Wie wird man unangenehme Erinnerungen los?

Die Antwort auf eine Frage zum Thema Verdrängen.

Sich Erinnerungen zu verbieten, ist so wirksam, wie sich zu untersagen, an rosa Elefanten zu denken. Foto: iStock

Sich Erinnerungen zu verbieten, ist so wirksam, wie sich zu untersagen, an rosa Elefanten zu denken. Foto: iStock

Peter Schneider@PSPresseschau

Sie haben vor einiger Zeit einer Leserin zum Thema Glück geantwortet. Im ersten Teil haben Sie sich über diese «Positive Thinking»-Bewegung lustig gemacht und mir aus der Seele gesprochen. Im zweiten, wo es ums Loslassen ging, habe ich mich allerdings wiedererkannt. Und zwar nicht als geübter Loslasser, sondern als das Gegenteil davon. Manchmal, vor allem wenn ich schlecht einschlafen kann, ­kommen in mir Bilder aus der Vergangenheit hoch, meistens Szenen, in denen ich das «Opfer» war, in denen mir – wie ich ­meine – zu Unrecht etwas angetan wurde (oft auch totaler Pipifax!). Meine Frage an Sie: Was fürStrategien würden Sie anwenden, um innerlich mit all den «Tätern» (bzw. Täterinnen, also zum Beispiel, Frauen, die mich verlassen haben) Frieden zu schliessen?M.E.

Lieber Herr E.

Dass ich etwas Wohlwollendes zum «Loslassen» geschrieben habe, erstaunt mich zwar. Denn ich finde dieses Loslass-Gedöns eigentlich genauso schlimm wie den Positiv-Denken-Bohei. Aber ich möchte nicht in alten Kolumnen kramen, um meine genauen Worte zu eruieren (Loslassen!). Und so, wie Sie den Begriff verstehen, ist es auch sehr plausibel, dass man manche Erinnerungen, Bilder, Verstrickungen ­«loslassen» können sollte. (Es ist ja übrigens ebenfalls nicht dumm, sich nicht in ein «negatives Denken» hineinzusteigern.) Man kann freilich seine Erinnerungen und die beim Nicht-Einschlafen auftauchenden Bilder schlecht steuern. Wenn man von solchen Opferfantasien heimgesucht wird, kann das daran liegen, dass man seine kleine Rache nicht hatte (gerade bei Pipifax-Dingen) oder dass man mit den Täter*innen weiterhin mehr verbunden ist, als man will, und/oder dass diese Fantasien eine unbewusste masochistische Lust befriedigen.

Das sind nun ziemliche Binsenweisheiten (bis auf die letzte Variante wahrscheinlich), aus denen man leider keine vergleichbar trivialen Strategien zur Vergangenheitsbewältigung ableiten kann. Vorderhand ist es ausserdem nicht so, dass Sie die Erinnerungen nicht loslassen können, sondern dass die Vergangenheit ihrerseits Sie nicht loslässt.

Ich fürchte also: Da müssen Sie DURCH. Sich Erinnerungen zu verbieten, ist so wirksam, wie sich zu untersagen, an rosa Elefanten zu denken. Man denkt dann nur noch an rosa ­Elefanten. Beschäftigen Sie sich mit den ­Erinnerungen, gehen Sie dabei ins Detail, machen Sie sich auch tagsüber ab und zu Gedanken dazu – wie auch immer: Freunden Sie sich irgendwie mit den Szenen der Vergangenheit an als etwas, was offenbar zu Ihnen gehört. Man könnte auch sagen: Drehen Sie den Spiess um.

Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

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