Wie wird man ein Mensch?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema Menschlichkeit.

Menschlichkeit ist kein genetisch eingebauter Automatismus, sondern eine kulturelle Leistung. <nobr>Foto: Úrsula Madariaga (Pexels)</nobr>

Menschlichkeit ist kein genetisch eingebauter Automatismus, sondern eine kulturelle Leistung. Foto: Úrsula Madariaga (Pexels)

Peter Schneider@PSPresseschau

Kürzlich bin ich morgens aufgewacht, und kurz davor träumte ich den Satz «Wie wird man ein Mensch?». Können Sie mir bei dieser Frage weiterhelfen? L.Z.

Wer, wenn nicht ich, liebe Frau Z.

Sie merken, ich habe meinen albernen Tag; das muss Sie aber nicht weiter bekümmern. (Auf eine Depression ist Verlass.) Also: Träume sind Schäume, wie wir Psychoanalytiker bekanntlich zu sagen pflegen; denn wenn die alle was zu bedeuten hätten, man käme ja mit der Arbeit gar nicht nach.

Nun aber zu Ihrer Frage «Wie wird man ein Mensch?». (Ob geträumt oder nicht.) In einem sehr, sehr trivialen Sinne müsste Sie die Frage natürlich nicht bekümmern. Sie sind nämlich immer schon einer: ein Mensch im Sinne der genetischen Zugehörigkeit zur Gattung. Wenn Sie ein Schimpanse wären, würden Sie das gewiss merken (trotz angeblich 99 Prozent identischer genetischer Ausstattung). Umso mehr, wenn Sie ein Igel oder eine Schnecke wären. Ein Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch.

Aber die Frage (mit einer langen Tradition), wie man ein Mensch in einem «eigentlicheren» Sinne wird, ist damit weder beantwortet noch aus der Welt geschafft. Was man damit meint, geht eher in die Richtung von Goethes «Hilfreich sei der Mensch / Edel und gut». Mensch ist man also nicht einfach, Mensch muss man erst werden. Das dürfte in etwa auch dem Sinn Ihrer Frage entsprechen. Bei Goethe geht es so weiter: «Denn das allein / unterscheidet ihn / Von allen Wesen / Die wir kennen.»

Verbiestert sein kostet Kraft.

Man kann das von den Höhen der Weimarer auch in den Alltag übersetzen: «Be a mentsh.» Das ist New Yorker Jiddisch: Ein «mentsh», oder in deutscher Transkription: a mentsch, ist eben ein menschlicher Mensch, ein mit seinen Mitmenschen freundlicher Mensch.

«Freundlich» scheint weniger zu sein als «edel, hilfreich und gut», aber es ist eine sehr alltagstaugliche Eigenschaft. Wer weiss schon, wie er edel sein könnte, aber was Freundlichkeit bedeutet, weiss jeder Mensch (hoffentlich). Menschlichkeit in diesem Sinne ist kein genetisch eingebauter Automatismus, sondern eine kulturelle Leistung. Es gibt einerseits Traditionen dafür, anderseits muss diese Leistung immer wieder neu erbracht werden. Das kostet manchmal gar keine Anstrengung, manchmal sogar grosse.

Es ist nun aber nicht so, dass es grundsätzlich einfacher wäre, ein mieser Typ zu sein. Verbiestert sein kostet Kraft. A mentsch zu sein, hat dagegen den Vorteil, dass es einem oftmals über lange Strecken leicht von der Hand beziehungsweise von der Seele geht. Man kann es zu einer Art Grundeinstellung machen, dank derer einem selbst und den Mitmenschen das Leben leichter wird.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt