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Grosse Fernsicht zu kleinem Preis

All-inclusive: Mit diesem Zauberwort lockt Arosa in den Sommermonaten zusätzliche Gäste in die Bündner Bergwelt.

Gute Aussichten: Die Arosa-Card, dank der man etwa gratis mit der Luftseilbahn aufs Weisshorn fahren kann, bringt dem Bündner Ferienort (Bildmitte) mehr Gäste.
Gute Aussichten: Die Arosa-Card, dank der man etwa gratis mit der Luftseilbahn aufs Weisshorn fahren kann, bringt dem Bündner Ferienort (Bildmitte) mehr Gäste.
Claudia Schneider

Die Fensterscheiben wirken wie Milchglas, man sieht nur Grau. Dennoch ist das Restaurant auf dem Weisshorngipfel, auf 2650 Metern, gut besetzt. Die Atmosphäre ist ausgelassen, fröhlich. Vorbei sind die Zeiten, als bei trübem Wetter gähnende Leere in der Weisshorn-Luftseilbahn wie auch im Gipfelrestaurant herrschte. Seit Arosa ein sogenanntes All-inclusive-Angebot lanciert hat, ist Sonnenschein nicht mehr entscheidend dafür, ob Feriengäste zu Hause bleiben oder etwas unternehmen, im Gegenteil: Hat es auf dem Weisshorn geschneit, finden es die Gäste auch mitten im Sommer lustig, einen Schneemann zu bauen – wohlwissend, dass dieser schon am Tag darauf wieder in der Sonne schmelzen wird. Mehr Gäste, mehr KonsumAll-inclusive ist zwar ein grosser Begriff für das, was Arosa im Vergleich zu klassischen All-inclusive-Angeboten alles bietet. Immerhin: Feriengäste, die zwischen Mitte Juni und Mitte Oktober in Arosa übernachten, erhalten mit dem Zimmerschlüssel eine Arosa-Card, mit der sie gratis die beiden Bergbahnen, eine Teilstrecke der Rhätischen Bahn, die Boote auf dem Obersee, den Ortsbus, Parkplätze, das Freibad und die Driving Range des Golfplatzes benutzen sowie das Heimatmuseum besuchen können. Ausserdem wird den Gästen mehrmals wöchentlich nach dem Eindunkeln ein multimediales Wasserspiel auf dem Obersee geboten. Mit der Einführung der Arosa-Card haben die Übernachtungen um rund 15 Prozent zugenommen, die Rhätische Bahn verzeichnet einen Zuwachs von etwa 20 Prozent. «Vor allem konsumieren die Gäste viel mehr als früher», stellt Pascal Jenni, Direktor von Arosa Tourismus, zufrieden fest. Tatsächlich fühlt man sich jedes Mal beim Benutzen eines Inclusive-Services irgendwie beschenkt und ist eher bereit, statt ein Picknick einzupacken, ein Mittagessen in einem der Bergrestaurants vorzusehen. Auffallend ist, dass sich viele Familien mit Kleinkindern auf den Gipfeln tummeln. Müssten diese für die Benutzung der Bahnen bezahlen, würden sie sich jede Fahrt zweimal überlegen – nicht zuletzt, weil das Halbtax-Abo der SBB in Arosa keine Gültigkeit hat. Das Risiko, dass die Wanderlust der Kleinen schon nach ein paar hundert Metern gesättigt ist, spielt keine Rolle mehr, weil man auch aufs Weisshorn fahren kann, nur um das Panorama bei einem Dessert zu geniessen – oder zur Mittelstation, um dort einfach auf dem Spielplatz zu verweilen.Auch Jugendliche wissen das Angebot zu schätzen und nutzen die Bahnen mit ihren Mountainbikes wie im Winter die Skilifte mit den Snowboards: Mit der Bahn geht es den Berg hoch, auf dem Sattel im Schnelltempo wieder hinunter und hoch und wieder runter.Innovative IdeeEingeführt wurde die Arosa-Card auf Grund einer Volksabstimmung. Im Frühjahr 2005 hiess der Kanton Graubünden das neue Tourismusgesetz gut. Darin geregelt ist unter anderem die Bezahlung der obligatorischen Gästetaxe für die Besitzer oder Dauermieter von Ferienwohnungen. Diese hatten bis zur Einführung des Tourimusgesetzes die Möglichkeit, ihre Gästetaxe als Pauschale oder effektiv nach Anzahl der Übernachtungen abzurechnen. Seit 2005 sind sie gezwungen, auf Grund der Grösse ihrer Unterkunft eine Pauschale zu entrichten – zum Beispiel für eine Zweizimmerwohnung gut 500 Franken pro Jahr, egal, mit wie vielen Personen und wie oft sich die Gäste in ihrer Zweitwohnung aufhalten. Wird die Ferienwohnung vermietet, zahlen zudem die Mieter ihre Gästetaxe.Wenn Tourismusdirektor Pascal Jenni sagt, die Arosa-Card sei auch für die Inhaber von Ferienwohnungen ein Inclusive-Angebot, ist dies zwar nicht falsch. Durch die Einführung der Gästepauschale tragen diese aber einen wesentlichen Teil zur Finanzierung der Arosa-Card bei. Die Folge ist, dass manche Inhaber von Ferienwohnungen nun öfters nach Arosa fahren, damit sich die Pauschale auszahlt, andere fühlen sich in Anbetracht der hohen Nebenkosten wie die Kühe, die so dekorativ auf den Aroser Alpen grasen: Sie sind da, um gemolken zu werden. Mittlerweile haben verschiedene Tourismusregionen wie Davos oder Allgäu in Deutschland das innovative Konzept kopiert. «Wir stehen deshalb unter Druck, die Idee weiterzuentwickeln», meint Pascal Jenni. So hat Arosa Tourismus gehofft, dieses Jahr einen Seilpark, in dem man wie Tarzan zwischen den Bäumen schwingen kann, ins Angebot aufnehmen zu können. Auf die Saison 2010 werde dies dann aber klappen. Seen sind attraktiverVon den finanziellen Diskussionen unbehelligt glitzert mitten im Dorf der Obersee. Darauf dümpeln zu jeder Tageszeit zahlreiche Pedalo- und Ruderboote. Bei der Anlegestelle schmunzelt ein deutscher Feriengast, er sei seit Jahrzehnten nicht mehr Boot gefahren. Aber die Nichte habe ihn gedrängt, und er habe sich gesagt: «Was solls, probieren kostet ja nichts.» Vom Obersee fährt regelmässig der Ortsbus hinunter zum Untersee. Dort ist die Kasse am Eingang zum Freibad schon gar nicht besetzt. Der Untersee hat sich zu einem Familientreffpunkt gemausert. Das türkisfarbene Wasser, umrahmt von der idyllischen Bergkulisse, ist zwar manchen Gästen zu kalt zum Baden. Das Kinderbecken ist jedoch geheizt. Auch befindet sich auf dem grosszügigen Gelände ein attraktiver Spielplatz. Die Eltern lassen es sich in der Gartenwirtschaft gut gehen, während ältere Kinder auf dem Spielfeld Beachvolleyball spielen und die kleineren den feinen Sand des Spielfelds zum «Sändele» nutzen. Kein grosses SpektakelManche Einheimische hatten befürchtet, mit der Einführung der Arosa-Card würde eine Schar von «Ballermännern» angelockt. Dies ist nicht eingetroffen. Arosa hat nach wie vor ein Publikum, das schon immer das geschätzt hat, was seit jeher gratis war: Spaziergänge auf dem Eichhörnchenweg, wo die kleinen Waldtiere ohne Scheu auf die Menschen zukommen, um ihnen offerierte Haselnüsse abzuholen, das Panorama der Bündner Alpen, das Spielen mit den Kindern an den Bergbächen, das Bauen kleiner Steinhäuschen, in denen Zwerge aus Tannzapfen wohnen, Würste braten auf dem offenen Feuer, entspanntes Sein an sich. Die Arosa-Card bietet einfach zusätzliche Möglichkeiten, den Aufenthalt zu geniessen, ohne das Ferienbudget zu belasten.

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