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Kannibalismus im Tierreich

Tiere verspeisen recht häufig eigene Junge, Geschwister oder Partner. Das gehört zu ihrer Überlebensstrategie.

Gefahr für den Nachwuchs durch die eigene Mutter: Eisbär-Weibchen mit ihrem Baby. Foto: Keystone
Gefahr für den Nachwuchs durch die eigene Mutter: Eisbär-Weibchen mit ihrem Baby. Foto: Keystone

Eisbärmännchen fressen Eisbärbabys. Spinnenweibchen verspeisen paarungswillige Gatten. Vogelküken picken Geschwister zu Tode. Manch ein Jungtier labt sich an der eigenen Mutter. «Noch vor 20 Jahren galt Kannibalismus als sonderbares Ereignis im Tierreich», sagt Bill Schutt. «Inzwischen haben zahlreiche Forscher entdeckt, dass er recht häufig vorkommt.» Schutt, Zoologe an der Long Island University in New York, hat deshalb ein Buch über Kannibalismus verfasst. Darin wird klar: Die Kombinationen, wer wen frisst, sind ebenso vielfältig in der Natur, wie die Gründe, warum Tiere ihre Artgenossen fressen.

Ein Vorteil von kannibalistischem Verhalten kann ein schnelleres Wachstum sein. Ein verblüffendes Beispiel dafür ist die Überlebensstrategie von Kaulquappen von einigen Arten der Amerikanischen Schaufelfusskröte. Die jungen Amphibien leben in Tümpeln, die schnell austrocknen können. Normalerweise ernähren sie sich von Plankton und werden innerhalb von 30 Tagen zu Kröten. Nach einigen Tagen können aber plötzlich vierbis fünfmal so grosse, ballonartige Kaulquappen im Wasser auftauchen. Sie entwickeln statt der flachen Kauflächen spitze Zähne im Kiefer – die Werkzeuge, um ihre zierlichen Artgenossen zu verspeisen. Die reichhaltige Nahrung lässt sie in nur 20 Tagen erwachsen werden. Welche Mechanismen aus den Kaulquappen Kannibalen machen, ist noch nicht bekannt.

Beim Tigersalamander hingegen, dessen im Wasser lebende Larven ebenfalls zu einem geringen Prozentsatz verlängerte Zähne entwickeln und ihren Artgenossen zusetzen, haben Forscher eine Vermutung. Die kannibalistischen Salamanderjungen entwickeln sich dann, wenn die Larven zu oft aneinanderstossen, sprich, wenn ihr Lebensraum zu eng ist.

Hai-Embryonen verspeisen im Mutterleib ihre Geschwister

Ein weiterer Grund für Kannibalismus ist vor allem bei Fischen häufig – und ganz banal: Die Tiere können die eigenen Nachkommen nicht von ihrem Futter unterscheiden, das aus Eiern und Larven besteht. Bei Fischen ist Kannibalismus deshalb die Regel und nicht die Ausnahme. Die Weibchen produzieren zum Teil Millionen von Eiern, die von den Männchen durch eine Spermienwolke im Wasser befruchtet werden. Diese Art der Fortpflanzung funktioniert nur über die Masse. Eine elterliche Fürsorge ist unmöglich.

Doch selbst bei den schätzungsweise 90 Fischfamilien, bei denen Brutpflege vorkommt, verspeisen die Erwachsenen ab und zu ihre Nachkommen. Eine Besonderheit sind die Buntbarsche. Bei einigen Arten schützen die Weibchen ihre befruchteten Eier im Maul. Aber sie verzehren auch immer wieder einige Eier oder gar die gesamte Brut. «Maulbrüter praktizieren Kannibalismus vor allem, weil es, wie wir alle wissen, unmöglich ist, eine normale Mahlzeit zu essen, wenn man den Mund voller Eier hat», erklärt es Schutt salopp.

Wenn der Hunger zu gross ist, wird auch das eigene Jungtier gefressen: Komodowaran. Foto: Getty Images
Wenn der Hunger zu gross ist, wird auch das eigene Jungtier gefressen: Komodowaran. Foto: Getty Images

Das ungewöhnlichste Beispiel für eine sehr frühe Art von Kannibalismus ist ebenfalls bei den Fischen zu finden, bei Sandtigerhaien. Die Nachkommen reifen bei diesen Haien im Körper der Weibchen heran. Bereits im Mutterleib besitzen die Embryonen gut ausgebildete Zähne. Zudem haben sie dicke Bäuche, welche die Wissenschaftler zunächst für eine Art Dottersack hielten. Als sie den Mageninhalt untersuchten, fanden sie jedoch eine Überraschung: die Überreste von durchschnittlich 19 Embryonen, Opfer einer im Tierreich einzigartigen Geschwisterrivalität. Bei den Sandhaien entwickeln sich die Embryonen zeitlich versetzt, sodass die ältesten zunächst ihren Dotter verspeisen und schliesslich die jüngeren Geschwister – noch im Bauch der Mutter. Pro Eileiter bleibt so ein Junghai übrig.

Auch bei Vögeln können sich Küken unterschiedlich schnell entwickeln und manch ein Junges dient dem Erstgeschlüpften als Mahlzeit. Limitierender Faktor ist jedoch der Schnabel. Die begrenzte Öffnung ist ein Grund, warum Geschwister-Kannibalismus bei Vögeln wenig verbreitet ist. Nur einige Arten wie Greifvögel oder Eulen können grössere Fleischbrocken bewältigen.

Je mehr Brutpflege eine Tierart betreibt, umso seltener frisst sie ihre Jungen. Dennoch fürchtet selbst bei Säugetieren manch ein Baby um sein Leben. So verleiben sich Eisbärenmännchen bei Nahrungsmangel auch Jungtiere ein. Dieses Verhalten wird aber nicht erst seit der Klimaerwärmung beobachtet, betont Schutt. Auch bei anderen Grosssäugern trachten Männchen den Kleinen nach dem Leben. Wenn etwa Bären, Löwen oder Schimpansen eine Gruppe übernehmen, so töten sie die Jungtiere, die der vorherige Chef gezeugt hat.

Am spektakulärsten ist aber der sexuelle Kannibalismus, wenn bei der Paarung ein Partner – meist das Männchen – im Magen des anderen verschwindet. Diese Art des Fressens und Gefressenwerdens ist allerdings im Tierreich kaum verbreitet. Sie kommt fast ausschliesslich bei Spinnen und Insekten wie der Gottesanbeterin vor. Den Fangschrecken mit den wie zum Gebet erhobenen Vorderbeinen haftet seit dem 19. Jahrhundert ein wenig keusches Verhalten an. Damals beobachtete ein Insektenzüchter nicht nur, dass ein Weibchen seinem Partner den Kopf abgebissen hatte, sondern auch, wie das enthauptete Männchen stundenlang weiterkopulierte.

Kannibalismus nach der Paarung: Gottesanbeterin verspeist das Männchen. Foto: Wikimedia
Kannibalismus nach der Paarung: Gottesanbeterin verspeist das Männchen. Foto: Wikimedia

Inzwischen haben Wissenschaftler das männerverschlingende Gebaren der Gottesanbeterin relativiert. Demnach verspeisen hauptsächlich ausgehungerte Weibchen in Gefangenschaft ihren Gemahl. So ganz sicher sind sich aber paarungswillige Männchen auch in der Natur nicht. Sie nähern sich nur mit äusserster Vorsicht einer Partnerin, damit diese sie nicht mit einem Beutetier verwechselt. Und warum kopflose Gottesanbetermännchen weiterkopulieren, erklären sich die Forscher ähnlich wie das Phänomen eines kopflos herumrennenden Huhns. Immerhin kann im Fall der Gottesanbeterin das Männchen noch seine Spermien abgeben, bevor es stirbt.

Der «Kopulationssuizid» lohnt sich für die Männchen

Das ist auch bei gemeuchelten Spinnenmännchen häufig der Fall. Forscher haben lange gerätselt, wo der evolutionäre Vorteil für die Männchen liegt, die sich fressen lassen. Bei der Australischen Rotrückenspinne fanden sie, dass sich die kannibalisierten Männchen länger gepaart hatten und damit doppelt so viele Eier befruchten konnten, als solche, die das Weite suchten. Zudem gingen Weibchen, die ihren Geschlechtspartner verzehrt hatten, seltener erneut eine Verbindung mit andern Männchen ein. Der «Kopulationssuizid» sei zudem kein allzu grosses Opfer. Schliesslich sterben die Männchen der Rotrückenspinne nach dem Sex sowieso, weil ihre Geschlechtsorgane bei der Kopulation abreissen und sie so tödlich verwundet werden.

Männchen von anderen Spinnenarten geben sich nicht so kampflos geschlagen. Sie haben teilweise ausgeklügelte Strategien entwickelt, um gefrässige Weibchen zu überlisten. So fesseln einige Männchen der Schwarzen Witwe kurzerhand ihre Partnerin mit einem Spinnenfaden. Und Mitglieder der Dickkieferspinnen nutzen ihren speziell ausgebildeten Kiefer, um die Kinnlade der Gattin während des Geschlechtsakts zu blockieren. Hingegen nähern sich Männchen der echten Webspinnen einfach erst dann der Auserwählten, wenn sie eine andere Beute erlegt hat.

Während generell die Weibchen eher zu Kannibalismus neigen, gibt es jedoch auch Fälle, in denen sie die Opfer sind – von ihren Jungen. Die Kellerspinne versorgt zunächst ihre neu geschlüpften Nachkommen, indem sie sogenannte trophische Eier legt. Das sind Eier, die ausschliesslich der Ernährung dienen und die zum Beispiel auch Marienkäfer oder Schnecken ihrer Brut vorsetzen. Nach der ersten Häutung benötigen junge Kellerspinnen allerdings mehr Nahrung. Dann ruft die Spinnenmutter ihre Kinderschar zu sich, indem sie aufs Netz klopft. Die Jungen kommen und fressen sie bei lebendigem Leibe.

Bill Schutt: «Cannibalism – A Perfectly Natural History», Algonquin Books of Chapel Hill

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Menschlicher Kannibalismus

In der Not frisst der Mensch den Menschen. Ein paar Beispiele.

Vor 100'000 Jahren Neandertaler haben vermutlich ihre Artgenossen verspeist. Darauf lassen Knochenfunde aus Höhlen in Nordspanien, Südfrankreich und Kroatien schliessen. Die frühmenschlichen Überreste waren ebenso mit Klingen bearbeitet worden wie die Knochen von Rothirschen.

450 v. Chr. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot erwähnt, dass in einer hungernden Truppe Strohhalme verteilt wurden, um denjenigen, der den Kürzeren zog, zu töten und zu essen. Angeblich sollen das die Soldaten des persischen König Kambyses getan haben, als sie nach Ägypten zogen.

1492 Christoph Kolumbus prägt den Begriff «Kannibale». In seinem Bordbuch beschreibt er, dass sich gefangen genommene Indianer von den Karibischen Inseln vor ihren Nachbarn, den «Canibs» oder «Canima», fürchteten. Diese galten als Menschenfresser. Ob es in der Neuen Welt kannibalische Bräuche gab, ist historisch nicht belegt.

Ende 19. Jh. Bei dem Volk Fore in Papua-Neuguinea tritt eine merkwürdige Krankheit auf: Kuru. Die Betroffenen lachen wirr, verlieren das Gleichgewicht, können nicht mehr schlucken und sterben. Erst in den 1950er/60er-Jahren finden Forscher die Ursache: Bei den Beerdigungsritualen haben die Menschen infizierte Gehirne der Verstorbenen gegessen und sich mit Prionen infiziert.

1941/44 Hitler lässt Leningrad von seinen Truppen einkesseln, um die Bevölkerung auszuhungern. Die Eingeschlossenen essen Ratten, Ledersohlen, lecken Leim von Buchrücken. Während der rund 900 Tage kommen bis zu 1,5 Millionen Menschen um. Bereits im ersten Winter registrieren die russischen Behörden 1000 Fälle von Kannibalismus.

1959/60 Die Hungersnöte in China sind eine Folge der katastrophalen Landwirtschaftspläne von Mao Zedong. Schätzungsweise 25 Millionen Menschen sterben. Die Bevölkerung greift zum Teil auf Menschenfleisch zurück. Allein in der Provinz Anhui sind 1289 Fälle von Kannibalismus dokumentiert. Dass Menschen Fleisch von ihresgleichen essen, kam in China im Laufe der Geschichte immer wieder vor.

1960er Nach Jahrhunderten stoppt der brasilianische Stamm Wari das Beerdigungsritual, Verstorbene bis auf den letzten Fingerknochen zu verzehren. Angeheiratete Familienmitglieder zeigten durch das Verspeisen des Leichnams den Angehörigen ihre Anteilnahme.

1972 Flugzeugabsturz über den Anden mit 45 Menschen an Bord. Zwölf sind sofort tot, fünf Verletzte sterben in der ersten Nacht, weitere kommen in einer Lawine um. Die übrigen harren im Schnee bei minus 40 Grad aus. Sie essen von den Toten, die zum Teil ihre Freunde waren. Nach über 70 Tagen werden 16 Überlebende gerettet.

2001 Armin Meiwes, der Kannibale von Rotenburg, tötet einen 43-jährigen Mann. Die beiden haben sich übers Internet gefunden. Der Täter ist davon besessen, Menschenfleisch zu essen, der andere will sich verspeisen lassen. Der Kannibale schneidet dem Opfer zunächst den Penis ab, den beide gemeinsam verzehren und ersticht dann den 43-Jährigen. Dessen Fleisch isst er während Monaten.

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