rassenvorurteilen beschäftigen), folgt die Generation «Yes, we can!» Und das selbstverständlich stets gnadenlos ultimativ.

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