Wie man Silvester feiert, wenn man gar nicht feiern will

Es soll die Party des Jahres werden. Gleichzeitig sind alle gestresst, dass es nicht so wird, auch jene, die gar nicht feiern wollen. Drei Strategien gegen das Unbehagen.

Die Nacht des Jahreswechsels ist stets mit grossen Erwartungen verbunden – und mit der Angst vor Enttäuschungen. Das muss nicht sein. Bild: iStock

Die Nacht des Jahreswechsels ist stets mit grossen Erwartungen verbunden – und mit der Angst vor Enttäuschungen. Das muss nicht sein. Bild: iStock

Aleksandra Hiltmann@thisisAleksa

«Was machst du an Silvester?» So lautet die derzeit meistgestellte und oft auch die meistgefürchteste Frage. Nur schon darauf zu antworten, setzt viele unter Druck, geschweige denn, der Antwort später tatsächlich gerecht zu werden. Denn: Silvester muss die beste Party des Jahres werden. Das schreibt uns das Bild, das wir von unserer Gesellschaft haben oder haben wollen, vor. Doch was, wenn man gar nicht feiern will?

Taktik Nummer 1: Trotzdem feiern

Man ahnt es bereits. Die Laune ist nicht die beste, der Magen noch träge vom Verdauen der Weihnachtsguetsli, und die Müdigkeit der vergangenen 364 Tage sitzt einem so richtig in den Knochen. Aber egal, was noch kommt, die Blösse, zu müde zum Feiern zu sein, will man sich nicht geben. Also: so viele Leute wie möglich einladen, mies gelaunt die Wohnung dekorieren und die Schwere des Magens trotzdem mit Prosecco beträufeln. Ab dem Moment des ersten Klingelns der Gäste: immer lächeln. Danach laut die letzten Sekunden bis Mitternacht zählen und dann das neue Jahr bejubeln. Noch mehr Prosecco versteht sich von selbst.

Anschliessend – auch wenn man noch weniger fit ist als vorher – gehts ab in den Club. Dort tanzen noch andere, die so tun, als ob Silvester der grösste Anlass des Jahres wäre. Müde kommt man dann um sechs Uhr früh nach Hause. Die Müdigkeit fühlt sich noch grösser an als nach anderen durchgetanzten Nächten. Seltsam. Vielleicht ist es die Ernüchterung, die aufträgt. Denn die Nacht war einfach wie alle anderen. Aber das erzählt man natürlich niemandem. Einfach froh sein, dass es vorbei ist.

Taktik Nummer 2: Umdenken

«Vielleicht schauen wir einfach einen Film und gehen früh schlafen.» – Eine sehr beliebte Floskel, um sich aus allen Erwartungen an die Nacht der Nächte herauszuwinden. Ein bisschen fuchst es einen schon, so zu tun, als ob einem das Korkenknallen unter Feuerwerk egal ist. Dabei könnte man das Alternativprogramm genauso zelebrieren wie ausgelassen(e) (aussehende) Partys.

Anstatt dreissig sind dann zwei Personen im Bild. Anstatt Ausschnitt und Gelfrisur tragen sie Wollsocken und gemütliche 90er-Jahre-Pullis aus dem Brocki. Dann noch ein alter vierstündiger Schwarzweissstummfilm dazu – und der hippe gemütliche Silvester ist komplett. Kann man dann gerne auch entsprechend stilisiert in den sozialen Medien verbreiten.

Taktik Nummer 3: Gleichgesinnte suchen

Ist man kein Silvesterenthusiast, tut es gut, die Nacht mit Gleichgesinnten zu verbringen. Diese verurteilen einen nicht für die fehlende Festlaune, und die findens auch okay, wenn die Stimmung nur mittelmässig und nicht ekstastisch ist. Am besten, man lädt die Gäste zu sich in die eigenen vier Wände ein. Da ist man von feierwütigen Einflüssen abgeschirmt, sozusagen im geschützten Rahmen. Niemand erwartet tolles Essen, niemand erwartet eine über Stunden sorgfältig zusammengestellte aber zufällig wirkende Auswahl an Electro-Liedern. ABBA ist voll okay oder sogar die Kelly Family. Die sind ja wieder im Kommen, hört man sagen. Und vielleicht wird der Abend wider Erwarten tatsächlich ganz toll. Das passiert nämlich immer dann, wenn man nicht damit rechnet. Plötzlich spielt einer auf Youtube «Coco Jambo», dann tanzen alle «Macarena», und gegen fünf Uhr morgens wird Helene Fischer gesungen. Und wenn nicht, gehen trotzdem alle zufrieden nach Hause. «Siehst du, ich habs ja gesagt. Silvester ist nichts Besonderes», sagen sie und freuen sich über die Selbstbestätigung.

Ich persönlich halte mich an Taktik Nummer 3. Es scheint mir die sicherste Variante, möchte man Enttäuschungen vermeiden. Es soll dann aber auch schon vorgekommen sein, dass sich ein WG-Zimmer in eine Disco verwandelt hat, wo Menschen in Trainerhosen und Paillettenkleidern hemmungslos bis in die frühen Morgenstunden getanzt haben. Helene Fischer soll erst der Anfang gewesen sein. Am nächsten Morgen sollen dann bleiche Gestalten grinsend durch die am Boden klebenden Girlanden gestapft sein, auf der Suche nach Panadol. Unterwegs sollen sie sogar der verstörten Katze «äs guets Neus» gewünscht haben. Unerwartet gut startet es sich am besten ins neue Jahr.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...