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Wie es ist, wenn 70'000 sich besaufen

Ein Phänomen erreicht die Schweiz: Jugendliche treffen sich zum spontanen Gruppensuff. Was das heisst, zeigt der Blick nach Spanien, dem Mutterland des Massenbesäufnisses.

Als die Stadtbehörden Wind bekamen von der Sache, mussten sie sofort handeln: Nationalpolizei und Guardia Civil wurden aufgeboten, Ambulanzen und ein Notfallhelikopter abgestellt, eine Hauptstrasse riegelte man ab. Unbekannte hatten in Sevilla via Internet und Ketten-SMS dazu aufgerufen, gemeinsam den Frühlingsbeginn zu feiern. Was harmlos klang, endete in einem der grössten Massenbesäufnisse der Geschichte: Rund 70'000 meist junge Menschen versammelten sich im Quartier Charco de la Pava und tranken eine Nacht lang Alkohol aller Art.

Komasäufer und Klimasäufer

Das war im März 2004: Mit der «fiesta de primavera» von Sevilla erreichte das Phänomen des «bottellon» einen Besucherrekord, der bis heute unerreicht ist. Spanien kennt das Kuriosum seit den Achtzigerjahren: Da versammeln sich erst Dutzende, dann hunderte, ja tausende Jugendliche recht spontan und wenig organisiert, um zusammen über den Durst zu trinken.

Wie Studien inzwischen ergeben haben, war dies zuerst vor allem ein Wochenendhobby von Stadtkids aus der Unterschicht: Statt teuren Alkohol in Clubs und Beizen tranken sie billigen Alkohol auf der Strasse - meist aus grossformatigen Plastikbehältern. Spaniens hohe Jugendarbeitslosigkeit heizte den Billigspass an, obendrein machte Spaniens Klima den «bottelon» zum Ganzjahresvergnügen.

Wer schafft mehr Säufer an?

Dabei blieb es nicht. Das Massensaufen hat inzwischen die Schweiz erreicht. Und in Spanien wuchs sich die Sache zu einer Bewegung aus, die zahlreiche Wissenschaftler, Lehrpersonen und Beamte beschäftigt sowie einer ganzen Elterngeneration Sorgen bereitet. Eine gemeinsame Studie der Universitäten von Madrid, Jaen und Galizien ergab, dass längst nicht mehr nur arbeitslose Vorstadtkids öffentlich gruppensaufen: Es sind mehrheitlich Schüler und Studenten; es sind fast so viele weibliche wie männliche Komasäufer; und die grösste Gruppe bilden die 16- und 17-Jährigen.

Eher wenig Widerhall fanden denn alle Versuche, die Saufereien zur Protestbewegung hochzudeuten: ausgegrenzte Jugendliche auf der Rückeroberung des öffentlichen Raums, die Alkoholleiche als Niederschlag sozialer Probleme. Eher schon wird der Kult mit einer gewissen Sportlichkeit betrieben, inklusive Trophäenbildern im Internet. Was unter anderem zum «macrobottellon» vom vorletzten Jahr führte: Nachdem sich in Granada rund 5000 Alkoholkonsumenten versammelt hatten, kam es am folgenden Wochenende in insgesamt zehn Städten zum Versuch, diese Zahl zu übertrumpfen.

Auch am helllichten Tag

Das Phänomen nimmt denn auch immer neue Züge an: Derzeit beliebt sind nach Fachgebieten organisierte Besäufnisse an den Universitäten, und zwar am helllichten Tag. Allerdings: Für Schweizer Stadtväter, welche die Mode sorgenvoll anrollen sehen, mag es einen Trost geben: Im Mutterland des Massensaufens scheint der Höhepunkt seit rund zwei Jahren überschritten.

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