Garten, ich mag nicht warten

Geduld wird überschätzt, sagt unsere Autorin. Obwohl in ihrer Familie eine alte Gärtnerweisheit längst bekannt ist: Im Garten muss man warten.

«Im Garten muss man warten», wusste schon die Grossmutter der Grossmutter von der Grossmutter unserer Autorin.

«Im Garten muss man warten», wusste schon die Grossmutter der Grossmutter von der Grossmutter unserer Autorin.

(Bild: Melanie Duchene)

Marina Bolzli@Zimlisberg

Ich kauere im Gartenbeet über den vermuteten Kefen und ärgere mich. Jedes Jahr dasselbe! Da brüste ich Besserwisserin mich in Kolumnen darüber, wie gut ich das Gartenleben im Griff habe, gebe Gärtnerinnentipps und lache über meinen unbedarften Kollegen, der nicht einmal weiss, wann Spargel Saison haben – und dann? Beachte ich das einfachste Prinzip nicht. Ein Prinzip, das schon die Grossmutter der Grossmutter meiner Grossmutter verfolgt hat. Es heisst: «Im Garten muss man warten.»

Grossmäulig weise ich jeweils auf diese alte Gärtnerweisheit hin, etwa wenn Früheilige schon Ende April Tomaten setzen wollen. Haben diese Menschen denn noch nie etwas von den Eisheiligen gehört? Kennen sie denn nicht die Grundregeln des Garten-Abc? Doch jetzt hat es mich erwischt. Auch wenn ich immer noch am liebsten anderen die Schuld gebe. Zum Beispiel dem Wetter, es ist mein idealer Sündenbock.

Und diese warmen Februar­tage, die waren schon verhängnisvoll. Es war auf dem Kalender schon fast März, man sehnte den Frühling herbei, meinte ihn zu spüren, denn die Sonne schien beängstigend stark – und der Boden! Schon warm, noch feucht, aber trocken genug, um bereits bearbeitet zu werden. Es gab kein Halten. Ging auch so leicht und fühlte sich richtig an, ich kam sogar leicht ins Schwitzen. Und sowieso, frühe Rüebli, Spinat, Kefen und Radiesli, die dürfen doch im März in den Boden. Und März war es ja fast. Nur noch zwei Tage.

Sie wissen ja, was dann folgte: Winterjackenwetter, Schafs­kälte, Neuschnee bis in tiefe Lagen. Aber ich blieb stark. Die Samen werdens schon über­leben, dachte ich eine Woche, dachte ich zwei Wochen. Aber dann wurde ich Tag für Tag missmutiger. Der Gipfel war erreicht, als der scheinbar ahnungslose Kollege freudestrahlend mit nichts in der Hand im Büro erschien und verkündete, sie hätten im Supermarkt Spargel verkauft, herabgesetzt, zum halben Preis – er aber habe widerstanden, nicht gekauft, er habe ja jetzt von mir gelernt.

Er machte eine bedeutungsvolle Pause. Ja, er wisse jetzt, man müsse sich gedulden. Erwartungsvoll schaute er mich an. Was meinte er eigentlich? Ich würde nun in Jubel ausbrechen, ihm auf die Schulter klopfen, ein Diplom ausstellen? Ich starrte vergrämt in den Bildschirm. Pah, Geduld! Wird überschätzt. Die kann mich mal, diese Geduld!

Und nun ist auf dem Spinatfeld etwas Unkraut gesprossen, und wo die Rüebli wären, sehe ich nur Radieschen, die mir anzeigen sollten, wo die Rüebli wachsen. Ich kauere über den Kefen und beschimpfe mich leise selbst. Und doch, ein, zwei zarte Pflänzchen glaube ich zu erkennen. In einem Stadium, bei dem erst ein kleiner Bogen sichtbar ist, bevor sich der Sämling dann ganz ans Licht gekämpft hat. Die Kefen haben mich noch nie im Stich gelassen, zuverlässig wie die ersten Schneeglöckchen. Sie werden ihren Weg machen. Schneller als Kefen, die erst jetzt im Boden verscharrt werden, werden sie aber nicht wachsen. Sie gedeihen erst richtig, wenn das Wetter stimmt.

Alte Gärtnerweisheit.

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