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Zwischen Hochgefühl und Horror

Die Stierläufer von Pamplona bereiten sich monatelang auf den Moment vor, in dem sie angesichts der «totalen, nackten Angst» aufblühen.

Hörner im Nacken: Die sogenannten Mozos rennen, dicht gefolgt von Stieren, durch Pamplona. (7. Juli 2011)
Hörner im Nacken: Die sogenannten Mozos rennen, dicht gefolgt von Stieren, durch Pamplona. (7. Juli 2011)
Keystone
Dieser Bulle ist schnell. Zu schnell? (7. Juli 2011)
Dieser Bulle ist schnell. Zu schnell? (7. Juli 2011)
Keystone
... mit all seinen Gefahren. (7. Juli 2011)
... mit all seinen Gefahren. (7. Juli 2011)
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Den meisten Draufgängern reicht es schon völlig, einmal im Leben bei der Fiesta San Fermin den Hals zu riskieren. Doch es gibt auch die Veteranen, die Jahr für Jahr wieder mit den Stieren rennen und es partout nicht lassen können. Für diesen harten Kern ist das atemberaubende, gefährliche Spektakel in Pamplona in der zweiten Juliwoche der ultimative Kick. Monatelang stählen sie sich dafür, um mit möglichst heiler Haut davonzukommen.

«Erst lockt einen die Tradition. Dann wird man ein Fan. Und schliesslich ist man an einem Punkt, wo es zur Sucht wird, wo man einfach mit den Stieren rennen muss», schildert Juan Pedro Lecuana die Faszination. Der 38-jährige Familienvater ist seit 1989 jedes Jahr beim traditionellen Stierlauf in der Festwoche zu Ehren des Heiligen Fermin in der nordspanischen Stadt dabei. Schon Ernest Hemingway begeisterte sich in den 20er Jahren für das adrenalinsatte Schauspiel und setzte ihm in seinem ersten grossen Roman «Fiesta» ein Denkmal. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass sich jedes Jahr so viele US-Touristen mit ins Rennen stürzen.

Jeden Morgen vom 7. bis 14. Juli um Punkt acht Uhr werden sechs Kampfstiere von gut einer halben Tonne Lebendgewicht aus ihren Stallungen freigelassen. Hinter tausenden Läufern her galoppieren sie auf einer abgesperrten, 850 Meter langen Route durch die Kopfsteinpflastergassen der Altstadt von Pamplona bis in die Stierkampfarena. Am Ende ihres Weges wartet der Tod am Nachmittag.

Tödliches Spektakel

Die meisten Läufer sprinten vielleicht 50 Meter weit mit und springen dann über die Absperrung in Sicherheit. Der kleinste Ausrutscher kann tödlich enden. Daher nehmen die Veteranen die Vorbereitung sehr ernst - die abenteuerlustigen Touristen bei weitem nicht immer. 15 Menschen kamen seit Beginn der Aufzeichnungen 1924 beim Stierlauf ums Leben, zuletzt 2009 der Spanier Daniel Jimeno Romero.

Rick Musica aus Chicago hat in 13 Jahren nur vier Läufe verpasst. Das ganze Jahr über sieht er sich hunderte Videos an und studiert die Route genau. «Auf der einen Seite spürst du dieses absolute Hochgefühl, auf der anderen die totale, nackte Angst... Diese Gefühle in der Waage zu halten ist entscheidend, und das ist nicht immer einfach. Eigentlich ist es nie einfach», beschreibt der 45-Jährige seine Empfindungen. «Diese märchenhaften Tiere durch die engen Gassen donnern zu sehen, das ist so etwas Unwirkliches, anders als alles, was ich je erlebt habe... Das ist wirklich ein Fest des Lebens.»

Für die zwei, drei Minuten des Rennens gibt es ein paar einfache Grundregeln: Die Tiere nicht anschreien. Eine gerollte Zeitung für Ablenkungsmanöver griffbereit haben. Und, besonders wichtig: Im Fall eines Sturzes bloss nicht wieder aufstehen. Das wurde einem jungen Amerikaner 1995 zum Verhängnis, der sich aufrappelte und prompt angegriffen und getötet wurde.

«Das schlägt jedes Fussballspiel»

Fitness ist wichtig. Altgediente Läufer bringen sich in den Monaten vor San Fermin mit Laufen, Schwimmen und anderen Sportarten in Form. Lecuana, der in der Autoindustrie arbeitet, hat schon Rippenbrüche und andere Verletzungen davongetragen. Der 11. Juli vorigen Jahres ist ihm nicht wegen des WM-Sieges der spanischen Fussball-Nationalmannschaft unvergesslich, sondern weil ihm an jenem Tag ein Stier mit den Hörnern das Bein durchbohrte. Zwei Monate lang war er bettlägerig, er nahm zu und tat sich schwer, wieder fit zu werden. «Mal sehen, was mir am 7. durch den Kopf geht», meint er.

Cesar Cruchaga, der frühere Kapitän des heimischen Erstligaclubs CA Osasuna, ist erst seit kurzem wieder dabei, nachdem er seine Karriere als Fussballprofi beendet hat. Wie Lecuana ist er mit 15 Jahren zum ersten Mal mit den Stieren gelaufen. «Das ist ein ganz anderes Gefühl, als ein Tor zu schiessen», erklärt er. «Das ist so intensiv, das schlägt jedes Fussballspiel, das ich je gespielt habe.»

dapd/Alvaros Barrientos

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