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«Schlimm ist es, wenn man in den Flüchen stecken bleibt»

Fluchforscher Roland Ris sagt, warum Fluchen befreiend wirkt – und weshalb die Wortwahl dennoch entscheidend ist.

Die negativen Gefühle suchen sich ein Ventil: Ein Autofahrer in Rage. Foto: Keystone
Die negativen Gefühle suchen sich ein Ventil: Ein Autofahrer in Rage. Foto: Keystone

Ein britischer Psychologe liess Probanden ihre Hände in eiskaltes Wasser halten. Jene, die dabei Schimpfwörter sagten, waren weniger schmerzempfindlich: Sie hielten es 40 Sekunden länger im Eiswasser aus. Erstaunt Sie das?

Nein, überhaupt nicht. Wenn man flucht, lässt man den Gefühlen, die hochkommen, freien Lauf. Die Emotionen regen den Stoffwechsel an, Hormone werden ausgeschüttet – und der Körper kann etwas ertragen.

Also ist Fluchen etwas Gutes?

Bedingt, ja.

Unter welchen Bedingungen?

Wenn man zum Beispiel «Gopfriedstutz» oder «Donnerwetter» sagt, dann lässt man die negativen Emotionen raus – und weg sind sie. Schlimm ist es aber, wenn man in den Flüchen stecken bleibt. Ein Gejammer wie «Verdammi nomal, jetzt hat es mich schon wieder erwischt» schadet einem. So frisst man die Gefühle in sich hinein, statt sie loszuwerden. Und wenn man hemmungslos drauflos flucht, kann das die Atmosphäre verpesten.

«Verbieten kann man das Fluchen nicht – das hat man immer wieder versucht und das hat nie funktioniert.»

Sollten Eltern ihren Kindern beibringen zu fluchen?

Das müssen sie nicht. Fluchen ist etwas Natürliches, die Kinder machen das sowieso. Die Gefühle suchen sich ein Ventil. Die Aufgabe der Eltern ist es, das Fluchen in Bahnen zu lenken, sodass es weder einen selbst noch die Mitmenschen schädigt. Die Kinder müssen auch lernen, in welchen Situationen fluchen angemessen ist und in welchen nicht. Aber verbieten kann man es nicht – das hat man immer wieder versucht und das hat nie funktioniert.

Sie stellen eine Verarmung der Fluchwörter fest.

Ich habe unendlich viele Mundarttexte gelesen und da zeigt sich deutlich, dass die Fluchwörter immer weniger kreativ werden. Auch im Internet wird zwar häufig geflucht, aber recht einheitlich: Shit, Scheisse und Fuck dominieren. In Texten aus dem 19. Jahrhundert wimmelt es hingegen nur so von unterschiedlichen Fluchwörtern: Strohhagel, Stärnefoifi, Herrgottstärne.

«Im Prinzip ist fast alles als Fluchwort geeignet.»

«Scheisse» ist heute ein beliebtes Schimpfwort. Was halten Sie davon?

Wenn man «Scheisse» sagt, bleibt der schlechte Geruch haften. Die Kacke verpestet alles. Ich finde es furchtbar, dass «Scheisse» zu einem Universalwort geworden ist.

Was braucht ein Begriff, damit er zum Fluch taugt?

Im Prinzip ist fast alles als Fluchwort geeignet, denn Fluchen ist ein kreativer Prozess. Wenn es eigentlich heisst «Um Herrgottswillen», dann macht der Zürcher daraus «Um Härdöpfelswillen».

Moment, niemand sagt «du Nase» oder «du blöde Blumenwiese».

Jetzt sprechen Sie von Schimpfwörtern. Ein Schimpfwort betrifft eine Person, ein Fluchwort eine Situation – wobei die Grenzen schwammig sind. Bei beiden Formen ist fast alles möglich: Vor ein paar Jahrzehnten war in Bern «Tram» ein Schimpfwort. Man kann oft nicht nachvollziehen, wie gewöhnliche Wörter zu Schimpf- oder Fluchwörtern werden. Ursprünglich waren Flüche Verfluchungen. Man hat dem anderen etwas Böses gewünscht.

«Heute haben wir Mühe mit dem Positiven, mit dem Loben. Das ist ein Symptom unserer Zeit.»

Was zum Beispiel?

«Donnerwetter» ist so ein alter Fluch. Also eigentlich: «Das Donnerwetter soll dich treffen.» Man hat dem anderen körperliches Unheil gewünscht. Solche Fluchwörter findet man in allen Kulturen. Später hat man die Götter herangezogen. Also: «Der Blitz des Zeus soll dich treffen» oder «Herrgottdonner», was eigentlich «Der Herrgott soll ein Donnerwetter loslassen» bedeutet. Davon ist nur noch «Herrgott» geblieben.

Das Fluchen ist für Sie untrennbar mit dem Segnen verbunden. Warum?

Der Fluch widmet sich dem Negativen und da braucht es das positive Gegenstück, den Segen. Doch heute haben wir Mühe mit dem Positiven, mit dem Loben. Das ist ein Symptom unserer Zeit. Wir leben in einer kritischen Kultur – und nicht mehr in einer unterstützenden. Die Häme darüber, dass es dem anderen schlecht geht, ist verbreiteter als die Freude darüber, dass es dem anderen gut geht.

Fluchen Sie selbst?

Kaum.

«Es ist nicht karrierefördernd für junge Wissenschaftler, sich mit dem Fluchen zu beschäftigen.»

Woher kommt dann Ihre Faszination für das Fluchen?

Mich interessiert das Chaotische, das Randständige. In der Sprache gibt es mit der Grammatik das Geregelte – und mit dem Fluchen das Bewegliche. Das fasziniert mich.

Sie sind einer der wenigen Fluchforscher im deutschsprachigen Raum, dabei gibt es nur schon im Berndeutschen gegen 1500 Fluchwörter. Warum befassen sich nicht mehr Germanisten mit dem Thema?

Es ist nicht karrierefördernd für eine junge Wissenschaftlerin oder einen jungen Wissenschaftler, sich mit dem Fluchen zu beschäftigen.

Warum?

Das Fluchen gilt immer noch als etwas Schlechtes. Wenn man die Leute fragt, ob sie fluchen, heisst es immer «Nein». In religiösen Kreisen ist man schon vom Teufel besessen, wenn man sagt, das Fluchen habe eine gewisse Erleichterungsfunktion. Entsprechende Briefe erhalte ich regelmässig.

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