Zum Hauptinhalt springen

Weshalb wollen so viele Menschen perfekt sein?

Die Antwort auf eine Leserfrage zu einem fragwürdigen, da absoluten Begriff.

So perfekt, dass er schon auf einer Briefmarke verewigt wurde: Der Sparschäler Rex aus dem Jahr 1947. Foto: Keystone
So perfekt, dass er schon auf einer Briefmarke verewigt wurde: Der Sparschäler Rex aus dem Jahr 1947. Foto: Keystone

Perfekte Körper, perfekte Familien und Beziehungen – und auch die Dinge müssen stets perfekt sein. Genügt es denn nicht, wenn wer oder was gut ist? Oder sogar nur «tauglich», wie es das Militär verlangt? Wer oder was «perfekt» ist, kann sich nicht mehr weiterentwickeln. Sind «perfekte» Menschen nicht irgendwie «Untote»? F. F.

Lieber Herr F.

Sie haben recht mit Ihrer Aversion gegen das Perfekte. Bestenfalls kann man Perfektion als einen Zustand verstehen, dem man sich nur annähern, den man aber nicht erreichen kann. Und irgendwann ist der Aufwand für eine weitere Perfektionierung zu gross, als dass man ihn noch betreiben möchte.

Diese Sichtweise setzt allerdings ihrerseits voraus, dass es Perfektion mindestens als (wenn auch in unendlicher Ferne liegenden) virtuellen oder auch nur imaginären Punkt wirklich gibt. Genau das freilich kann man mit Fug und Recht und gesundem Menschenverstand (der ja auch nicht immer nur blöd ist) bezweifeln. Was wir im Alltag als «perfekt» bezeichnen, ist in der Regel ja nur eine Steigerungsform von «tauglich». Zum Beispiel ein seit langer Zeit produzierter Gegenstand, der immer wieder verbessert wurde und irgendwann mal in einer Neuauflage der Produktion keine Veränderung mehr braucht.

«Von einem Menschen zu sagen, er sei perfekt, kann man allenfalls als Kompliment verstehen – als ernst gemeintes Qualitätsurteil ist eine solche Aussage absurd.»

Der gute alte Sparschäler ist so ein Ding. Das Edel-Warenhaus Manufactum bemüht sich zum Beispiel sehr, den Eindruck zu erwecken, als bestünde sein gesamtes Sortiment nur aus solchen Dingen. Geht es um die Perfektion solch einfacher Dinge wie Sparschäler, so unterliegt das Urteil darüber einer ständigen Prüfung im Alltag. Sobald die Dinge und vor allem auch die Zwecke aber komplexer werden, verflüchtigt sich auch die Perfektion. Nicht unbedingt, weil diese Dinge schlechter wären, sondern weil es keine allgemeinen Kriterien für ihre Perfektion gibt.

Beim Sparschäler entstehen diese Kriterien direkt aus dem Gebrauch. Nur schon bei einem einfachen Multifunktionswerkzeug, mit dem man schneiden, schrauben und sägen kann, wird es schwieriger – bei einem Computer Perfektionskriterien anzugeben, ist schlicht unmöglich.

Von einem Menschen zu sagen, er sei perfekt, kann man allenfalls als Kompliment verstehen – als ernst gemeintes Qualitätsurteil ist eine solche Aussage absurd. Man kann (und sollte) versuchen, ein besserer Mensch zu werden. Man kann sich um eine bessere Beziehung zu seinem festen Freund bemühen, man kann ein besserer Vater werden wollen – alles gut und recht. Aber wer in solchen Belangen perfekt sein will, der wird in der Tat zombiehaft.

----------

Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch