In Latours Garten Eden

Im Ruhestand will der frühere Trainer und TV-Experte Hanspeter Latour jedes Tier und jede Pflanze in seinem naturnahen Garten im Eriz fotografisch festhalten. Der 67-Jährige ist auf gutem Weg.

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Eriz im Berner Oberland, Geissegg heisst der Ortsteil, ein Chalet mit Schweizer Fahne an der Fassade. Der Zweitwohnsitz der Familie Latour. Die Aussicht hier ist fantastisch. Die Emmentaler Alpen vor der Haustüre mit der Sichle und den Sieben Hengsten, ennet dem Berg beginnt das Justistal. Eben hat der Bauer vom Nachbarhof die Ziegen aus dem Stall gelassen.

Man könnte hier einfach sitzen und das Leben geniessen. Thilde Latour zum Beispiel kann das sehr gut. Ihr Mann aber ist auf der Lauer, denn hier lebt er seine Leidenschaft. Wie ein Panther auf der Jagd schleicht Hanspeter Latour durch sein Reich, den naturnahen Garten mit Biotop, den er vor drei Jahren angelegt hat. Sein Blick ist wachsam, die Schritte vorsichtig. Latour hat seine Waffe im Anschlag, eine kleine Digitalkamera.

Bald will er sich «etwas Professionelleres» zulegen, er hat gehört, die neue Nikon könne seine Bedürfnisse abdecken. «Da, ein Admiral», sagt er plötzlich. Der Admiral, erklärt er, sei ein Tagfalter, eine von 25 Arten, die er in seinem Garten bereits gesichtet habe. Der Schmetterling landet auf einem Holzstrunk, Latour drückt ab. Das Bild ist scharf, Latour vielleicht ein bisschen stolz, richtig aufgeregt ist er auf jeden Fall. Später wird er es neben seinen bis dato 17790 anderen Fotos, die er in seinem Garten schon geschossen hat, abspeichern. Stichwort «Admiral».

Von seinen besten Bildern hat er Abzüge machen lassen, sie sind in einem Karteikasten abgelegt. Schmetterlinge, Eidechsen, Vögel, Blumen, Libellen, Käfer, es sind faszinierende Aufnahmen. Irgendwann will er ein Kartenset mit seinen Fotos veröffentlichen, «Karten aus Latours Garten» könnte es heissen, sagt er. 100 Ansichtskarten in einer schönen Box, so etwas schwebe ihm vor. Latour grinst. «Zum Beispiel hier», sagt er. «Drei Haselnüsse. Die könnte man dem FC-Thun-Trainer schicken, wenn er mal dringend drei Punkte braucht.»

Was er hier und jetzt tue, sei das «Vorspiel» zu dem, was bald komme, sagt Latour. Ende Jahr höre er mit den Vorträgen über Motivation auf, mit denen er die letzten Jahre durchs Land gereist ist. TV-Experte ist er seit der WM in Brasilien nicht mehr, ein neuer Job als Fussballtrainer komme nicht infrage. Ab Anfang 2015, sagt er, wolle er so viel Zeit wie möglich in seinem Garten verbringen, die Artenvielfalt dokumentieren, nichts anderes zähle dann noch. «Ich möchte jedes Tier und jede Pflanze, die in meinem Garten vorkommt, fotografisch festhalten.»

Dann gibt es Bratwurst vom Grill, köstlich. Die Gäste haben noch Hörnlisalat auf dem Teller, Thilde Latour auch. Ihr Mann springt schon wieder auf, der Admiral ist auf einer Blume gelandet. «Man steht nicht einfach auf, wenn die anderen noch am Essen sind», mahnt Thilde Latour. Ihr Mann lacht und sagt: «Ich kann mir doch nicht aussuchen, wann ich ein Foto machen muss.»

Berner Zeitung

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