Zweikampf der Zweiräder

Zum Auftakt der Zweiradsaison luden wir einen Motorrad- und einen Velofahrer ein, ihren Ärger übereinander loszuwerden. Was dabei rausgekommen ist.

Friedliches Nebeneinander in Liebewil: Töfffahrer Daniel Riesen und Gümmeler Christoph Hämmann.

Friedliches Nebeneinander in Liebewil: Töfffahrer Daniel Riesen und Gümmeler Christoph Hämmann. Bild: Raphael Moser

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Die Sucht nach SchräglageDaniel Riesen

Entgegen meinem Naturell habe ich letzten Herbst vorgesorgt und mein Motorrad ordentlich eingewintert. Deshalb gibts jetzt nicht viel zu tun, und schon kann ich dem Signal der steigenden Quecksilbersäule folgen. Angenehme Temperaturen sind nun mal Voraussetzung für freudvolles Töfffahren, zumal ich ja kein harter Jungspund mehr bin. Meine Faustregel: Zimmertemperatur darfs schon sein, für den Aare­schwumm wie für die Töfftour.

Wobei, fast wichtiger als die Temperatur sind trockene Fahrbahnen. Nasser Asphalt reduziert den Grip der Reifen und damit die Lust, sich in Schräglage zu werfen. Dabei fahre ich genau deshalb Motorrad: wegen der Schräglage. Heftige Be­schleu­nigung ist zwar auch ein Erlebnis, doch nutzt sich dieses Hoch­gefühl bald ab; und schnell geradeaus kann mit genug PS sowieso fast jeder.

Kühne Schräglage hingegen erfordert Können und fühlt sich an wie Fliegen. Davon kann ich nicht genug bekommen. Und deshalb suche ich immer wieder die Kurve – die schönste Verbindung zwischen zwei Punkten, hat es einst ein gescheiter Kerl formuliert.

Kurven schneefrei gibts im Frühling am Gurnigel oder auch am Schallenberg. Schnell lerne ich hier: Ich bin nicht allein! Andere Töfffahrer sind auch schon da, in erstaunlich grosser Zahl aber auch Rennradler. Er­staunlich? Find ich schon, einen solchen Berg mit bloss einer MS (Menschstärke) zu erklimmen ist ein starkes Stück. Das Leiden auf dem Velo ist bestimmt gross, und der Kurvenspass höchstens halb so gross, beim Runterfahren nämlich.

Die Velofahrer und immer öfter auch -fahrerinnen strampeln den Winterspeck weg, während Töff­fahrer zuweilen er­schrecken, warum die Kombi im Winter schon wieder eingegangen ist... Dafür können wir Extrapfunde unter der Schutz­kleidung kaschieren, ein Ausweg, der den Sportlern in ihren engen und dünnen Stoffen versperrt ist. Ich staune übrigens immer wieder, dass die Sportpedalierer Leibchen voller Werbung tragen und dafür auch noch teuer bezahlen – statt bezahlt zu werden.

Ganz Gentleman, der ich seit Geburt bin, überhole ich schwankende Radler am Rand der Erschöpfung mit gebührendem Abstand – mit der Vermutung, dass ich mit meiner schwarzen Rakete auf die Velo­zipeden dennoch wirke wie ein Dummdödel auf Viagra. Gerne würde ich ihnen die Feinheiten beim Zusammenspiel von Gas, Bremse, Kupplung und präziser Lenkung erklären und die Schön­heit tausendfach eingeübter Bewegungsabläufe schildern. Doch dafür ist keine Zeit, dort ist schon die nächste Kurve!

Am Pass sind Velofahrer für mich Töffler kein Ärgernis, selbst Gruppen überhole ich mit ähnlicher Selbstverständlichkeit wie die «Blechdosen» (gängiger Begriff für Autos). Arg wird es höchstens, wenn sich hinter einem Radler lange Autokolonnen stauen. Die kann dann auch ich nur noch unter grosszügiger Dehnung der Verkehrsregelverordnung hinter mir lassen kann.

Gespannter ist mein Verhältnis zum Velovolk in der Stadt. Als individualistisch gepolter Biker habe ich einiges Verständnis für intelligente Strassenanarchos. Auf ungeschickte, unberechenbare und abends mangels Licht unsichtbare Veloclowns möchte ich aber verzichten. Nicht un­bedingt aus Barmherzigkeit, sondern im Wissen, dass ich im Fall eines Unfalls eh der Dumme und der Velofahrer der Arme ist, egal wie unbeweisbar behämmert er (seltener sie) sich verhalten hat.

Nichts als ein leises SirrenChristoph Hämmann

Der Blick vom Velo auf den gemeinen Motorrad­fahrer, diesen lärmigen Kerl in Schwarz oder in Tom-Lüthi-Verkleidung? Nun, dieser Blick soll ein versöhnlicher sein: Der Auftakt der Zweiradsaison ist gleichzeitig das definitive Aus des Winters, ein lang ersehnter Quell grosser Freude – so lasset uns gemeinsam fröhlich und gut gelaunt sein. Es braucht so we­nig, damit wir ohne Reibereien aneinander vorbeikommen.

Mein Leben als Alltagsvelo­fahrer und Hobbygümmeler, vor allem aber meine 13 Jahre als Velokurier, haben mich gelehrt: Aggression im Verkehr sagt meist mehr über den Absender als über den Empfänger aus. Hobbypolizisten, die sich laut über einen Velofahrer ärgern, der – ohne jemanden zu gefährden – ein Rotlicht missachtet, die schnauben und hupen und sich kaum mehr beruhigen?

Mit Verlaub: Wer sozial integriert ist und ein halbwegs intaktes Berufs- und Beziehungsleben hat (oder wessen Medikation funktioniert), der reagiert gelassener. (Ausnahme dieser Regel sind Velokuriere, bei deren Transport dringender Fracht jede Sekunde zählt; da darf die Zündschnur ein bisschen kürzer sein.) Regel Nummer zwei: Gefährlichster Feind ist neben dem Aggressor der Amateur, egal, wie er unterwegs ist. Unkonzentriert oder überfordert? Da wirds gefährlich.

Doch zurück zu den Motorradfahrern. In den Städten sind sie kein Faktor. Ganz anders, wenn die Ausfahrt über Land oder gar über Pässe geht: Da knattern und heulen sie, knallen laut, und dies offenbar besonders gern exakt neben dem Velofahrer, den sie gerade über­holen. Dies sei physikalisch be­gründet, meinte Kollege Riesen beim Fototermin. Allerdings zeigt eine kurze Internetrecherche, dass es durchaus Töfffahrer gibt, denen ihr Untersatz mehr Freude macht, je lauter er dröhnt und knallt.

Ziemlich sicher handelt es sich dabei um Einzelfälle. Die meisten Töfffahrerinnen und Töff­fahrer dürfte das Gleiche antreiben wie den Gümmeler: die vorbeiziehende Landschaft, der kontrollierte Temporausch, der gelüftete Kopf danach. Auf dem Velo kommt die körperliche Anstrengung dazu (und die herrliche Müdigkeit danach). Das leise Sirren als einzige Emission.

Täuscht der Eindruck, oder schauen die Töfffahrer im Passrestaurant stets eher kritisch zu den Gümmelern? Ist es, weil auf dem lauten Töff ein leises schlechtes Gewissen mitfährt? Ja, wir sind nicht bloss leise, sondern auch noch als menschliche Wesen erkennbar. Wenn wir es gemütlich nehmen, können wir sogar nebeneinander fahren und plaudern – um sofort auf Einer­kolonne zu wechseln, wenn andere Verkehrsteilnehmer nahen, Ehrensache.

Natürlich trübt es die Freude des Radfahrers, wenn alle paar Se­kunden ein Töff vorbeidonnert (anderseits: das häufigste Är­ger­nis ist der Töff, den man nicht hat kommen hören und der einen ungewollt erschreckt). Um dem Töfflärm zu entkommen, kann der Gümmeler unbekanntere Routen suchen – oder etwa den Schallenberg nur unter der Wo­che befahren. Super finde ich den Verein Freipass, der sich dafür einsetzt, dass einzelne Pässe ein-, zweimal pro Jahr nur für Velos offen sind. Beispiele im Ausland zeigen, dass sich das zu einem Volksfest auswachsen kann.

Ansonsten plädiere ich für friedliche Koexistenz. Und appelliere an die Motorisierten, sich stets bewusst zu sein, wie verletzlich wir ihnen begegnen. Wenn wir alle eine minimale Sicherheitsmarge wahren, ist allen geholfen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 21.04.2018, 07:46 Uhr

Die Zweiradfahrer

Daniel Riesen (54) erlebt schon seinen 35. Frühling auf der Motorradsitzbank. Er schrieb für die BZ und als Motorrad- und Autojournalist. Heute ist er PR-Manager.

Christoph Hämmann (45) wechselte einst vom Dreirad aufs Velo. Ein Töffli hatte er nie, einen Führerschein auch nicht. Er ist Redaktor im Ressort Stadt Bern der BZ.

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