Wenn Loeb frische Luft verkaufen würde

Nicole Loeb vom Berner Traditionswarenhaus Loeb beamt sich ins Jahr 2291 und schreibt einen fiktiven Brief an ihre Tochter. Sie glaubt, dass Loeb in der Zukunft saubere Frischluft verkaufen wird.

Nicole Loeb beschreibt eine düstere Zukunft: Die Ressourcen werden knapp, für frische Luft muss man zahlen.

Nicole Loeb beschreibt eine düstere Zukunft: Die Ressourcen werden knapp, für frische Luft muss man zahlen.

(Bild: Raphael Moser)

Mein lieber Schatz!

Nun ist es zwei Monate her, seitdem du die Erde und mithin deine Heimat, die Schweiz, verlassen hast. Wie du ja weisst, bin ich eine Nostalgikerin und werde deshalb in der aus der Mode gekommenen Handschrift schreiben. Selbstverständlich wird unser Hausroboter James, der dich herzlichst grüssen lässt (du fehlst ihm, da er deine Befehle im Gegensatz zu meinen stets auf Anhieb versteht), den Text digitalisieren, um ihn ordentlich und auf Papier rücktransformierbar zu senden.

Ich dachte, du freust dich vielleicht, wenn du am Papier riechen und damit heimische Düfte einatmen kannst. Wie ist es so auf dem neuen Planeten? Ich war entzückt über deinen Erstbericht, den du mir von Erde II geschickt hast. Da gibt es tatsächlich, beinahe wie bei uns einst, hohe Berge, sogar mit Gletschern, Eis und viel Schnee! Erinnerst du dich an Grossmutters Erzählungen, die sie als Kind von deiner Urgrossmutter und diese wiederum von deiner Ururgrossmutter erfuhr, als man bei uns in der Schweiz noch überall Ski fahren konnte? Erzähl mir doch, ob das bei dir wieder Realität wird und du mir berichten kannst, was für Gefühle die Kälte, das Knirschen und das Hinunterstieben bei dir auslösen! Hat der Schnee einen Geruch? Ist er essbar wie in Urzeiten, als Schulkinder sich daran erfreuten?

Doch nun zum Geschäftlichen. Zum eigentlichen Grund deiner Reise und deiner Abreise von der Erde. Du weisst, wie knapp die Ressourcen in unserem Geschäft geworden sind. Wie einfach hatten es doch unsere Vorfahren! Waren in einem Warenhaus verkaufen und das Ganze mit etwas Schaufensterkunst vermarkten. Ehrlich gesagt, als ich letzthin in den Archiven unseres Unternehmens stöberte, konnte ich nur laut herauslachen, an was sich die Generationen zu Beginn des 21. Jahrhunderts erfreuen konnten. Und erst deren Vorfahren! Da konnte ich oft nur den Kopf schütteln. Aber das ist alles Vergangenheit – wir müssen uns mit der Gegenwart und der Zukunft beschäftigen.

Du weisst, wie rar unsere wichtigste Lebensgrundlage, die saubere Luft, leider auch in der Schweiz geworden ist. Natürlich haben unsere Vorfahren es verstanden, mit den patentierten Sauerstoffräumen, den sogenannten «Frischluftboxen», einen vollen Erfolg zu landen, der uns als Unternehmen Wohlstand bringt. Ja, mehr noch als Wohlstand, er erlaubt uns dadurch, auch für alle Menschen öffentliche Frischluftboxen bereitzustellen, in denen diese – wie wir und unsere Kundschaft – im Fundament ihrer Häuser einige Momente, gar Stunden oder Tage, frische aromatische Luft atmen können. Und das ganz nach deren Geschmack in der Zusammensetzung, die sie sogar manches Mal in tranceähnliche Zustände versetzen kann (du weisst schon...).

All das dank dem durch unsere Familie geschaffenen Patent! Von Matterhornduft über meersalzhaltige Luft bis hin zu «Regen-auf-Teer-im-Sommer-Geruch» können wir beinahe jeden Geschmack anbieten, jeden individuellen Wunsch erfüllen. Glücklicherweise besitzen wir ja das grösste Archiv früherer Gerüche. Das haben wir unseren Ahnen zu verdanken und dürfen wir nie vergessen.

Doch genug der einführenden Worte, mein Schatz. Leider muss ich dir mitteilen, dass wir aber absolut auf neue Sauerstoffquellen angewiesen sind. Ich bitte dich deshalb inständig, den Sauerstoffexport von Erde II zu uns – unmittelbar und bevor das anderen in den Sinn kommen kann – an die Hand zu nehmen. Denkst du, dass wir Sauerstoff per Induktion zu uns laden können? Ich habe gehört, dass die ETH sehr bald mit einem Projekt so weit sein wird. Oder müssten wir an eine intergalaktische virtuelle Pipeline denken? Lass nichts unversucht, den Grundstoff der Frischluftboxen von deinem neuen Heimatplaneten (kann ich diesen bereits so nennen?) für uns nutzbar zu machen. Dir würde in den Annalen unserer Firmengeschichte dadurch ein bedeutender Platz gesichert sein, was mich mit grossem Stolz erfüllen würde!

Ansonsten ist alles ganz «Courant normal» hier auf der Erde – und hier in der Schweiz. Nach wie vor bin ich dankbar, konnten wir fast die ganze Welt von unserem genialen Politsystem, der direkten Demokratie, überzeugen (dieser Überzeugungsprozess hat ja beinahe 200 Jahre gedauert...). Es hat die Welt langfristig friedlicher gemacht. Leider machen uns jetzt die Rohstoffprobleme Ärger. Ach, es ist doch immer irgendetwas... Übrigens, unser Land feiert morgen seinen 1000. Geburtstag. Ich werde dich bei den Feierlichkeiten vermissen. Wir haben eine extra grosse Frischluftbox mit Alpenluft vom Lauenensee (sprich auch Kuhmist- und Heuduft) auf den Bundesplatz in Bern gestellt. Das ist unser Geschenk an die Schweiz!

Ich umarme dich und erwarte deine baldige Antwort (die nicht handschriftlich erfolgen muss!).

In Liebe, deine Mama


Dieser Text ist erschienen im Buch «Schweiz 2291. Siebzig Persönlichkeiten beschreiben die Schweiz an ihrem 1000. Geburtstag», herausgegeben von Christian Häuselmann, Verlag Werd & Weber, 335 Seiten.

Das Buch wird mit einem Kurzfilmwettbewerb ergänzt, der am 1. Mai startet. Weitere Informationen gibt es auf der Website: www.schweiz2291.ch.

Berner Zeitung

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