Wenn der Chef plötzlich Du sagt

Per Du ­bereits beim Bewerbungs­gespräch – ist der Siegeszug des Duzis Fluch oder Segen? Beim genauen Hinsehen wirds kompliziert. Klar ist nur: Dieter Bohlen darf jeden duzen.

Duzen beim Coiffeur? Zu Dällenbach Karis Zeiten noch kein Thema.

Duzen beim Coiffeur? Zu Dällenbach Karis Zeiten noch kein Thema.

(Bild: SRF)

Michael Feller@mikefelloni

Ein Römer huldigt Caesar: «Er ist grossartig!» – «Wer?» – «Na, Ihr!» – «Ach, Er!» Der Dialog aus dem Comic «Die Trabantenstadt» ist frei erfunden, hat aber, wie meist bei Asterix und Obelix, einen wahren Kern. Seine Hoheit Caesar sprach gerne von sich selbst in der dritten Person, wurde aber auch in der dritten Person an­gesprochen. Das majestätische Er ist wie das Siezen ein Ausdruck der Höflichkeit. Sie entspricht gesellschaftlichen Normen, die immer wieder für Kopfzerbrechen sorgen.

Zum Beispiel im Büro. Bei Schweizer Firmen ist das Du im Vormarsch. Doch wie weit geht das gut? Tamedia, zu der auch diese Zeitung gehört, setzt neu auf eine radikale Duzis-Kultur. Bereits Bewerber­innen und Bewerber sollen bei Anstellungs­gesprächen geduzt werden. Ist das nun konsequent oder bloss ein neuer Auswuchs der Anbiederung? Die neue Bestimmung gibt Diskussionsstoff (siehe unten).

Das bürgerliche Sie

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Die Anredecodes spiegeln die Gesellschaftsstrukturen. Bis zum Ende des Mittelalters wurde im Volk grundsätzlich geduzt. Spezielle Höflichkeitsformen gab es gegenüber dem höheren Stand, er wurde mit Ihr angesprochen, während der Adel die Unterschicht duzte. Das Ihrzen im Berndeutschen blieb als Überbleibsel aus jener Zeit.

Spätestens mit dem Übergang der ständischen in eine bürgerliche Gesellschaft setzte sich um 1800 im deutschen Sprachraum das Sie gegen das Ihr durch: Der Adel verlor nach seinen Privilegien auch die spezielle Anrede. Doch auch das Du büsste an Bedeutung ein, besonders in den Städten.

Im 19. Jahrhundert verlor selbst der «Duz-Comment» unter Studenten an Gültigkeit. Ausserhalb der Verbindungen wurde fortan gesiezt. Erst in den 1960er-Jahren lockerten sich die sprachlichen Sitten – wobei die Deutschschweizer seit je schneller beim Du waren als die Deutschen und die Österreicher.

Das SAC-Du

Heute ist die Du-Form in vielen Lebensbereichen selbstverständlich. Unter Gleichgesinnten duzt sichs leicht: im Sportverein, auf der Baustelle, in der Nachbarschaft, unter Berufskollegen, in der SAC-Hütte, unter jungen Menschen bis dreissig oder vierzig. Das Bedürfnis, Menschen zu duzen, mit denen man im Alltag verkehrt, ist zum gesellschaftlichen Konsens geworden.

Ungleiche Anredeformen, die ein Unten und ein Oben definieren, sind passé. Mit einer Ausnahme: Kinder werden geduzt, haben aber fremde Erwachse-ne oder Lehrer zu siezen. In den 80er- und 90er-Jahren gab es an progressiven Schulen das Bestreben, das Sie abzuschaffen. Heute sind die hierarchischen Anredeformen in den Schulen aber wieder unbestritten.

Das Schimpftiraden-Du

Das Du bleibt in gewissen Situationen also Unsitte – in anderen ist es verboten. Glück hatte Dieter Bohlen: Als der deutsche Musiktycoon 2006 seinen Luxuswagen falsch parkierte, daraufhin mit einem Polizisten in ein Wortgefecht geriet und dem Beamten unflätige Beleidigungen an den Kopf warf, kassierte er eine Anzeige. Über die Schimpftirade gingen die Zeugenaussagen auseinander.

Hast du sie noch alle? Dieter Bohlen duzt richterlich genehmigt jeden. Bild: zvg

Was blieb, war die Tatsache, dass Bohlen den Polizisten mit Du angesprochen hatte, was in Deutschland als ehrverletzend gilt. Bohlen aber wurde freigesprochen. Weil er eh jeden duze, sei eine ehrverletzende Absicht nicht zu beweisen, befand das Hamburger Landgericht.

Der Siegeszug des Du stösst auch unter Nichtpolizisten auf Kritik. Während die Duzis-Turbos den vertrauteren Ton per Du dem formaleren Sie vorziehen, empfindet es die Sie-Fraktion in vielen Situationen als aufdringlich. Weshalb muss mich die Coiffeuse duzen und mir danach ihre ganze Lebensgeschichte aufdrängen?

Das Du bleibt in gewissen Situationen also Unsitte – in anderen ist es verboten.

Duzt mich der Kleiderverkäufer nur, um mich in eine bessere Einkaufsstimmung zu versetzen? Nötigt mich der Anrufer per Du zum Kumpel, um mir ein schlechtes Gewissen zu machen, wenn ich seine Bitte abschlage? Die behauptete Nähe zu den Kunden macht misstrauisch und wird als ausgekochte Anbiederung abgelehnt – selbst von manchen Du-Befürwortern.

Das Globalisierungs-Du

Dennoch, die Tendenz ist klar: Das Duzen ist insbesondere in der Arbeitswelt im Kommen. Das liegt nicht an einer Einebnung der Hierarchien, auch wenn immer mehr über ihre Stufen hinweg geduzt wird. Vielmehr ist die Globalisierung schuld: In internationalen Firmen, die vorwiegend in Englisch kommunizieren, gestaltete sich der Umgang kompliziert, wenn für deutsche Gespräche auf zwei Anredeformen gewechselt würde. Also sagen alle Du.

Nur Caesar bleibt beim Er, solange Asterix und Obelix Römer verdreschend durch die Wälder ziehen. Und seine Untertanen biedern sich weiterhin an – ob erzend, siezend oder duzend.

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