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Hohe Felsen, süsse Kastanien, stolze Palazzi

30 Kilometer talabwärts, jähe Felsen links und rechts, ein halbes Dutzend hübsche Dörfer und eine Menge Kultur: Das Bergell ist zur Zeit der Kastanienernte am schönsten.

Wie in einer Märchenwelt: der prunkvolle rostrote Palazzo der Castelmurs in Coltura.
Wie in einer Märchenwelt: der prunkvolle rostrote Palazzo der Castelmurs in Coltura.
Dres Balmer

Auf dem Wasser muss beginnen, was eine ordentliche Entdeckungsreise werden soll. Darum heisst es schon in Sils Maria: Schifflein ahoi! Die feinste Art, ins oberste Bergeller Dorf Maloja zu gelangen, ist nämlich die Bootspassage. Die Flotte der Schifffahrtsgesellschaft Silsersee besteht zwar nur aus einem einzigen kleinen Motorboot, dieses aber gewährleistet auf 1800 Metern über Meer den höchstgelegenen fahrplanmässigen Schiffsdienst Europas.

Ein Belgier und seine Neider

So klar ist das Wasser zu unseren Füssen, dass wir zuerst glauben, das Boot schwebe durch ein smaragdenes All. Da aber bringt plötzlich der Malojawind das Schweizerfähnchen am Heck heftig zum Flattern und sorgt für einen strammen Seegang. Vor uns türmt sich der Klotz das «Maloja Palace», 1884 erbaut von Camille Frédéric de Renesse. Der reiche Graf kam aus Belgien hierher, sah die grandiose Bergwelt und begann zu träumen von einer mondänen Feriensiedlung – von einem Resort, würde man heute sagen. Einheimische Neider, vorab die Badrutts vom «Palace» in St.Moritz, legten ihm Steine in den Weg, sodass des Grafen Vorhaben Stückwerk blieben. Immerhin hat er in Maloja zwei weitere, bescheidenere Herbergen hinterlassen und das Belvedere, einen Aussichtsturm, der über den schwindelerregenden Serpentinen der Malojastrasse thront. In zehn Minuten spazieren wir dort hinauf und geniessen den Blick ins Tal. Dann stürzen wir uns hinunter.

Das Bergell ist klein und übersichtlich, gut erschlossen durch Wege und Postauto-Kurse, reich bestückt mit Herbergen. Wenn man sich nicht gerade auf die alpinen Höhenwege wagt, kann man aufs Geratewohl losstapfen. Im oberen Teil ist das Tal eher sportlich, ab Stampa wird es kulturell interessant. Zum Beispiel im Talmuseum Ciäsa Granda. Jeder Bergell-Anfänger sollte es besuchen. Es führt vom winzigen Universum der Mineralien, von der stillen Welt der Pflanzen hinaus in den Weltruhm der Giacometti-Künstlerdynastie. Alberto und Diego Giacometti sind ihre berühmtesten Sprosse, hier in Stampa sind sie geboren und aufgewachsen und hier liegen sie begraben.

Enges Tal, weite Welt

Das enge, steile Bergtal und die weite Welt. Diesem Gegensatz begegnen wir im Bergell auf Schritt und Tritt. In 20 Minuten sind wir von Stampa über die Maira-Brücke hinüber nach Coltura spaziert. Am Ende einer Allee erblicken wir eine Fata Morgana. Rostrot leuchtet uns das Palazzo Castelmur aus den satten Wiesen entgegen. Im Gegensatz zur Fata Morgana löst sich das Schlösschen aber nicht im Dunst auf. Wir treten ein und glauben uns in ein Märchen versetzt. Von Gemach zu Gemach schreiten wir auf Zehenspitzen übers Parkett, unterhalten uns nur noch im Flüsterton. Jeder Raum ist in einem anderen Stil gehalten, jeder Saal überrascht durch neue Farbenpracht.

Solcher Prunk erklärt sich durch harte Fakten. Im 19.Jahrhundert sind viele Bergeller so arm, dass ihnen nur die Möglichkeit bleibt, als Wirtschaftsflüchtlinge ihr Glück zu versuchen. Sie spezialisieren sich in der Zuckerbäckerei, sie eröffnen in unzähligen Städten von Portugal bis Russland Kaffeehäuser, die Castelmurs in Marseille gehören zu den erfolgreichsten. Sie kehren zurück ins Tal, bauen um 1850 selbstbewusst ihr auffälliges Schlösslein.

Durch den Ausflug gewinnen wir an Höhe, und da kommen wir auf den Geschmack: Zum luftigen Sentiero Panoramico ist es bloss ein Katzensprung. Der Spaziergang nach Soglio ist nach zwei Minuten beschlossene Sache. Der gut gesicherte Pfad führt durch mehrere wilde Bachgräben, über kunstvoll mit Natursteinen gefügte Treppen weist er hinauf in die wilde Bergwelt des Badile und Cengale, die auf der anderen Talseite in den Himmel schiessen. Schritt um Schritt geht es hinunter, bis zwischen den Blättern der Kirchturm von Soglio heraufleuchtet.

Schwelle zum Paradies

Die Schwelle zum Paradies hat man das sonnenreichste Dorf des Bergells immer wieder genannt. In der Tat ist es angenehm, durch die engen Gässchen zu spazieren und die einheimische Architektur im Detail zu inspizieren. Das Paradies ist im Umbruch. Schule und Poststelle sind längst geschlossen, im ehemals einwohnerstärksten Dorf der Talschaft wohnen heute rund ums Jahr am wenigsten Menschen, die meisten Wohnungen sind Ferienresidenzen. Berühmt ist das Gasthaus Palazzo Salis, nicht zuletzt, weil hier im Sommer 1919 Rainer Maria Rilke abstieg und in der Bibliothek viele Briefe an seine Verehrerinnen schrieb. Der sensible Dichter fand die Absteige mit den Himmelbetten leidlich, doch er ärgerte sich über die dummen Berge mit den Schneegirlanden, welche ihm den Blick in sein Traumland Italien versperrten.

Veränderungen gibt es auch sonst im Bergell. Immer schon war das Tal eine wichtige Verbindungsachse zum Septimerpass, später zum Maloja und Julier. Ein Teil der Bevölkerung lebte vom Transitverkehr. Der war so gemächlich, dass die Gäste aus Italien auf dem Weg in die Engadiner Sommerfrische zur Angewöhnung an die dünne Luft im Hotel Bregaglia in Promontogno Station machten. Dann kam das Automobil und degradierte die engen Gassen zwischen den Häusern zu lärmigen Verkehrsschleusen. Jetzt haben die meisten Dörfer eine Umfahrung, man hört den Brunnen wieder plätschern. So kann sich das Bergell wieder auf seinen Eigenwert besinnen.

Ein solcher Eigenwert ist auch die Kastanie. Während Jahrhunderten war sie den Bergellern Hauptnahrungsmittel. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Pflege der Kastanienselven vernachlässigt, die Speicherhäuschen, in denen man sie trocknete, zerfielen. Seit ein paar Jahren entdeckt man die Kastanie neu. In den Dorfläden kann man von Kastaniennudeln über Kastanienbrot bis hin zum Kastanienwhisky alles kaufen und als Souvenir nach Hause nehmen.

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