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«Wir stehlen der Jugend ihre Qualitäten»

Psychologe Allan Guggenbühl hält die Strassenkrawalle in Zürich für einen Protest gegen die überalterte Gesellschaft. Die Jugendlichen wollten Grenzen überschreiten, um sich danach zu integrieren.

«Du musst bereit sein, an dir zu arbeiten»: Jugendpsychologe Allan Guggenbühl in seinem Sprechzimmer. Foto: Nicola Pitaro
«Du musst bereit sein, an dir zu arbeiten»: Jugendpsychologe Allan Guggenbühl in seinem Sprechzimmer. Foto: Nicola Pitaro

Haben Sie die Krawalle in Zürich an den letzten beiden Wochenenden überrascht?

Nein, ich erlebe in meinem Berufsalltag sehr viele Jugendliche, die auf der Suche sind nach einem Kick, einer ultimativen Herausforderung, die sie ins Leben katapultiert. Sie tasten die Gesellschaft nach Möglichkeiten ab, in denen sie sich als heldenhafte Kämpfer oder Strassenindianer inszenieren können. Jetzt haben sie in der illegalen Partyszene offenbar eine Bühne gefunden.

Heldenhafte Kämpfer, die ein Tramhäuschen zertrümmern?

Gewalt wird heute viel zu rasch pathologisiert. Wir schliessen aus der Normalität weg, was wir nicht wahrhaben sollen. Psychologisch gesehen, stimmt das nicht: In der Gewalt überschreitet der normale Mensch Grenzen, erlebt Delirium und Rausch. Da kann man mit einer anderen Realität in Kontakt treten. Dieses Motiv ist in der Menschheit uralt, zumindest in ihrem männlichen Teil.

Wie viel hat dieser Wunsch mit dem Erwachsenwerden zu tun?

In einer überalterten Gesellschaft kann sich der junge Mensch nur über Anpassung integrieren. Das ist schade, denn Integration könnte auch über Widerstand und Auseinandersetzung führen. Diese Jungen wollen sich abgrenzen, Stunk machen, Grenzen überschreiten – um sich danach zu integrieren.

Sie scherzen.

Nein, es ist wie in einer guten Beziehung: Man findet oft erst über den Streit zur Tiefe. Es ist typisch für eine überalterte Gesellschaft, dass sie nur einen möglichen Weg zur Integration bereithält. Der Konfliktweg scheint mir aber auch interessant. Es sollte jedoch nicht Gewalt sein. Ich erhoffe mir andere Rituale, ein bisschen mehr Auseinandersetzung. Die Gefahr heute ist, dass wir die Jugend administrieren, Ausbildungen anbieten, die keine Auseinandersetzungen beinhalten. Die konfrontative Auseinandersetzung im Rahmen einer Beziehung kommt zu kurz.

Wie könnte man es besser machen?

Sich mehr aufeinander einlassen. Deshalb gefällt mir nicht, dass die Szenen heute so stark getrennt sind. Die Jungen feiern in der Nacht, wenn die Alten schlafen. Theoretisch könnte man in den Altersheimen das Nachtessen morgens um vier Uhr statt abends um sechs servieren, dann begegneten sich die verschiedenen Altersgruppen wieder. Auch die Maturazeitung, die gezielt die Lehrer verletzte, gibt es heute nicht mehr.

Heute scheint es eher mehr Freiräume als früher zu geben.

In der Ausgangsszene ja. Gleichzeitig entleeren sich die Agglomerationen, und der Raum, sich zu treffen, konzentriert sich auf wenige Zentren. Dort wird der Freiraum wieder kleiner.

Wie haben die Krawalle aus Ihrer Sicht angefangen?

Mit illegalen Partys im Wald und anderswo. Da zeigte man, dass man sich die Orte zum Feiern selber suchen will und sich auch nicht vorschreiben lässt, wo man Alkohol kaufen darf. Dann wurde der Widerstand extremer.

Wenn Tramhäuschenscheiben und Schaufenster eingeschlagen werden, ist ein Zusammenhang mit diesen Verboten schwer ersichtlich.

Die Vorstellung, was man zerstören will, scheint mir ziemlich roh. Das einzige Objekt, das als Gegner klar identifiziert ist, ist die Polizei. Und zwar nicht der einzelne Polizist, sondern die Polizei als Symbol. Das ist eine Art von Gangfight.

Ist da Hass dabei, oder verläuft das eher spielerisch?

Weder noch. Es geht um den Rausch, die Männlichkeit gewalttätig auszuleben.

Im dionysischen Sinn, wie ihn der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche beschreibt?

Jede Gesellschaft hat die Pole Aufbau und Zerstörung. Es wird nie alles nur auf dem aufbauenden Pol ablaufen.

Sonst wirds langweilig?

Sagen wir: beschränkt. Ein Teil der Jugend stört sich daran, dass heute alles Mainstream geworden ist. Wir Erwachsenen merken das nicht mehr, deshalb sind solche Tabubrüche für die Gesellschaft wichtig. In einer Gesellschaft, in der die über 30-Jährigen bestimmen, ist es den Jungen besonders wichtig, den Konsens radikal infrage zu stellen.

Wir dachten, die ganze Gesellschaft lebe heute in einer Art Jugendwahn?

Die Erwachsenen kolonialisieren die Jugend und okkupieren ihre Verhaltensweisen. Man geht in Fitnesszentren, will bis ins hohe Alter schlank bleiben und noch mit 50 die Treppe hochrennen. Wir stehlen der Jugend ihre Qualitäten.

Deshalb randaliert sie?

Ich beschreibe den Grundmechanismus: Wir meinen, wir verstehen die Jugend. Aber die Jugend hat gerade ein Recht darauf, nicht verstanden zu werden.

Hat die Gewalt auch mit enttäuschten Ambitionen zu tun?

Eher mit der Weigerung, der Jugend wirkliche Verantwortung zu geben. Die Ausbildung für die Jungen dauert heute lang. Man erklärt das damit, dass die Anforderungen laufend zunehmen. Das mag schon sein, aber die Ausbildung ist heute auch eine Form der Kontrolle; sie hindert die Jugend, früh Positionen und Macht zu übernehmen. Im 18. Jahrhundert wurden viele Schiffe der britischen Meerflotte von Kapitänen zwischen 15 und 18 Jahren gesteuert.

Eine Art Kinderkapitäne?

Sie bewiesen enorme Kompetenzen. Sie waren für Navigation, Essen, und die Führung von 200 oder 300 Leuten verantwortlich. In vielen Berufszweigen leuchtet es nicht ein, warum es so lange dauert, bis ein Junger Verantwortung übernehmen kann. Vielleicht ist das ein Zeichen dafür, dass unsere Gesellschaft die Vitalität verloren hat?

Dann geht es hier nicht vorab um schlecht integrierte Secondos?

Die Secondos sind viel eher die Rettung als die Bedrohung der Schweiz! Schauen Sie doch den Drive und die Energie an, die viele Secondos heute haben. Weil sie noch nicht gänzlich integriert sind, bringen Sie auch Neues, eröffnen irgendeine verrückte Firma, experimentieren. Die Secondos sind für die Schweiz ein Segen! Natürlich gibt es auch solche, die sich über Gewalt profilieren wollen.

In erster Linie jene, die im Rahmen des Familiennachzuges erst spät in die Schweiz gekommen sind?

Genau. Aber es gibt in jeder Einwanderergruppe vor der Integration einen pathologischen und einen kreativen Pol.

Der kreative Pol wäre der Schweizer Fussball?

Nicht nur. Schauen Sie, wie die Secondos die Mundart mit ihren Wortschöpfungen belebt haben.

Sie haben als Troubleshooter in den Schulen mit dem pathologischen Pol zu tun. Bildet er sich aufgrund enttäuschter Ambitionen?

Die grossen Probleme entstehen, wenn Jugendliche zu viel Frustration erleben. Es gibt eine Gruppe, die stets auf den Deckel bekommt, temporär aus der Schule ausgeschlossen wird, keine Lehrstellen findet, zu Hause stark verwirrt wird. Diesen Jugendlichen müssen wir spezielle Aufmerksamkeit schenken.

Sie schlagen drein?

Nicht jeder. Aber es kann sein, dass sie sich gewalttätigen Szenen anschliessen und dort eine neue Heimat oder Orientierung finden. Dann trifft man sich und geht nach Zürich, um sich mit andern zu schlagen. Für den Weg sucht man sich vielleicht noch eine spezielle Autoroute, auf der man richtig speeden kann.

Sie versuchen das den Jugendlichen dann auszureden.

Natürlich, aber ich merke oft, dass ich sie in solchen Situationen nicht beeinflussen kann. Leider sind sie oft schwer von ihren Vorhaben abzubringen.

Aus Lust?

Vielleicht, ja. Das Auto ist übrigens für viele nicht integrierte Jugendliche das Symbol der Akzeptanz. Und auch der Integration: Sogenannt schwierige Jugendliche beginnen sich oft erst dann zu disziplinieren, wenn sie für ein Auto sparen. Autos leisten heute für die Jugendlichen einen wichtigen Beitrag zur Integration. Man opfert dafür sehr viel, steht zum Beispiel am Morgen auf und geht arbeiten.

Sie haben sich stets als Fürsprecher der unverstandenen männlichen Jugend begriffen. Wie weit machen Sie die sogenannte Feminisierung der Lehrberufe, die Tabuisierung von Gewalt in den Schulen, für diese Entwicklung verantwortlich?

Vielen Jugendlichen fehlt heute eine männliche Gegenfigur. An ihr könnten sie sich reiben. Damit fehlt ihnen ein Ritual, um sich in die männliche Gesellschaft zu integrieren. Die Initiation funktioniert über das Risiko, verletzt zu werden. Man will seine Angst überwinden, muss scheitern können. Ich fordere deshalb die Jugendlichen zu Beginn einer Tätertherapie stets heraus, sage etwa: «Du musst ein harter Kerl sein, bereit, an dir zu arbeiten, um gewaltlos zu werden.» Stimmt einer dem nicht zu, nehme ich ihn nicht.

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