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Erkenntnisse eines Sonntagnachmittags im Bad

Bewusster konsumieren, für sich und die Umwelt: kein leichtes Unterfangen. Doch immerhin wird es dank dem Internet einfacher.

Kosmetika tun gut. Das suggeriert uns nicht nur die Werbung, täglich erfahren wir es am eigenen Leib: Ohne diese Crèmes, Shampoos, Pasten und Tinkturen wäre unsere Haut rauher, unsere Haare unbändiger, unsere Zähne löchriger, kurz: Unser Leben wäre um einiges hässlicher.

Doch wie gut sind Kosmetika wirklich? Für uns und für die Umwelt? Als bewusster Zeitgenosse soll man ja stets Gutes tun, auch und gerade beim Konsum. Das ist leichter gesagt als getan. Einerseits, weil Kaufentscheide stärker von Emotionen als von Vernunft gesteuert sind. Andererseits sind Informationen, etwa über Inhaltsstoffe von Lebensmitteln oder Kosmetika, zwar grundsätzlich verfügbar, jedoch systematisch im Kleingedruckten untergebracht. Wer liest das schon? Der bunte, vielversprechende Produktname ist alles, wonach unser Jäger-und-Sammler-Hirn im Laden Ausschau hält. Und wer sich je die Mühe nimmt und beispielsweise die Inhaltsstoffe seiner Zahnpasta von der Tube abliest, versteht in der Regel kaum ein Wort davon.

Etwas Benzophenone-4 gefällig?

Die tägliche Chemie, mit der wir uns waschen, spülen, salben und besprühen, zeigt jedoch nicht nur die beworbene Wirkung, sondern auch solche, von denen uns die Hersteller nur ein gesetzlich vorgeschriebenes Minimum an kryptischer Information liefern. So verrät mir das Kleingedruckte auf der Packung meines Duschgels etwa, dass es unter anderem Cocamidopropyl Betaine oder Benzophenone-4 enthält. Schön. Doch soll man sich darüber freuen oder muss man sich deswegen Sorgen machen?

Da trifft es sich gut, dass man heute nicht nur dazu angehalten ist, ein moralisch korrekter Konsument zu sein, man muss in unserer Zeit auch nicht mehr alles im Kopf haben. Schliesslich kann man ja so gut wie alles im Internet nachschlagen. Also ab mit dem Laptop ins Bad, wo mein drahtloses Heimnetz mich mit der grossen, weiten Welt des Internets verbindet.

Codecheck enthüllt, was drin ist

In diesem Fall befrage ich jedoch nicht das Universalorakel Google, sondern die Website Codecheck.info. Diese sammelt seit sechs Jahren Angaben zu Produkten des täglichen Gebrauchs, vorwiegend Lebensmittel, aber auch Kosmetika.

Codecheck verrät mir folgendes über mein Duschgel, ein Produkt von Nivea: Von den 22 erfassten Inhaltsstoffen sind deren 10 empfehlenswert, also unbedenklich, 6 eingeschränkt empfehlenswert, je einer weniger respektive nicht empfehlenswert, 4 weitere sind nicht bewertet.

Das erwähnte Cocamidopropyl Betaine ist demnach unbedenklich, sogar ein natürlicher Stoff. Zu denken gibt aber das Benzophenone-4. Gemäss den Angaben von Codecheck, die in diesem Fall von Ökotest aus Deutschland stammen, kann der Stoff «wie ein Hormon wirken». Er werde über die Haut aufgenommen und wurde sogar schon in der Muttermilch nachgewiesen. Zum Glück stille ich keine Säuglinge. Mehr zu denken gibt mir hingegen, dass der Stoff Allergien auslösen könne.

Alternativen?

Da liegt der Gedanke nahe, beim nächsten Mal ein anderes Duschgel zu kaufen. Doch welches? Codecheck bietet dafür eine praktische Alternativensuche an: Für jeden gefundenen Inhaltsstoff kann man bequem anklicken, ob man andere Produkte mit oder ohne ihn haben möchte. Ich verzichte also auf die beiden bedenklichen Stoffe meines aktuellen Duschgels und bekomme eine üppige Liste von 409 Produkten (aus 572 in dieser Kategorie erfassten) vorgeschlagen.

Das ist mir zu viel des Guten, doch immerhin ist die Liste nach Unbedenklichkeit sortiert. Demnach wäre Allergenics Wash von Optima Health & Nutrition (aus UK) das unbedenklichste aller Duschgels. Doch wo man das kaufen kann, verrät die Website leider nicht.

Die Grenzen des Codechekings

Was fehlt, sind Angaben über die Menge der Inhaltsstoffe, denn wie wir von Paracelsus wissen: «Allein die Dosis macht, ob ein Ding ein Gift ist.» Mengenangaben fehlen jedoch sowohl auf den Kosmetika selbst, weil nicht vorgeschrieben, als auch bei Codecheck sucht man in den meisten Fällen vergeblich nach Auskünften darüber, ab welcher Menge eines bestimmten Stoffes man sich Sorgen machen muss. So bleibt nur der radikalste Weg, nämlich auf bedenkliche Stoffe ganz zu verzichten. Denn sicher ist nur, dass ein nicht vorhandener Stoff auch sicher nichts anrichtet.

Beflügelt von den Erkenntnissen über mein Duschgel, nehme ich mir weitere Produkte aus meinem Bad vor. Was mein aktuelles Haarshampoo angeht, so wasche ich meine Hände insofern in Unschuld, als dass es ein Werbegeschenk von Redken war. Codecheck kennt es nicht. Also gebe ich mir einen Ruck und erfasse es selber, denn Codecheck funktioniert nach dem Wikipedia-Prinzip, bei dem alle Nutzer auch Informationen eingeben und ändern können. Was macht man nicht alles, gerade an einem verregneten Sonntagnachmittag, um ein guter Zeitgenosse zu sein?

Zu viele Tippfehler

Brav tippe ich Barcode-Nummer, Herstellername und die in unleserlicher Mikroschrift aufgedruckten Inhaltsstoffe ein. Gute zehn Minuten später, mir schmerzen schon die Augen, ist alles erfasst, die diversen Tippfehler bereinigt und Codecheck liefert sein Resultat: Weitgehend unbedenklich (13 Inhaltsstoffe sind unbedenklich, 2 eingeschränkt unbedenklich und weitere 4 nicht bewertet). Damit kann ich leben.

Insgesamt schlage ich ein Dutzend Produkte nach. Dabei finde ich nicht nur heraus, welche ich nicht mehr kaufen möchte, mehr dazu gleich, sondern stosse auch auf weitere Limitationen von Codecheck. Ganze sieben Produkte sind überhaupt nicht erfasst, also mehr als die Hälfte. Von jenen, die der Website bekannt sind, sind etliche unvollständig erfasst oder mit Schreibfehlern, was genau- so wenig nützt, weil so keine Zusatzangaben angezeigt werden. Das sind die Schattenseiten des Jekami-Prinzips. Man tut also gut daran, die bei Codecheck gefundenen Inhaltsstoffe noch mit den Angaben auf der echten Packung zu vergleichen.

Gleich fünf bedenkliche Stoffe im Deo

Nichts zu beanstanden gibt es bei der Soft-Clear-Gesichtslotion von der Migros, dem Nivea-Gesichts-Peeling und dem Silicea-Balsam. Nicht perfekt, aber dennoch weiterhin willkommen ist mir der Nivea-Rasierschaum und meine Elmex-Zahnspühlung. Bei zwei Produkten, beides Putzmittel aus der Migros, gibt die Verpackung nichts her, was man bei Codecheck erfassen könnte. Bei zwei weiteren Kosmetika habe ich die Verpackung nicht mehr, muss also in der bisherigen Ungewissheit weiter leben. Umgehend entsorgt habe ich mein Deo von Biotherme, das gleich fünf bedenkenswerte Chemikalien enthält. Auch von der Signal-Zahnpasta mit vier derartigen Stoffen lasse ich fortan die Finger.

Wirklich zu denken gibt einem zu guter Letzt jedoch die Tatsache, dass alle diese «nicht empfehlenswerten» Stoffe keineswegs illegal oder verboten sind. Immerhin ist es dank Diensten wie Codecheck heute einfacher denn je, ihnen auszuweichen.

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