Weniger sexistisch als gedacht

Frauen werden in den Medien nicht mehr auf Äusserlichkeiten reduziert, stellt eine neue Studie fest.

Diese Schülerinnen gingen gegen Sexismus und Rassismus auf die Strasse. Gemäss einer neuen Studie werden Frauen in der Berichterstattung weniger diskriminiert als angenommen. Foto: Sabina Bobst

Diese Schülerinnen gingen gegen Sexismus und Rassismus auf die Strasse. Gemäss einer neuen Studie werden Frauen in der Berichterstattung weniger diskriminiert als angenommen. Foto: Sabina Bobst

Michèle Binswanger@mbinswanger

Wer in einer Zeitung Frauen porträtiert, egal, ob Sportlerinnen, Politikerinnen oder Unternehmerinnen, formuliert besser umsichtig, besonders, was Äusserlichkeiten anbelangt. Schon die Erwähnung von Haar- oder Augenfarbe kann sich in den sozialen Medien zur kommunikativen Tretmine entwickeln, ebenso Bemerkungen über Kleiderstil oder andere Attribute. Wer sich nicht dem Verdacht aussetzen will, auch nur den Hauch von Sexismus weiterzuverbreiten, verzichtet heute ganz auf die Schilderung visueller Eindrücke – obschon das eigentlich zu einem guten Porträt gehört.

Es ist ein gesellschaftliches Dauerthema, dass Frauen in den Medien aufs Aussehen reduziert, härter beurteilt und überhaupt weniger erwähnt würden. Aber findet das heute tatsächlich noch so statt – oder ist es ein neues Klischee? Dass es nicht so zutrifft, wie es viele Aktivistinnen glauben, darauf deutet eine wissenschaftliche Untersuchung der Universität Zürich hin. Ein Team von Forschern und Forscherinnen analysierte insgesamt fünf Millionen Artikel aus einem Zeitraum von sechs Jahren.

Nicht nur eine gute Nachricht

Sie wollten wissen, ob es in der medialen Darstellung von Politikern und Politikerinnen Unterschiede gibt, ob die Berichterstattung über Politikerinnen tatsächlich latent sexistisch ist, ob sie weniger vorkommen, strenger beurteilt und ob ihnen weniger Kompetenzen zugeschrieben werden. Überraschenderweise kam die Untersuchung zum Schluss, dass das nicht der Fall sei: Zwar gebe es geschlechtsspezifische Unterschiede, doch diese seien gering und fallen im Zweifel zugunsten der Frauen aus – und zwar signifikant.

Zunächst ist das eine gute Nachricht. Sie zeigt, dass die Kritik an Geschlechterklischees bei den Medien angekommen ist und man darauf reagiert hat. Dank der Arbeit von Aktivistinnen sind Journalisten sich der sexistischen Fallstricke in der Berichterstattung viel bewusster und versuchen, sie zu vermeiden. Das ist gut so, auch wenn offenbar die Gefahr besteht, dass sich der Sexismus nun ins Gegenteil verkehrt, Frauen also durch die rosarote Brille, Männer hingegen mit negativen Vorurteilen betrachtet werden.

Auch wir veröffentlichten im Frühjahr 2018 nach dem Zürcher Wahlkampf eine qualitative Auswertung verschiedener Politikerporträts und kamen dabei zum Schluss, Frauen seien in der Wahlkampf-Berichterstattung anders und gnadenloser beschrieben, negativer beurteilt, vermehrt mit Familienbelangen in Zusammenhang gebracht worden. Was im Einzelfall durchaus zutreffen mag.

Die Social-Media-Kampagne #dichterdran nährt sich aus der Überzeugung, der Literaturbetrieb sei von sexistischen Vorurteilen geprägt und parodiert die entsprechenden Mechanismen im Literatur- und Medienbetrieb, indem man bekannte Literaten in sexistischer Manier auf Äusserlichkeiten reduziert.

Medien dürfen keine Vorurteile bedienen

Die Erkenntnisse der Uni Zürich sollten ein Weckruf sein. Nicht alle Ungerechtigkeiten, die früher tatsächlich mal ein Problem waren, treffen heute noch immer so zu. Deshalb ist es wichtig, die eigenen Überzeugungen stetig einer Prüfung unterziehen. Leider aber sind Vorurteile (auch neue) zäh, und es ist schwierig, sie zu überwinden. Denn wir haben alle eine «Confirmation Bias». Damit bezeichnet man die Tendenz, immer nur jene Fakten in Betracht zu ziehen, die das eigene Vorurteil bestätigen und konträre Informationen zu ignorieren. Das geschieht in der Regel unterbewusst, und es ist deshalb auch kompliziert, sich dagegen zu wehren. Denn nicht immer sind die passenden wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Hand.

Wer schon immer überzeugt war, dass Frauen in der Politik einen schwereren Stand haben und «die Medien» sexistische Unterschiede weitertransportieren, wird sich von einer Studie nicht davon abbringen lassen. Zudem schielen auch Journalisten zunehmend auf den Applaus von Interessengruppen, die über soziale Medien beträchtlichen Druck ausüben können. Wer einem bestimmten Publikum nach dem Mund schreibt, wird mit Lob, Klicks und Shares belohnt. Es ist auch für Journalisten schwierig, sich dem zu entziehen.

Es wäre aber falsch, daraus nun den Schluss zu ziehen, dass wir dort weitermachen können, wo wir aufgehört haben. Wer ein Porträt über eine Frau schreibt, prüft heute, ob er Sexismen weiterverbreitet. Dieselbe Umsicht würde den Medienschaffenden auch in anderen Themenbereichen gut anstehen. Die Welt verändert sich stetig und die Aufgabe der Medien ist nicht, Vorurteile zu bedienen. Sondern zu schreiben, was ist.

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